Jugend für den Frieden?! Beteiligung junger Menschen an gesellschaftlichen und politischen Prozessen im Nahen und Mittleren Osten

Genau vor zwei Jahren wurde die UN Resolution 2250 zu Jugend, Frieden und Sicherheit (YPS) vom Sicherheitsrat der Vereinen Nationen verabschiedet. Neu ist, dass die Resolution 2250 junge Menschen als sogenannte „change agents“ begreift. Als Teil einer Gesellschaft, der positiven Wandel hervorbringen kann. Doch gerade im konfliktreichen Nahen und Mittleren Osten, wo der Anteil junger Menschen an der Gesamtbevölkerung etwa 50% ausmacht, haben junge Menschen nur sehr begrenzte Möglichkeiten an der Gestaltung des sozialen und politischen Lebens positiv mitzuwirken.

Die Arbeitsgemeinschaft Frieden und Entwicklung (FriEnt) in Kooperation mit dem Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) und dem Institut für Entwicklung und Frieden (INEF) haben diese Problematik zum Anlass genommen und am 14. Dezember in Berlin zum Workshop „Youth for Peace. Challenges and chances of strengthening youth participation in the Middle East to build peace” Vertreter/innen aus Wissenschaft, Staat und Zivilgesellschaft eingeladen. Die Teilnehmenden hatten die Möglichkeit, gemeinsam mit jungen Menschen aus Europa, Syrien, Jemen, Libyen und dem Libanon über Fragestellungen rund um Jugend-Partizipation und Frieden zu sprechen und Lernerfahrungen auszutauschen.

Gizem Kilinc (UNOY Peacebuilders), Peter von Sluijs (CSPPS) und Sabine Kurtenbach (GIGA) führten mit kurzen Inputs in die Thematik ein. Drei Arbeitsgruppen mit Beiträgen von Asma Khalifa (Youth peacebuilder aus Libyen), Shatha Al-Hazari (Youth peacebuilder aus Jemen) und Dirk Hansohm (Wissenschaftler) vertieften die Themen „Political and social decision making for peace against the background of local hierarchies, power structures und social norms“, „Youth participation in Peace processes“ und „Employment for peace“.

Welche Faktoren beeinflussen Jugendbeteiligung für friedliches Zusammenleben?

Die Inputgebenden betonten, dass Jugendliche sich in einer Phase der sich wandelnden Identität befinden, die sie besonders vulnerable macht. Zudem werden junge Menschen aufgrund gesellschaftlicher Normen und Traditionen marginalisiert. Sie werden als gewaltbereite Gruppe wahrgenommen oder im Raum des „arabischen Frühlings“ als Auslöser für Unruhen und Instabilität gesehen. Ob junge Menschen politisch beteiligt werden, hänge davon ab, ob die Älteren ihnen diesen Raum zubilligen, so Sabine Kurtenbach. Rechtliche/politische Normenfragen wie Wahlberechtigungsalter, Mindestalter für politische Ämter oder Parteieintritte beeinflussen die Partizipationsmöglichkeiten von jungen Menschen erheblich. Studien belegen, dass 2/3 der Jugendlichen aus dem Nahen und Mittleren Osten sich zwar gesellschaftlich engagieren, allerdings außerhalb von Politik und formellen Institutionen. Grund ist ein mangelndes Vertrauen in die Politik und die Bewahrung der eigenen Sicherheit.

Doch auch innerhalb ihres „unpolitischen“ Engagements stoßen junge Menschen auf Schwierigkeiten. Gründe hierfür sind neben Gewalt und mangelnden strukturellen Voraussetzungen (Arbeitslosigkeit, fehlende Begegnungsräume etc.), Konflikte zwischen den Generationen. Erinnerungskulturen würden kaum gefördert und ein intergenerationeller Dialog finde selten statt. Junge Menschen wüssten oft nicht, was die Probleme, Erinnerungen und Bedürfnisse der älteren Menschen seien und anderes herum. Zugänge und gelernter Umgang mit digitalen Medien verstärke diese Spaltung noch, so Asma Khalifa.

Warum Junge Menschen mit einbeziehen?

Junge Menschen haben Potentiale, die für friedensfördernde Maßnahmen von entscheidender Bedeutung sein können. Sie können unter anderem als Übermittler, insbesondere auch von Ergebnissen auf Track I Ebene zu ihren peer-groups und durch ihre Netzwerke agieren; sie können disruptiv und mit innovativen Taktiken handeln und damit Protokolle sowie Prozesse verändern oder durchbrechen. Dies kann eine innovative Wirkung haben. Darüber hinaus können junge Menschen einzigartige Dialogräume kreieren: Diese können wichtige Entscheidungsträger, zivilgesellschaftliche Akteure und junge Menschen beinhalten. Sie können je nach Dialoginhalt, in bestimmten Situationen neutraler und flexibler sein. Sie bringen ihre gelebten Erfahrungen mit und können Macht/Autorität haben, beispielsweise, wenn sie Beziehungen zu bewaffneten Akteuren, wie zum Beispiel Jugendmilizen haben etc.

Some youth know the political game – some don’t

Es ginge bei der Förderung von Jugend-Partizipation nicht darum, Jugendliche zu romantisieren, so ein Teilnehmer. Auch sie hätten politische Interessen, sicherlich gebe es auch unter ihnen Personen, die den „status quo“ erhalten mögen. Doch neben diesen Zweifeln müsse es zunächst darum gehen, die Zugänge der Jugendlichen generell zu stärken. Junge Menschen hätten aufgrund mangelnder formeller (Entscheidungs-) Prozesse meist gar nicht die Möglichkeit ihre Interessen zu äußern, bzw. sich Gehör zu verschaffen. Der Raum für politische Partizipation insbesondere in Gewaltkonflikten bzw. Phasen hoher Gewalt sei sehr begrenzt, so Shatha Al-Hazari: „At the moment it is easier to get young people involved in violence than in political or peace processes.“

Das Einbeziehen von Jugendlichen in Friedensprozesse sei eine große Herausforderung. Vielfach fehle die Zeit, um einen inklusiven Auswahlprozess jugendlicher Repräsentant/innen durchzuführen. Jugendliche würden nicht gewählt, sondern „appointed“, so Shatha Al-Harazi. Von internationalen Akteuren unterstützte Jugendliche würden von ihrer eigentlichen peer-group als „westernized“ und nicht als repräsentativ wahrgenommen. Jugendliche würden zwar teilweise in Friedensprozesse einbezogen, aber es gebe keine Mechanismen, um sie wirklich in den Prozess zu integrieren.

Was beutet dies nun für externe Akteure, die die Inklusion und Partizipation junger Menschen fördern wollen?

Politische Akteure, nationale wie internationale, müssten noch viel besser verstehen, warum es wichtig ist, Jugendliche zu integrieren und ihre Bedürfnisse in Prozesse zu „mainstreamen“ und zwar auch dann, wenn sie nicht physisch mit am Tisch sitzen, so Julian Demmer (Polis180). Hierfür müsse man immer wieder Evidenz sammeln und präsentieren, um einen Mindset-Wandeln anstoßen zu können.

Die Teilnehmenden des Workshops wiesen darüber hinaus darauf hin, dass viel stärker mit den Älteren, bzw. Erwachsenen einer Gesellschaft zusammengearbeitet werden müsse, damit sie sich konstruktiv mit der Partizipation junger Menschen auseinandersetzten statt sie zu behindern. Nicht nur hier sei die Umsetzung der „Women, Peace and Security Agenda“ (WPS), die ebenfalls nur in Zusammenarbeit zwischen Frauen und Männern umgesetzt werden könne, ein guter Bezugspunkt. Partnerschaften zur Umsetzung der WPS und YPS Agenden sollten generell stärker gefördert werden.

Um Jugendlichen langfristig eine soziale und ökonomische Lebensgrundlage und damit die Möglichkeit zu bieten sich friedensfördernd zu verhalten, unterstützen viele Organisationen beschäftigungsfördernde Programme für junge Menschen. Häufig seien die Erwartungen jedoch zu hoch, so Dirk Hansohm. Ein langfristig ausgerichtetes Beschäftigungsprogramm könne nur dann konfliktvermindernd sein, wenn es spezifisch friedensfördernd ausgerichtet ist. Cash for work Programme wurden von den Teilnehmenden sehr kritisch bewertet. Zudem wurde hervorgehoben, dass zusätzliche Forschung zu Beschäftigung und Frieden vor allem in schlecht zugänglichen Gebieten wichtig ist, um Zusammenhänge besser zu verstehen.

Die Teilnehmenden wiesen auf bestehende Hürden bei der Finanzierung hin. Um die Grundvoraussetzungen für Finanzierung zu erfüllen, benötigen Organisationen meist ein Bankkonto mit Mindesteinlagen und Büroräume zur Registrierung. Die meisten Jugendorganisationen agieren aber freiwillig oder haben nur sehr begrenzte Budgets, weshalb für sie neue Modelle erarbeitet werden müssten.

Im Jemen wurden nach dem National Dialogue junge Menschen nicht mehr miteinbezogen. Während beispielsweise Frauengruppen weiterhin Unterstützung erhielten und somit zumindest eine relative Beteiligung an politischen Prozessen aufrechterhalten konnten, gab es für die Jugendkomponenten keinerlei nachhaltige Unterstützung. Inklusivität dürfe demnach nicht mit der Unterzeichnung einer politischen Vereinbarung enden und die Unterstützung für junge Menschen müsse über die Transitionsphase hinausgehen, so die Teilnehmenden.

Auch im kommenden Jahr, wird das Thema Jugend, Frieden, Sicherheit mit der Veröffentlichung der Progress Study zur Resolution 2250 eine große Rolle spielen. FriEnt und ihre Mitgliedsorganisationen werden dies zum Anlass nehmen, um das Thema weiter zu vertiefen.


Weitere Informationen:

Elsa Benhöfer, FriEnt
Elsa.benhoefer(at)frient.de

Julie Brethfeld, FriEnt/BMZ
Julie.brethfeld(at)frient.de

Links und Literatur:

Empowering Youth to Build and Sustain Peace – Status review two years after the adoption of UNSCR 2250
Gizem Kilinç & Peter van Sluijs | FriEnt Impulse-Article | November 2017

hbs/Polis180: PeaceLab Workshop zu Jugend in Konflikten