20-12-2016

hbs | Die Weißhelme – Syriens mutige Helfer

Über fünf Jahre dauert der verehrende Krieg in Syrien nun schon an. Menschenrechtsorganisationen zufolge forderte der Konflikt bereits mehr als 400.000 Menschenleben, Millionen mussten fliehen. Besonders die Lage in Aleppo ist desaströs. Die seit Jahren stark umkämpfte Stadt, die immer als Hochburg der syrischen Opposition galt, steht kurz vor der endgültigen Niederlage. Durch massive russische Luftangriffe und das Vorrücken der syrischen Bodentruppen ist ein Sieg der Opposition quasi ausgeschlossen. Inmitten dieses menschlichen Dramas versucht der syrische Zivilschutz, besser bekannt als Weißhelme, die in Aleppo verbliebene Bevölkerung zu schützen. Der Organisation von Rettungskräften, die sich aus ungefähr 2.900 freiwilligen HelferInnen zusammensetzt, wird zugeschrieben, über 60.000 Menschenleben gerettet zu haben. Nun wurden die mutigen HelferInnen für ihre Arbeit mit dem Right Livelihood Award, dem „alternativen Nobelpreis“, ausgezeichnet. Die Heinrich-Böll-Stiftung und die Right Livelihood Award Foundation, die den Preis verleiht, haben am 28. November zu einer Podiumsdiskussion und Filmvorführung eingeladen, um die Dokumentation „Die Weißhelme“ zu zeigen und die gegenwärtige Situation der Zivilbevölkerung in Syrien zu diskutieren.

Monika Griefahn, SPD-Politikerin und Mitglied der Jury zur Vergabe des alternativen Nobelpreises, eröffnete die Veranstaltung und wies auf die erneute russisch-syrische Offensive auf Aleppo Ende November hin, welche viele ZivilistInnen das Leben kostete. Anschließend wurde die Netflix Produktion „Die Weißhelme“ des Regisseurs Orlando von Einsiedel gezeigt. Die Dokumentation begleitet eine Gruppe Weißhelme bei ihrem Training in der Türkei und ihrem Einsatz in Aleppo zur Bergung Überlebender aus den Trümmern der Bombenanschläge. Der Film macht das Ausmaß der katastrophalen Lage in Syrien deutlich und ist ein eindrucksvolles Porträt über Mut und Menschlichkeit in Zeiten des Krieges.

Im Anschluss an den Film diskutierten Farouq al-Habib, Koordinator und Leiter des Syrien-Programms der internationalen Nichtregierungsorganisation Mayday Rescue, die Trainings für Weißhelme in der Türkei organisiert, sowie die syrische Aktivistin und Journalistin Ameenah A. Sawwan und Nahost-Expertin und Leiterin des Büros der hbs in Beirut, Bente Scheller, mit dem Publikum über die aktuelle Situation der Zivilbevölkerung in Syrien. Die Diskussion wurde von Antonie Nord, Leiterin des Referats Naher Osten und Nordafrika der hbs, moderiert.

Bente Scheller sprach vor allem über die Rückeroberung großer Teile Ost-Aleppos durch das Regime, welche sie als „Auslöschung“ des Gebietes und gezielte Verwüstung zur Niederringung der Opposition bezeichnete. Scheller betonte, dass es nun mehr denn je um Herrschaft und Kontrolle gehe. Sie wies auf den Trugschluss hin, dass ein Sieg Assads Frieden und Stabilität in Syrien bedeute und unterstrich die Notwendigkeit, die Ursachen des Konfliktes anzugehen. Auf eine Publikumsfrage zu einer möglichen Flugverbotszone über Syrien antwortete Scheller, dass es ein Versäumnis der internationalen Gemeinschaft gewesen sei, diese nicht einzurichten. Dieses habe zur Massivität der Gewalt in Syrien beigetragen. Sie äußerte zudem die Sorge über mögliche Abschiebungen von Flüchtlingen aus Europa, sollte das Assad Regime seine Macht zurückerlangen.

Ameenah A. Sawwan ging auf ihre Arbeit als Journalistin in den Kriegsgebieten und wiederholte Angriffe mit chemischen Waffen auf die syrische Zivilbevölkerung ein. Sie beklagte die Unwirksamkeit internationaler Abkommen, welche den Einsatz chemischer Waffen verbieten und den fehlenden politischen Willen der internationalen Gemeinschaft, den Menschen in Syrien zu helfen. Auf eine Frage aus dem Publikum, wie man die Menschen in Syrien aus Deutschland unterstützen könne, antwortete Sawwan mit einem Aufruf zu mehr Engagement in Deutschland, um EntscheidungsträgerInnen immer wieder auf die Notwendig, zu handeln, hinzuweisen.

Aktivist Farouq al-Habib berichtete von den HelferInnen in Syrien und betonte, dass die syrischen lokalen Netzwerke und zivilgesellschaftlichen Organisationen noch immer intakt und überlebensnotwendig für die Bevölkerung sind. Er zitierte das aus dem Koran entnommene Motto der Weißhelme „to save a life is to save all of humanity“, welches wiederspiegelt, was die HelferInnen in Syrien antreibt, in einer aussichtlos erscheinenden Lage ihre Arbeit fortzusetzen.

Insgesamt verdeutlichte die teilweise sehr emotionale Podiumsdiskussion, wie verzweifelt und wütend viele syrische und deutsche AktivistInnen und ExpertInnen über das Geschehen der letzten fünf Jahre und den mangelnden Einsatz der internationalen Gemeinschaft sind. Die Welt müsse aufwachen und sich aktiv für den Schutz der syrischen Bevölkerung einsetzen. Die Schlacht um Aleppo sei nur die Spitze einer langen Katastrophe und nur der Beginn dessen, was der Welt bevorstehe, wenn Regime und nicht-staatliche Gewaltakteure ungestraft Verbrechen an der eigenen Bevölkerung verüben können.

Weitere Informationen:

Antonie Nord, Heinrich-Böll-Stiftung
nord(at)boell.de

Links und Literatur:

Syrien: Grab der Menschlichkeit, Ende der Moral?
Kristin Helberg | hbs | Dezember 2016

hbs-Dossier: Syrien fünf Jahre nach Beginn des Aufstands

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