Flexibilisierung, Standardisierung und gemeinsames Lernen – FriEnt-BMZ-Workshop zu Herausforderungen für die Arbeit in Krisengebieten der Region Nahost

©Vesna Middelkoop/flickr

 

Das Arbeiten in den Krisengebieten des Nahen Ostens stellt staatliche und zivilgesellschaftliche Akteure vor große Herausforderungen. Die Arbeit in eskalierten Gewaltkontexten, in denen man häufig kaum auf vorherige Arbeitserfahrungen und gewachsene Beziehungen zurückgreifen kann, in denen die Sicherheitslage für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sowie Partner prekär ist und Gewalterfahrungen im Umfeld die psychische Belastung noch erhöhen, und in denen das komplexe Konfliktgefüge Friedensförderung vor große Herausforderungen stellt, gestaltet sich als höchstschwierig. Für eine erste Bestandsaufnahme dieser Herausforderungen luden FriEnt und das BMZ staatliche und zivilgesellschaftliche Organisationen der Entwicklungszusammenarbeit und Humanitären Hilfe zu dem Workshop „Herausforderungen für die Arbeit in Krisengebieten der Region Nahost“ ein. Nach kurzen Inputs von VertreterInnen der Welthungerhilfe und Misereor wurden gemeinsam Herausforderungen in Diskussionen und Arbeitsgruppen identifiziert und erste Vorschläge gemacht, wie diesen in Zukunft begegnet werden könnte.

Das Thema Personalfürsorge hat zentralen Stellenwert. Aufgrund der akuten Gefahrenlage für Mitarbeitende und des Leides durch Gewalt und Vertreibung, welches sie tagtäglich beobachten, ist neben der physischen Sicherheit vor allem die Frage wichtig, wie adäquat mit psychosozialer Belastung umgegangen werden kann, und wo Grenzen gesetzt werden müssen. Die Tatsache, dass hier häufig unterschiedliche Vorkehrungen und Regelungen für internationale Mitarbeitende, lokales Personal und lokale Partner gelten, bleibt ethisch hochproblematisch; Risiken dürfen nicht auf lokale Partnerorganisationen abgewälzt werden, um das eigene Personal zu schützen. Ausreichende Mittel für Personalfürsorge müssen bereitgestellt werden – dies geschieht bisher vielfach noch aus Spenden- und Eigenmitteln. Es wurde zudem diskutiert, ob sich Nichtregierungsorganisationen und BMZ auf Minimalstandards im Bereich Personalfürsorge einigen sollten – ohne dabei die Eigenständigkeit der Akteure der Entwicklungszusammenarbeit und Humanitären Hilfe einzuschränken. Hierzu ist weiterer Erfahrungsaustausch gewünscht.

Um auf die Unberechenbarkeit von Krisenkontexten reagieren zu können, bedarf es eines hohen Maßes an Flexibilität – gerade auch in der Friedensförderung. Wichtig ist dabei, dass von Geberseite Vertrauen in zivilgesellschaftliche Akteure gesetzt wird, und dass Verfahren und Instrumente neue, lokal verankerte Ideen und Ansätze erlauben, statt sie in thematische Korsetts zu pressen. Schnelles und unbürokratisches Umsteuern bei Kontextveränderungen muss möglich sein und neben dem Reagieren auf unmittelbare Bedarfe muss der langfristige Horizont im Auge behalten werden. Hier wäre eine Anpassung und Flexibilisierung von Finanzierungstiteln wichtig. Zudem wurde betont, dass die Fähigkeit zivilgesellschaftlicher Organisationen, Menschen auch in Krisengebieten zu erreichen, in denen Regierungen aus politischen Gründen nicht agieren können, wichtig ist und erhalten werden muss.

Hürden und Druck vonseiten nationaler oder lokaler Behörden oder politischer Akteure, die oft direkten Einfluss, beispielsweise auf die Auswahl von Partnern oder Zielgruppen, nehmen wollen, nehmen zu. Hier wünschen sich die Teilnehmenden stärkere Unterstützung durch die Bundesregierung, auch auf politischer Ebene.

Wo eine physische Präsenz derzeit nicht oder nur eingeschränkt möglich ist, bedarf Arbeiten durch „remote management“ ausreichender Mittel und Flexibilität. Hier besteht länder- und regionenspezifischer Austausch- und Koordinationsbedarf, unter anderem zur adäquaten und langfristig gedachten Förderung von Partnern und zum „remote monitoring“.

Im Bereich friedensfördernde Arbeit gibt es derzeit vor allem für den Irak und Syrien einen starken Fokus auf Traumaarbeit. Aufgrund der Vielzahl an Akteuren, die häufig ohne lokale Kenntnisse und psychologische Expertise tätig werden, bestehen Bedenken um die Qualität der Interventionen. Zudem ist es problematisch, kurzzeitige Traumaarbeit durchzuführen, obwohl nach wie vor Gewalt herrscht und Lebensbedingungen höchst unsicher sind. Auch der Begriff „Versöhnung“, unter dem viele Programme laufen, wurde kritisch unter die Lupe genommen: Kann es Versöhnung geben, solange noch gekämpft wird? Und geht es nicht darum, zwischen Bevölkerungsgruppen überhaupt erst Bereitschaft und Bedingungen zu schaffen, die ein friedliches Zusammenleben ermöglichen? Das muss auch ökonomische Aspekte mit einbeziehen. Zu diesem Themenkomplex wäre weiterer Austausch wünschenswert. FriEnt plant, den Austausch in einem Briefing noch einmal ausführlicher zu reflektieren.


Weitere Informationen:

Julie Brethfeld, FriEnt/BMZ
julie.brethfeld(at)frient.de

Ulrike Hopp-Nishanka, BMZ
ulrike.hopp-nishanka(at)bmz.bund.de