Aus Widersprüchen und Brüchen lernen: Vergangenheitsarbeit und Transitional Justice in Deutschland – und der Welt

Ende Februar lud FriEnt zu einem Arbeitsgespräch in eher ungewöhnlicher Zusammensetzung ein: Vertreter/innen der FriEnt-Mitgliedsorganisationen, die international im Kontext von Friedens- und Entwicklungszusammenarbeit tätig sind, trafen Kolleg/innen aus Organisationen und Institutionen der deutschen Vergangenheits- und Erinnerungsarbeit.

Im Rahmen der langjährigen FriEnt-Arbeit zu Transitional Justice sind wiederholt Fragen aufgetaucht, die das Verhältnis von internationaler Arbeit und Vergangenheitsarbeit im deutschen Kontext betrafen: Wie kann sich deutsches und internationales Engagement in Vergangenheitsarbeit gegenseitig befruchten? Was können wir voneinander lernen? Und ist es angesichts eines zunehmenden Nationalismus nicht an der Zeit, den globalen Dialog zu stärken?

Dabei sind die Berührungspunkte zwischen deutschen und internationalen Aufarbeitungsprozessen vielfältig. Das wurde auch bei dem Arbeitsgespräch einmal mehr deutlich: Kolleg/innen der deutschen Institutionen sind immer wieder angefragt, ihre Erfahrungen in internationale Prozesse einzubringen. Große Unterschiede, wie etwa die starke institutionelle Verankerung in Deutschland, erweisen sich dabei nur auf den ersten Blick als Hürde für einen gleichberechtigten Austausch. Tatsächlich ist für die „deutschen“ Kolleg/innen der Dialog über Wiedersprüche und Brüche in Aufarbeitungsprozessen zentral. Die kritische Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte sei Voraussetzung für internationale Diskursfähigkeit. Es geht nicht um das Vermitteln von „Rezepten“, vielmehr teilen sie Geschichten von langwierigen Prozessen, häufig getragen von zivilgesellschaftlichen Initiativen– und zunächst ohne Förderung und institutionellen Rahmen. Über alle Unterschiede hinweg werden so in der Begegnung ähnliche Herausforderungen deutlich: lange Zeiträume, Dynamiken und Rückschläge, prekäre Momente; Fragen nach dem Täter-Opfer-Verhältnis, die Rolle von Eliten, aber auch nach dem Verhältnis von Strafrecht und Gerechtigkeit, Wahrheit und das Aufbrechen von Tabus und schließlich nach Versöhnung und Heilung. Gerade letzteres sei ein „Blinder Fleck“ in Deutschland.

Vertreter/innen entwicklungs- und friedenspolitischer Organisationen wiederum stehen bei der Unterstützung von Aufarbeitungsprozessen in Partnerländern vor spezifischen Herausforderungen: Der Gestaltung von vertrauensvollen Partnerschaften, Projektzyklen und -logiken, die den notwendigerweise langfristigen Prozessen entgegenstehen und die sich verändernde politische Aufmerksamkeit für Themen sowie damit verbundenen Projektförderungen. Aus ihren eigenen Erfahrungen in der Gestaltung von Lernprozessen zwischen deutscher und internationaler Vergangenheitsarbeit wurden zwei Aspekte deutlich: Auch hier lernen Partner aus dem globalen Süden insbesondere aus Wiedersprüchen – nicht das „Modell Deutschland“, sondern die „Werkstatt Deutschland“ ist für sie bereichernd. Gleichzeitig ist ihnen bewusst, dass friedensfördernde Ansätze, die sie in ihre internationale Arbeit einbringen, implizit durch den deutschen (Aufarbeitungs-) Hintergrund geprägt sind. Werden aufgrund dieser eigenen Erfahrungen bestimmte Ansätze bevorzugt? Verstellen sie ggf. auch den Blick auf andere Wege der Vergangenheitsarbeit und Versöhnung? Und wo bestehen – trotz ähnlicher Herausforderungen – aufgrund sehr unterschiedlicher Gewalterfahrungen Grenzen der „globalen“ Vergleichbarkeit, die stärker in den Blick genommen werden müssen?

Dass politische Dynamiken und gesellschaftliche Veränderungen eine zentrale Bedeutung für Aufarbeitungsprozesse haben, wurde ebenfalls in der Diskussion deutlich: Der Kalte Krieg hat über Jahrzehnte die Vergangenheits- und Erinnerungspolitik in Deutschland – und Europa – geprägt. Nachfolgende Generationen und Personen mit einer anderen Herkunftsgeschichte entwickeln andere Perspektiven und stellen andere Fragen an die Vergangenheit in Deutschland für ihren eigenen Umgang mit ihr in der Gegenwart. Und immer stärker rücken Umdeutungen in den Vordergrund, die Rechtsradikalismus und Populismus Vorschub leisten. Die Herstellung von „Multiperspektiven“ auf die Vergangenheit war deswegen ein zentraler Punkt in der Debatte.

Die Teilnehmenden begrüßten die Austauschmöglichkeit, denn trotz der zahlreichen Berührungspunkte zwischen deutschen und internationalen Aufarbeitungsprozessen wurde deutlich, dass hierfür wenig Raum besteht und es zahlreiche Anknüpfungspunkte gibt, um voneinander zu lernen und Synergien zu bilden. Wichtig sei, andere Akteure aus Ländern mit Gewalt- und Aufarbeitungserfahrungen sowie andere Ministerien in den Dialog einzubeziehen und bei weiteren Schritten einen regionalen Fokus zu wählen.


Weitere Informationen:

Natascha Zupan, FriEnt
natascha.zupan@frient.de 

Sylvia Servaes, FriEnt/Misereor
sylvia.servaes@frient.de

Links und Literatur:

How Can International Actors Support Transitional Justice Processes?
FriEnt | Peacelab2016-Blog | September 2016