Warum die Interaktion zwischen lokalen und internationalen Akteuren immer noch schwierig ist

Es gehört zum Grundverständnis internationaler Friedensmissionen, dass Aufbau und Stabilisierung einer friedlichen Nachkriegsordnung nur gelingen können, wenn die Bedürfnisse, Potenziale, Interessen und Erwartungen der lokalen Bevölkerungsgruppen bei den internationalen Ansätzen und Vorgehensweisen berücksichtigt werden. Dies erfordert in allen Phasen von der Vorbereitung bis zur Umsetzung einer Mission einen intensiven Austausch zwischen internationalen und lokalen Akteuren. Doch in diesem Punkt liegen Anspruch und Realität offenbar immer noch weit auseinander.

Am 2. März luden FriEnt, das Institut für Entwicklung und Frieden (INEF) und das Käte Hamburger Kolleg/Centre for Global Cooperation Research (KHK) vor diesem Hintergrund zu einem Workshop, der sich mit lokaler-internationaler Interaktion in der Friedensförderung befasste. Internationale WissenschaftlerInnen und PraktikerInnen diskutierten, welche Herausforderungen einer besseren lokalen-internationalen Interaktion im Weg stehen und mit welchen Ansätzen die Hindernisse überwunden werden können.

Anlass des Workshops war eine Studie über die als besonders erfolgreich geltende UN-Friedensmission in Bougainville. Die Ergebnisse belegen, dass der Erfolg im Wesentlichen auf dem besonderen Verhältnis zwischen der Bevölkerung von Bougainville und den internationalen Missionsangehörigen beruhte. Der Workshop stellte die Frage, welche Lehren daraus für weitere Friedenseinsätze gezogen werden können.

Im Verlauf der Diskussion tauschten die Teilnehmenden ihre Erfahrungen mit Peacebuilding-Missionen in verschiedenen Weltregionen aus. Aus der Perspektive entwicklungspolitischer Arbeit, dem Bereich ziviler Verwaltungsaufgaben und dem militärischen Aufgabenspektrum wurden dabei drei einzelfallübergreifende Beobachtungen besonders betont:

Zunächst überraschte die Feststellung, dass trotz Kontextanalysen und ernsthaften Bemühens im Vorfeld eines Einsatzes oder des entwicklungspolitischen Engagements dennoch oft das Verständnis für die lokale gesellschaftliche Dynamik fehlt. Mangelnde Kenntnis der Akteurs- und Loyalitätskonstellationen vor Ort sowie der grundlegenden Verhaltensregeln können zu Fehlinterpretation bei der Unterstützung von Verhandlungsprozessen führen. Irritation und Unsicherheit bezüglich der Ziele und Strategien des jeweiligen Gegenübers besteht jedoch auf beiden Seiten. Die Struktur und Vielfältigkeit der lokalen Gesellschaften ist eine Herausforderung für die Bemühungen der internationalen Akteure. Aus der lokalen Perspektive verhalten sich jedoch auch die verschiedenen nationalen Gruppen, die gemeinsam in einer internationalen Friedensmission agieren, in vielen Punkt unterschiedlich bis widersprüchlich. Dieser Eindruck wird durch ihre kurzen Einsatzzeiten noch verstärkt. Vertrauensvolle Gesprächskanäle und Absprachen, die mit bestimmten Mitgliedern einer internationalen Mission aufgebaut wurden, verlieren durch personelle Rotation oder Zuständigkeitswechsel zwischen den nationalen Einheiten schnell an Bedeutung.

Auch bei guter Kenntnis der lokalen Konfliktstrukturen, so der zweite Punkt, bleibt die Auswahl der Gesprächspartner eine Herausforderung. Schließlich ist der friedliche Interessenausgleich ehemaliger Konfliktgegner ein unumgänglicher Baustein nachhaltigen Friedens. Es geht insofern nicht nur um möglichst enge Interaktion mit lokalen Akteuren, sondern auch um die Frage, welche Interaktion mit welchen gesellschaftlichen Kräften in welcher Situation den Friedensprozess voranbringen kann.

Im Falle der Mission von Bougainville traf das Missionspersonal diese Entscheidungen vor Ort. Dabei erwies es sich als sehr hilfreich, dass die Mission überwiegend aus Kontingenten der Nachbarländer (Australien und Vanuatu) zusammengesetzt war und dadurch über große kulturelle Affinität und Kompetenz verfügte. Das änderte jedoch nichts daran, dass wichtige Einzelfragen im Umgang mit den lokalen Interessengruppen letztlich aufgrund individueller Einschätzungen und persönlicher Haltungen entschieden wurde. Dies betraf auch schwierige und unter den Workshop-Teilnehmenden kontrovers diskutierte Aspekte, wie die Kontaktaufnahme mit sogenannten „spoilern“, die die Friedensbemühungen zunächst eher blockierten als unterstützten.

Der konkrete Vergleich zwischen dem Vorgehen der internationalen Mission in Bougainville und den Herausforderungen und Erfahrungen anderer Missionen machte einen dritten Punkt deutlich: Die Rahmenbedingungen für die Begegnung zwischen „locals“ und „internationals“ haben sich in den vergangenen Jahren deutlich verändert. Die Mission in Bougainville begann 1997 in einer wirklichen Nachkriegssituation, die es dem zivilen und militärischen Personal ermöglichte, unbewaffnet in den Einsatz zu gehen. Es war zudem eine Zeit vor der Verbreitung elektronischer Kommunikationssysteme, in der es aufgrund der langen Kommunikationswege zu den Zentralen notwendig war, dass die Mission vor Ort eigenständige Strategien und Risikoeinschätzungen entwickelte. Diese Rahmenbedingungen hatten ihre Herausforderungen, ließen aber auch viel Spielraum zur Gestaltung der lokalen-internationalen Beziehungen. Heutige Friedensmissionen beginnen immer öfter noch in Phasen akuter Kampfhandlungen und haben unter anderem auch aus diesem Grund ein enges Reglement aus Sicherheitsvorschriften und Berichtspflichten zu erfüllen, das den Raum frei gestaltbarer Interaktion zunehmend eingeschränkt.

Als wesentlicher Ansatzpunkt, um lokale Belange und Kompetenzen in der Nachkriegsstabilisierung besser zu integrieren, stellte sich am Ende der Veranstaltung die Frage, wie es gelingen kann, trotz erhöhter Sicherheitsrisiken und zunehmender Standardisierung von Abläufen, den Gestaltungsspielraum für die Missionen vor Ort wieder zu erweitern.


Weitere Informationen:

Angelika Spelten, FriEnt/INEF
angelika.spelten(at)frient.de

Cornelia Ulbert, INEF
cornelia.ulbert(at)inef.uni-due.de

Links und Literatur:

Eine ausführlichere Dokumentation der Veranstaltung erscheint in Kürze.