Jugendliche in Friedensentwicklung aktiv einbeziehen!

Jugendliche in Friedensentwicklung aktiv einbeziehen! – gerade in Nachkonfliktkontexten bedarf es dafür weitgreifender gesellschaftlicher, politischer und wirtschaftlicher Veränderungen. Das ist eines der Ergebnisse des GIGA-Forums, das am 20. Juni 2018 stattgefunden hat.

Anhand konkreter Beispiele aus der Region Mittlerer Osten/Nordafrika und Nicaragua, wo gewaltsame Auseinandersetzungen zwischen jugendlichen Demonstrant/innen und Aktivist/innen auf der einen Seite und staatlichen Sicherheitskräften auf der anderen Seite derzeit eskalieren, diskutierten Dr. Sabine Kurtenbach, Martin Ostermeier (International Labour Organisation) und Julie Brethfeld (FriEnt), moderiert von Dr. Thomas Richter (GIGA), welche Möglichkeiten junge Menschen in (Nach-) Konfliktsituationen haben, die friedliche Entwicklung ihrer Gesellschaft zu gestalten, und wo es Hürden gibt.

Strukturelle Faktoren wie die eigene Sozialisation, soziale Herkunft und das politisch Regime sind wichtige Faktoren die beeinflussen, in welcher Weise Jugendliche politisch partizipieren können. Dabei bieten Demokratien mehr formale Möglichkeiten der Partizipation, z.B. durch Beteiligung an freien Wahlen oder eine Mitgliedschaft in politischen Parteien. In vielen Ländern, gerade auch im Nahen und Mittleren Osten und in Nordafrika, sind diese Grundrechte aber eingeschränkt, und v.a. junge Frauen sind häufig von Mehrfachdiskriminierung aufgrund ihres Alters (Altersgrenzen für aktives und passives Wahlrecht) und Geschlecht (eingeschränktes Wahlrecht für Frauen oder mangelnde gesellschaftliche Akzeptanz weiblicher Politikerinnen) betroffen.

Vielfach scheuen junge Menschen aber auch grundsätzlich vor einer Beteiligung in formellen Strukturen zurück, da sie Parteien und Machteliten misstrauen und sich von ihnen instrumentalisiert oder unter Druck gesetzt fühlen. Häufig haben sie den Eindruck, dass Politik und Gesellschaft ihre Bedürfnisse und Visionen für ein zukünftiges Zusammenleben nicht ernst nehmen. Das bedeutet jedoch nicht, dass sie sich nicht gesellschaftlich beteiligen und zu Friedensförderung beitragen – sie tun das aber meist über zivilgesellschaftliche Organisationen oder individuelle Initiativen, vor allem auf lokaler Ebene.

So setzen sich junge Syrerinnen und Syrer beispielsweise dafür ein, dass syrische Friedensaktivist/innen über politische- und Ländergrenzen hinweg in Kontakt bleiben, um über eine friedliche Zukunft für ihr Land nachzudenken; und im Libanon bringt eine von jungen Menschen geleitete Organisation Bevölkerungsgruppen, die auf unterschiedlichen Seiten des Konflikts stehen – darunter Jugendliche, die in Kämpfe involviert waren -, zusammen, um gemeinsam ihre Nachbarschaft wiederaufzubauen. Allerdings wird das Engagement Jugendlicher, und v.a. eine kritische Auseinandersetzung mit herrschenden politischen und gesellschaftlichen Verhältnissen, von Politik und Gesellschaft nicht immer positiv aufgenommen. Junge Aktivist/innen werden als „trouble maker“, Kriminelle oder Extremist/innen bezeichnet, gegen die teilweise mit massiver Gewalt, wie derzeit in Nicaragua, vorgegangen wird. Mit diesen Risiken muss man sich auseinandersetzen, wenn man Jugendpartizipation fordert und fördern möchte.

Neben politischer und gesellschaftlicher Partizipation ist die Teilhabe am Arbeitsleben ein wichtiger Aspekt. Hier kann es jedoch nicht darum geben, jungen Menschen lediglich irgendeine Beschäftigung zu geben. Vielmehr muss es dabei um menschenwürdige Arbeit („decent work“) gehen, die ihnen das Vertrauen in Staat und Gesellschaft zurückgibt. Durch gezielt entwickelte Angebote können Ausbildung und Arbeitsmöglichkeiten zudem dazu beitragen, junge Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen zusammenzubringen und somit Diskriminierung und Vorurteile abzubauen.

Der Aufbau demokratischer, inklusiver Strukturen und Prozesse, das Sichern von „civil spaces“, das Überwinden von Misstrauen zwischen den Generationen, ein offener Austausch über vergangene oder andauernde Konflikte sowie eine Umstrukturierung des Arbeitsmarktes und der Wirtschaft allgemein hin zu mehr sozialer Gerechtigkeit und Menschenwürde sind langfristige gesellschaftliche Transformationsprozesse. Vor allem nach Gewaltkonflikten brauchen solche Veränderungen Zeit und kontinuierliche Unterstützung, um gelingen zu können, doch auch in Europa, wo junge Menschen mit Migrationshintergrund sich ähnlich ausgeschlossen fühlen wie Jugendliche in Konfliktkontexten, ist noch viel zu tun.

Die Panelist/innen wiesen darauf hin, dass die 2015 verabschiedete VN-Sicherheitsratsresolution 2250 zu Jugend, Frieden und Sicherheit und Folgeresolution 2419 (Juni 2018) wichtige Referenzrahmen zur Stärkung der Teilhabe von jungen Menschen sind. Die Resolutionen fordern die Staatengemeinschaft dazu auf, politische und gesellschaftliche Beteiligungsmöglichkeiten zu schaffen und junge Menschen mit den Fähigkeiten zu versehen, diese auch wahrnehmen zu können. Sie sollen Jugendlichen Schutz gewährleisten, v.a. auch vor sexualisierter und genderbasierter Gewalt, und ein Umfeld schaffen sowie eine Politik fördern, die zu Friedenskonsolidierung und Gewaltprävention beiträgt. Positives Engagement soll durch Partnerschaften und Fördermöglichkeiten verstärkt werden, Ursachen für gewaltsamen Extremismus adressiert und die Bedarfe Jugendlicher bei der Loslösung von bewaffneten und gewaltbereiten Gruppen und Wiedereingliederung ins zivile Leben berücksichtigt werden.

Die Resolution unterstreicht erstmals auch die Rolle von Arbeitsmärkten bei Reintegration und Prävention; basierend darauf hat die ILO eine weitgehende Empfehlung zu Beschäftigungsförderung und menschenwürdiger Arbeit für Frieden und Resilienz erarbeitet. Um die Resolution effektiv umzusetzen sprachen die Expert/innen die Empfehlung an die Bundesregierung aus, sich als nicht-ständiges Mitglied im VN-Sicherheitsrat 2019/20 proaktiv für die Implementierung einzusetzen und dabei auch die Ergebnisse des Fortschrittsberichts zur Umsetzung der Resolution 2250 zu berücksichtigen. Junge Menschen, die ihre Grundrechte für gesellschaftliche und politische Teilhabe einfordern, sollten Unterstützung finde und geschützt werden und wo sie Druck und Gewalt ausgesetzt sind, sollte die Bundesregierung das anprangern. Zudem sollten lokale und auch informelle Initiativen und Organisationen in (Nach-) Konfliktkontexten, die im Bereich Friedens- und Jugendarbeit aktiv sind, besser gefördert werden und für politische und Friedensprozesse auf nationaler und regionaler Ebene stärker berücksichtigt werden.