20.06.2011
16:46

Der Weltentwicklungsbericht der Weltbank in der Diskussion

„Sicherheit, Gerechtigkeit, Arbeit“ – was wie das Mai-Manifest des Deutschen Gewerkschaftsbundes klingt, ist tatsächlich das Konfliktbearbeitungscredo der Weltbank. In ihrem neuesten Weltentwicklungsbericht widmet sich die internationale Entwicklungsbank dem Nexus von Konflikten, Sicherheit und Entwicklung. Sie hat damit eine internationale Debatte angestoßen, bei der die große Mehrheit der Kommentare den Bericht als potentiellen „game-changer“ lobt. Denn der Bericht liefere die quantitativen und qualitativen Argumente für Krisenprävention. Konsequent umgesetzt – so die Hoffnung vieler Autoren – würde dies zu einem Umdenken beim Umgang mit Gewaltkonflikten führen. Krisenprävention und die Schaffung von belastbaren Institutionen würde zum zentralen Thema der Entwicklungszusammenarbeit werden.

Weitestgehend geteilt wird von den Kommentatoren die Analyse der Weltbank, wonach kaum neue Konflikte die fragile Staatenwelt charakterisieren. Vielmehr würden erneut ausbrechende Gewaltkonflikte das weltweite Konfliktgeschehen prägen. Dies vor allem, wenn jene Reformen scheitern, die legitime und funktionsfähige Institutionen nachhaltig schaffen sollen. Politische Gewalt und Gewaltkriminalität bilden hierbei mitunter eine eskalierende Symbiose. Viele Autoren begrüßen, dass der Bericht damit einer veränderten Realität Rechnung trägt und die Perspektive auch auf Gewaltphänomen in Ländern mittleren und hohen Einkommens lenkt.

Die gute Botschaft der Weltbank lautet: Schon innerhalb einer Generation können Konflikte wirksam bewältigt werden – schneller aber nicht. In diesem Zusammenhang stellen einige Kommentatoren allerdings die Frage, ob die gegenwärtige Institutionenlandschaft für die Begleitung solch langfristiger Transformationsprozesse überhaupt richtig aufgestellt ist. Die Planungs- und Evaluierungsphasen seien dafür derzeit einfach zu kurz – der Trend zur Ergebnisorientierung ebenfalls kontraproduktiv.

All dies stellt die Gebergemeinschaft vor die Herausforderung, ihre Instrumente entsprechend anzupassen und ihre Koordinierung zu stärken. Man darf darauf gespannt sein, wie es nicht zuletzt auch innerhalb der Weltbank mit ihren hergebrachten Instrumenten gelingen wird, die Erkenntnisse des eigenen Berichts zu „mainstreamen“.

Der Weltentwicklungsbericht, so die einhellige Meinung, gehe zu Recht auch auf das überkommene Geber-Nehmer-Verhältnis ein, da die „Nehmerstaaten“ in erster Linie den „Geberländern“ Rechenschaft ablegen müssen und damit die Rechenschaftspflicht gegenüber seinen eigenen Bürgern untergraben werde. Dies sei ein großes Hindernis bei dem so notwendigen Vertrauensaufbau zwischen Staat und Bürgern. Verwunderung herrscht, dass die Weltbank in diesem Zusammenhang mit keinem Wort die Pariser Erklärung zur Wirksamkeit der Entwicklungszusammenarbeit erwähnt. In deren Prinzipien sei dieses Problem schließlich bereits erkannt und entsprechende Reformen kämen in Gang.

Bei der Herausforderung, das Vertrauen zwischen Staat und Bevölkerung wieder aufzubauen, fokussiere der Bericht allerdings zu sehr auf den Staat. Ausgangspunkt müsse vielmehr der Konfliktkontext sein, um flexible und an die spezifische Situation angepasste Strategien zu entwickeln. Dafür müsse eben manchmal gezielt mit informellen Strukturen und Akteuren außerhalb des Staates gearbeitet werden, die auch über Staatsgrenzen hinaus organisiert sind.

Insgesamt wird begrüßt, dass sich die Weltbank zu einer Prioritätensetzung bekennt. Ob der Fokus auf Sicherheit, Gerechtigkeit und Arbeit jedoch die gesellschaftliche Basis für dauerhafte Konfliktlösungen bilden kann und wie soziale Sektoren wie Bildung, Gesundheit oder Land ebenfalls eingebunden werden sollen, bleibt jedoch weitestgehend offen. Außerdem verwundert, dass kein Kommentator den Gerechtigkeitsbegriff der Weltbank kritisch unter die Lupe nimmt. Denn dabei würde sehr schnell deutlich werden, dass sich die Bank vor allem auf Rechtstaatlichkeit und Justizwesen bezieht. Wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte – wichtige Bezugspunkte für die Entwicklungszusammenarbeit –  bilden hingegen den blinden Fleck des Weltentwicklungsberichts 2011.

World Development Report 2011: Conflict, Security, and Development
WDR Input papers

Kommentare (Auswahl)

Remarks on the 2011 World Development Report on Conflict, Security and Development
Nick Grono | ICG

It's not business as usual at the bank
Leni Wild | ODI Blog

The 2011 World Development Report: A Potential Game Changer
International Alert

The emergence of institutions as key to development
Phil Vernon

World Development Report: Why no mention of Paris?
Jonathan Glennie | Guardian

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Über diesen Blog

In diesem Blog begeben sich die FriEnt-Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auf die Suche nach der "Friedensmacht Europa", fragen nach der Rolle der Vereinten Nationen bei der Verbindung von Frieden und Entwicklung und blicken auf aktuelle Entwicklungen bei OECD und Weltbank.

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