19-12-2017

Misereor | Zivile Friedensarbeit in Kaschmir vor großen Herausforderungen

Am 15. August 2017 feierte Indien 70 Jahre Unabhängigkeit von der britischen Kolonialmacht. Die Unabhängigkeit besiegelte zudem die Trennung des überwiegend muslimischen Pakistans vom mehrheitlich hinduistischen Indien, in deren Folge hunderttausende Menschen ums Leben kamen. Der indisch-pakistanische Krieg endete 1949 mit einem Waffenstillstandsabkommen, das die umstrittene Region Jammu und Kaschmir de facto zweiteilte. Die Kaschmir-Region hat sich von der Trennung bis heute nicht erholt.

Wirtschaftliche Vernachlässigung und Perspektivlosigkeit, das Aufweichen der in der indischen Verfassung garantierten Autonomierechte der Region und das Ausbleiben der vorgesehenen Volksbefragung über den Status Kaschmirs haben die Frustration bei den Menschen über die Jahre wachsen lassen. Bereits Ende der 1960er Jahre bildeten sich gewaltbereite Gruppierungen mit unterschiedlichen Zielen. Während einige wenige für mehr Autonomie innerhalb der indischen Union eintreten, fordern andere entweder die Unabhängigkeit oder einen Anschluss an Pakistan. Das indische Militär geht seit Ende der 1980er Jahre brutal gegen jeglichen Widerstand vor. Der Armed Forces Special Power’s Act (AFSPA) sichert der Armee weitgehende Straffreiheit bei Menschenrechtsverstößen zu. Andere Gesetze wie der Public Safety Act erlauben es der Armee, Zivilisten ohne Angabe von Gründen und ohne Gerichtsverfahren bis zu zwei Jahren einzusperren. Die Wut der Zivilbevölkerung wächst und ihr Vertrauen in den Staat sinkt mit jedem nicht geahndeten Menschenrechtsverstoß seitens der Armee. Im Juli 2016 kam es nach der Tötung von Burhan Wani, dem Führer einer militanten Gruppe, zu massiven Protesten, die brutal niedergeschlagen wurden. 80 Personen kamen dabei ums Leben, etwa 400 wurden unter dem Public Safety Act in sogenannte Verwaltungshaft genommen.

Stärkung politischer Teilhabe und Sicherung von Lebensgrundlagen

Für die Zivilgesellschaft ist es in dieser aufgeheizten Umgebung nicht leicht, friedensfördernde Maßnahmen durchzuführen. Von MISEREOR unterstützte Initiativen vor Ort konzentrieren sich auf die Ermächtigung von Frauen und Jugendlichen und ihre Mobilisierung für Gemeindeinteressen, um die Auswirkungen des Konfliktes auf den Alltag der Menschen abzumildern und neuer Gewalt vorzubeugen. So werden beispielsweise die lokalen Konfliktlösungskapazitäten der Menschen gestärkt, damit strittige Fragen und Alltagsprobleme konstruktiv und gewaltfrei gelöst werden können.

Viele Kaschmiris teilen die Wahrnehmung, dass die ihren Alltag betreffenden politischen Entscheidungen auf einer höheren und für sie nicht zugänglichen Ebene getroffen werden. Die Menschen werden daher mit Standards guter Regierungsführung und mit rechtlichen Grundlagen vertraut gemacht, um sie darin zu stärken, ihre lokalen und regionalen Behörden zur Rechenschaft zu ziehen sowie ihre Rechte und politische Teilhabe einzufordern. Frauen werden ermutigt, an Wahlen lokaler Selbstverwaltungsgremien teilzunehmen und für Ämter zu kandidieren. Das Selbstbewusstsein der Menschen gegenüber politischen Entscheidungsträger/innen und Behörden ist dadurch bereits spürbar gewachsen.

Darüber hinaus werden die Menschen in der Sicherung ihrer Lebensgrundlagen unterstützt (durch Landwirtschaft, Handwerk, Viehwirtschaft etc.). Im Kontext des Konfliktes wird diese Arbeit als Vorbeugung von Perspektivlosigkeit und damit potentieller Radikalisierung verstanden. Dies gilt insbesondere mit Blick auf die Jugend, mit der auch in Bereichen wie „Life Skills“, Gesundheit, Gender und politischer Teilhabe zusammengearbeitet wird, um sie zu einem selbstbestimmten Leben zu ermächtigen.

Wie bei vielen Friedensprojekten besteht die größte Herausforderung darin, den wichtigen und beeindruckenden Wandel auf individueller Ebene in einen Wandel auf soziopolitischer Ebene zu übersetzen. In einem politisch und auch religiös derart aufgeladenen Konflikt wie in Kaschmir ist ein Wandel, der über die Abmilderung der Konfliktsymptome hinausgeht und die Ursachen der Gewalt in den Blick nimmt, besonders schwierig. Die Wiederaufnahme eines politischen Dialogs durch die Einsetzung eines offiziellen Gesprächspartners („Interlocutor“) durch die indische Regierung wurde 2010 weitgehend als ermutigendes Zeichen gesehen. Seitdem warten die Menschen in Kaschmir auf substantielle Fortschritte und belastbare Ergebnisse, welche für sie eine Verbesserung ihrer Lebenssituation in politischer, wirtschaftlicher und sozialer Hinsicht bedeuten würden.

Weitere Informationen:

Thomas Kuller, Misereor
Thomas.Kuller(at)misereor.de

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