Myanmar – Neuerfindung angesagt
Impuls 07/2012 von Doerthe Beer und Hans-Bernd Zöllner
Seit einem Jahr erlebt Myanmar einen dramatischen Wandel: Die Öffnungspolitik der Regierung Thein Seins und die neue politische Situation im Lande bieten bisher ungeahnte Optionen für das stark isolierte Myanmar. Die charismatische Oppositionsführerin Aung San Suu Kyi wurde aus dem Hausarrest entlassen und bei einer Nachwahl im April ins Parlament gewählt. Ihre Partei, die Nationale Liga für Demokratie (NLD), ist wieder zugelassen. Politische Gefangene kommen frei. Die Wirtschaftssanktionen des Westens werden gelockert. Aber das Land ist nach wie vor zerrissen. Die Konfliktpotentiale müssen nun langfristig bearbeitet werden, schreiben Doerthe Beer und Hans-Bernd Zöllner in diesem Impuls-Artikel.
Myanmars Geschichte: Ein Minenfeld
Der bekannteste Spruch der bekanntesten Frau Birmas stammt aus ihrer ersten großen Rede vom 26. August 1988 vor einer riesigen Menschenmenge am Fuße des heiligsten Platzes im ganzen Land, der Schwedagon Pagode in Rangun, dem heutigen Yangon. Die damalige Krise, ausgelöst durch Massendemonstrationen nach 26 Jahren unter einer burmesischen Variante des Sozialismus, könne der „zweite Kampf um die nationale Unabhängigkeit” genannt werden.
Der erste Kampf um die Unabhängigkeit wurde vom Vater der damaligen Rednerin angeführt. Aung San war ein glühender Nationalist, Kämpfer gegen jede Form von kapitalistisch geprägter Demokratie und Gründer der birmanischen Nationalarmee. Er wurde ein halbes Jahr vor der von ihm mit der britischen Regierung ausgehandelten Unabhängigkeit im Auftrag eines Rivalen ermordet. Schon damals führten die Spannungen zwischen den unter-schiedlichen ethnischen Gruppen vor allem im Norden des Landes zu gewaltsamen und lang anhaltenden Auseinandersetzungen.
Die Unruhen von 1988, ein Militärputsch und die jahrzehntelange Konfrontation zwischen den Führern des Militärs und Aung San Suu Kyi und ihren Anhängern innerhalb und außerhalb des Landes prägten die politischen Strukturen des Landes. Das Militär setzte schließlich eine Verfassung durch, die 2008 verabschiedet wurde und nach der zwei Jahre später Wahlen stattfanden, die von der Partei des Militärs gewonnen wurde. Ende März 2011 löste eine nominell zivile Regierung die Militärjunta ab und lud die Opposition unter Führung von Aung San Suu Kyi ein, sich am politischen Prozess zu beteiligen, den sie zuvor boykottiert hatte. Die Einladung wurde angenommen und bei den Nachwahlen vom 1. April 2012 gewannen die Kandidaten der Partei Aung San Suu Kyis einen überwältigenden Sieg. Sie selbst ist nun Mitglied eines Parlaments, in dem die Vertreter der alten Ordnung immer noch eine eindeutige Mehrheit haben.
Damit steht Myanmar einmal mehr vor der Aufgabe, sich als eine nach außen unabhängige und im Inneren befriedete Nation neu zu erfinden. Der historische Rückblick weist dabei schon auf eine von vielen Aufgaben hin, die zu bewältigen sind. Das Land ist nach wie vor zerrissen. Ein Indiz dafür sind die antagonistischen Sichtweisen der eigenen Geschichte. Wie die Ereignisse von 1988 zu bewerten sind, ist ebenso umstritten wie die Bewertung des Militärputsches von 1962 und des Ausbruchs der Bürgerkriege. Myanmars Geschichte ist – bildlich gesprochen – ein einziges Minenfeld. Die aktuellen Konflikte zwischen Buddhisten und Muslimen im Westen und die andauernden Kämpfte im Norden des Landes verdeutlichen die Brisanz dieses Tatbestandes.
Aufarbeitung langfristig angehen
Die Konfliktpotentiale zu reduzieren und Darstellungen der Geschichte und der Zukunft des Landes zu entwerfen, die von einer breiten Mehrheit der Bevölkerung unabhängig von ihrer politischen, ethnischen und religiösen Orientierung akzeptiert und getragen werden, wird selbst unter günstigen Umständen Jahrzehnte dauern. Ebenso die Aufarbeitung der teilweise Jahrzehnte andauernden Gewalttaten unter denen primär die ethnischen Minderheiten zu leiden haben.
Dass Myanmar sich neu erfinden muss, war auch das Ergebnis eines von einer deutschen politischen Stiftung und zwei burmesischen Organisationen veranstalteten Workshops zu Fragen der Wirtschaft, der im November 2011 unter Beteiligung von 130 Teilnehmern in Yangon stattfand. Die überwiegend jungen Teilnehmenden, Wirtschafts- und Entwicklungsexpertinnen und -experten aus Myanmar und westlichen Ländern, diagnostizierten als ein Grundproblem der Gesellschaft des Landes den Mangel an Vertrauen in die bestehenden Institutionen. Dies gilt nicht nur für alle staatlichen Einrichtungen, sondern auch für die zahlreichen Nichtregierungsorganisationen (NRO), die überwiegend ebenso top-down strukturiert sind und autoritär geführt werden wie die staatlichen Stellen. Es gibt nur wenige Ansätze zu einer Vernetzung der bestehenden Gruppen und ausländischen NRO. Eher bestehen untereinander Tendenzen zur misstrauischen Abschottung.
Erschwerend kommt hinzu, dass die westlichen Unterstützerinnen und Unterstützer nach der zumindest vorläufigen Beendigung des Boykotts gegen die Militärjunta kaum über ausreichende Lokalkompetenz verfügen. Zudem sind zahlreiche zentrale gesellschaftliche Bereiche, die für die Befriedigung der sozialen Bedürfnisse und der Befriedung über die bestehenden Konfliktlinien hinweg von Bedeutung sind, nicht erforscht. Das wird unter anderem am Beispiel der Religion deutlich.
Myanmar ist durch eine Therawada-buddhistische Kultur geprägt, sowohl was das Verhalten des Einzelnen als auch die Staatsideologie angeht. Auf individueller Ebene sind die Auswirkungen der Kamma-Lehre auf die Gestaltung des sozialen Lebens weitgehend unbekannt. Das gilt quantitativ wie qualitativ. Ein erheblicher Teil des Familieneinkommens wird in religiöse Spenden an die Mönche investiert, um auf diese Weise Verdienst zu erwerben, der sich im Kreislauf der Wiedergeburten günstig auswirkt. Es ist weder bekannt, wie sich diese Haltung wirtschaftlich quantifizieren lässt, noch welche Auswirkungen sie auf Arbeits- und Geschäftsethik hat. Ältere Untersuchungen legen nahe, dass nachhaltiges Wirtschaften und damit die Sicherstellung der materiellen Bedürfnisse des Landes im Kontext einer globalen Wirtschaft nicht möglich sind. Was dies für die Neuerfindung des Landes konkret heißen kann, muss im Land selbst reflektiert und beantwortet werden.
Von der lokalen Ebene ausgehen
Eine der großen Herausforderungen für westliches Engagement besteht also darin, diese und andere sozio-kulturelle Phänomene in den Blick zu nehmen und die Wechselwirkung mit den eigenen Projekten im Blick zu behalten. Um dies bewältigen zu können, muss ein Diskurs über kulturelle Grenzen hinweg etabliert werden. Er darf dabei jedoch nicht nur die technische Seite von Entwicklungszusammenarbeit und Konfliktbearbeitung beinhalten, sondern muss auch die Tiefendimensionen der Konflikte und die verschiedenen lokal verhandelten Lösungsansätze berücksichtigen.
Es wird darum gehen, die westlichen Ansätze von Frieden und Entwicklung mit den vielfältigen und sich oft widersprechenden Vorstellungen zu verknüpfen, die in Myanmar über ein friedliches Zusammenleben der unterschiedlichen Völker und Gruppierungen bestehen. Die Größe der damit verbundenen Herausforderung lässt sich unter anderem daran ablesen, dass es gelingen muss, ein Verständnis über die Rolle des Militärs in der Geschichte des Landes und für seine zukünftige Entwicklung herzustellen. Gelingt dies nicht, ist zu befürchten, dass der gerade begonnene Neuanfang nur den Beginn eines neuen Zyklus des Scheiterns darstellt.
Ein Engagement in Myanmar, das der Förderung von Frieden und nationaler Versöhnung dient, muss also langfristig angelegt sein und auf lokaler Ebene ansetzen, um ein Gegengewicht gegen die dominierenden top-down-Strukturen zu schaffen, die maßgeblich zu einer Verstetigung der Konfliktpotentiale beigetragen haben. Weiter wird es darauf ankommen, die vorhandenen Gruppen einer potenziellen Zivilgesellschaft auf der lokalen Ebene miteinander zu vernetzen. Schon die Konzept- und Projektentwicklung friedensfördernder Maßnahmen muss dabei auf den lokalen Friedensbedürfnissen aufbauen. Letztere sollten auch die Basis für die Abstimmung und die Arbeitsteilung innerhalb der internationalen Gemeinschaft bilden – angesichts der Vielzahl der ins Land kommenden Akteure eine ganz besondere Herausforderung.
Positiv ist, dass sowohl die Regierung als auch die zahlreichen Oppositionsgruppen der nationalen Versöhnung höchste Priorität geben. Insofern kann davon ausgegangen werden, dass neue Ansätze zur Begleitung dieses Prozesses begrüßt werden, solange sie nicht als Konkurrenz zu den jeweils eigenen Lösungsansätzen verstanden werden. Zentrale Begriffe wie „Gerechtigkeit“, „Menschenrechte“ und „Versöhnung“ müssen im Dialog mit den traditionellen Eliten auf allen Seiten der Konfliktlinien neu definiert werden. Eine begleitende Moderation dieser schwierigen Prozesse könnte durchaus Aussicht auf Erfolg haben.
Doerthe Beer ist als Ethnologin spezialisiert auf Myanmar und arbeitet heute als Beraterin für den Zivilen Friedensdienst.
Hans-Bernd Zöllner ist Südost Asien Wissenschaftler mit Schwerpunkt politischer Buddhismus. Gerade ist sein jüngstes Buch „The Beast and the Beauty“ erschienen.
