FriEnt-Workshop „Gerechtigkeit fordern und Frieden fördern – wie geht das zusammen?“

 

In der 2012 gestarteten FriEnt-Reihe zum Thema „Menschenrechte und Konflikttransformation“ trafen sich am 30. November und 1. Dezember erneut 25 Teilnehmende aus verschiedenen staatlichen und nichtstaatlichen Organisationen zu einem Workshop in Bonn. Dieser zielte darauf ab, das Wissen über den Menschenrechts(MR)- und den Do no harm-Ansatz wie auch zum Zusammenspiel zwischen Konflikttransformation (KT) und MR-Ansatz zu erweitern. Der Workshop bot Raum für Reflektion und um anhand von Erfahrungen und spezifischen Kontexten voneinander zu lernen. Bestätigt wurde, dass gesellschaftlicher Wandel für Gerechtigkeit und Frieden in Konfliktkontexten ein gutes Zusammenspiel von MR-Ansatz und KT braucht und dabei eine Reihe von Herausforderungen und Dilemmata zu bewältigen sind.

Zunächst skizzierten Viola Bölscher (GIZ) und Wolfgang Heinrich (Plattform Zivile Konfliktbearbeitung) die beiden Ansätze in ihren Grundzügen, adressierten Gemeinsamkeiten und Herausforderungen und zeigten Bedarf und Möglichkeiten zum Zusammenspiel auf. Anhand von drei Fallbeispielen von Anja Petz (Kurve Wustrow), Jutta Werdes (Brot für die Welt) und Viola Bölscher wurden konkrete Lernerfahrungen zur Integration der beiden Ansätze in die Arbeit der jeweiligen Organisationen und deren Vorhaben reflektiert und diskutiert. Am zweiten Tag wurde  die Unterstützung und Begleitung von Partnern im Zusammenhang internationaler Lobby- und Advocacy-Arbeit für Frieden und Menschenrechte in den Blick genommen.

In Hinblick auf Gemeinsamkeiten und Schnittflächen beider Ansätze wurde hervorgehoben, dass Konfliktsensibilität für beide Ansätze ein Anliegen sei. So wäre es beispielsweise wichtig für das „Empowerment“ von „RechtsträgerInnen“ diese dazu zu befähigen und/oder darin zu unterstützen, sich an Dialogprozessen auf Augenhöhe zu beteiligen, während gleichzeitig konfliktsensibles Handeln ohne Prinzipien aus dem MR-Ansatz nicht möglich sei. Die Anwendung des einen oder anderen Ansatzes ist kontext- und vom politischen Umfeld abhängig. Sowohl im Bereich KT als auch MR- ist die Arbeit an relevanten, strukturellen Themen mit Widerständen und Konflikten konfrontiert. Diese gilt es nicht zu vermeiden, sondern in konstruktiver Art und ohne Anwendung von Gewalt zu bearbeiten. Solche Spannungsfelder ergeben sich nicht nur zwischen, sondern auch innerhalb der Ansätze.

Eine der zentralen Herausforderungen ist die zeitliche Abfolge der Anwendung der unterschiedlichen Ansätze und Interventionen,- vor allem, wenn es notwendig wird, schnell zu handeln und Kontextanalysen erst im Nachhinein erstellt werden können. Die Spannungsfelder, die durch MR-Arbeit und KT entstehen können, sind abhängig von der Interventionsebene und den daraus resultieren Wechselwirkungen. Neuralgische Punkte sind immer wieder Themen wie Schuld, Täter-/Opferausgleich oder Strafverfolgung. Herausgearbeitet wurden auch die Unterschiede zwischen MR-Arbeit und Konflikttransformation im Umgang mit Opfern, TäterInnen und Verantwortungsübernahmen sowie einem unterschiedlichen Anspruch und Verständnis des Begriffs der „Allparteilichkeit“.

Für die eigene Advocacy-Arbeit gilt es, die jeweiligen Ansätze expliziter zu machen, den systematischen Blick zu schärfen und sich dabei auf die praktische Relevanz in konkreten Situationen zu besinnen. Es sei zudem wichtig, sich mit Widerständen auseinander zu setzen und die Komplementarität der Ansätze kritisch zu überprüfen. Viele PartnerInnen wechseln zwischen den Ansätzen oder wenden sie beide an, da es sowohl „naming and shaming“ braucht, um Prozesse anzustoßen, als auch einen konfliktsensiblen Ansatz. Eine Stärkung des Dialogs und Austauschs sowie der Vernetzung der externen Akteure im konkreten Kontext ermöglicht es den KT- wie auch den MR-Akteuren, Lernerfahrungen zu sammeln und die eigenen Argumente zu schärfen. Für eine konfliktsensible Advocacy-Arbeit sei zudem wichtig, Szenarien-Entwicklung im Dialog mit den Partnerorganisationen durchzuführen, um zu reflektieren, welche Folgen die jeweilige Advocacy-Arbeit haben kann und ob diese tragbar sind. Ebenso sollten sowohl für Partnerorganisationen als auch für die eigenen Friedensfachkräfte Reflexionsräume geschaffen werden, um die eigene/n Rolle/n und deren Integrität zu überprüfen. Gleichberechtigter Dialog und Austausch sowie langfristige Begleitung von Partnerorganisationen und verstärkter Austausch auch zwischen „Nord-Akteuren“ seien hier unverzichtbar.


Weitere Informationen:

Anja Justen, FriEnt/Konsortium Ziviler Friedensdienst
anja.justen(at)frient.de

Caroline Kruckow, FriEnt/Brot für die Welt
caroline.kruckow(at)frient.de

Links und Literatur:

Rethinking Conflict Transformation from a Human Rights Perspective
Michelle Parlevliet | Berghof Foundation | September 2009