Versöhnung in Mali – wer mit wem und wie?

Gemeinsames Fachgespräch von FriEnt, BICC und Fokus Sahel

Aus Anlass des Besuchs von Zahabi Ould Sidi Mohamed, dem malischen Minister für nationale Versöhnung, organisierten das Bonn International Center for Conversion (BICC), das NGO-Netzwerk Fokus Sahel und FriEnt am 16. Dezember ein informelles Fachgespräch. Im Fokus standen die aktuellen Herausforderungen für die Umsetzung des Friedensvertrages und die Frage nach dem Beitrag, den Versöhnungsarbeit in diesem Kontext leisten kann.

Nachdem Minister Zahabi seinen eigenen Werdegang und die Aufgaben seines Ministeriums vorgestellt hatte, konzentrierte sich die Diskussion auf die Situation in Nord-Mali. Das Spektrum und der Charakter der Hürden, die bei der Umsetzung des Friedensvertrages zu bewältigen sind, seien vielfältig und verwoben. Es wurde aus unterschiedlichen Perspektiven unterstrichen, dass innerhalb der Bevölkerungsgruppen des Nordens ein schwer zu entzerrendes Bündel von Interessenkonflikten besteht. Um beispielsweise die aus der libyschen Armee zurückgekehrten Tuareg-Gruppen in das gesellschaftliche Gefüge des Nordens zu integrieren, müssten auch Lösungsansätze für den Umgang mit der wachsenden Zahl radikalisierter islamistischer Gruppen und den Implikationen der organisierten Kriminalität gefunden werden. Die Diskussionsrunde teilte die Einschätzung, dass das Geflecht dieser Themen die Stabilisierung der Sicherheitslage dauerhaft gefährden könnte, wenn die Beziehung zwischen diesen Themen nicht erkannt und bei der Gestaltung von Lösungsansätzen hinreichend berücksichtigt wird.

Der Friedensvertrag sieht zwar auch einen Vermittlungsprozess zwischen den unterschiedlichen Interessengruppen im Norden vor, es wird sich jedoch noch erweisen müssen, wie belastbar das im Friedensvertrag beschlossene Format ist. Letztlich spiegelt sich in den vorgesehenen Verfahren auch die Heterogenität der externen Akteure, die sich bei der Gestaltung und Umsetzung dieses Mediationsprozesses engagieren.

Im zweiten Teil der Veranstaltung stellte Johanna Lober Ausschnitte aus der Studie „Auf dem Weg zu einer neuen Form des Zusammenlebens“ vor, die sie im Auftrag der Friedrich-Ebert-Stiftung erstellt hatte. Von besonderem Interesse für die Gesprächsrunde war die darin ausgearbeitete Differenzierung zwischen drei Dimensionen von Versöhnung:

  • Innerhalb und zwischen den Bevölkerungsgruppen im Norden und im Süden;
  • Zwischen Staat und Gesellschaft;
  • Als Schaffung einer integrativen nationalen Identität, was insbesondere den Separationsbestrebungen des Nordens entgegenwirken sollte.

Im Verlauf der Diskussion stellte sich die Frage, ob diesen Kategorien möglicherweise noch eine weitere Dimension hinzuzufügen sei und zwar die Versöhnung oder besser die Vermittlung zwischen den modernen staatlichen Strukturen und Verfahren einerseits und den traditionellen, informellen Institutionen und Autoritäten andererseits. Während traditionelle Autoritäten, insbesondere religiöse Institutionen und Würdenträger in der Bevölkerung eine breite Vertrauensbasis haben, werden staatliche Institutionen und Verwaltungsstellen oft als Fremdkörper und mit großer Skepsis wahrgenommen.

Einige Gesprächsteilnehmende unterstrichen, dass das Phänomen zunehmender religiöser Radikalisierung nicht nur als die Ausbreitung islamistischer Gruppen interpretiert werden sollte, sondern auch auf wachsende ideologische Konflikte zwischen den Befürwortern und Gegnern moderner Reformen hinweise, die sich am französischen Muster des säkularen Staates orientieren.

Die Umsetzung des Friedensvertrages wird FriEnt auch 2016 weiterhin begleiten und dabei einen besonderen Fokus auf die Rolle und Handlungsspielräume religiöser Akteure legen.

Weitere Informationen

Angelika Spelten, FriEnt
angelika.spelten@frient.de

Links & Literatur

Auf dem Weg zu einer neuen Form des Zusammenlebens – der innermalische Diskurs über nationale Versöhnung und Erwartungen an die Ausgestaltung eines nationalen Versöhnungsprozesses
Johanna Lober | FES | August 2015

BICC-Veranstaltung: High-level delegations from Mali and Nigeria visited Germany