Unternehmen für den Frieden gewinnen – Was sind Indikatoren und Kriterien für friedensfördernde Unternehmen?

Von wirtschaftlicher Entwicklung und dem Engagement wirtschaftlicher Akteure und Unternehmen in fragilen und von Konflikten betroffenen Kontexten wird nicht zuletzt seit dem Weltbankbericht 2011 und anderen internationalen Rahmenwerken wie etwa dem New Deal for Engagement in Fragile States eine Friedensdividende erhofft. Aber inwieweit lässt sich diese Annahme überprüfen? Mit welchen Indikatoren lassen sich friedensfördernde Wirtschaftsansätze und Akteure erkennen und nach welchen Kriterien friedensstiftende Unternehmen auswählen? Und wie läuft die Verständigung dazu zwischen Vertreter*innen der beiden Sektoren, Wirtschaft und Frieden? Zu diesen Kernfragen hatte FriEnt vom 10.-11. Oktober internationale Expert*innen aus verschiedenen europäischen und US-amerikanischen Friedensorganisationen, aus seinen Mitgliedsorganisationen und anderen nationalen Institutionen sowie auch Unternehmensvertreter*innen eingeladen hat, die an der Schnittstelle zu Frieden und Wirtschaft und mit Unternehmen und Investoren arbeiten.

Die Fragen waren in einer Reihe vorangegangener Workshops entstanden, die FriEnt zum Verhältnis von Wirtschaft und Frieden durchgeführt hat und deren Ergebnisse in einem Briefing am Anfang dieses Jahres festgehalten worden waren. Ohne wirtschaftliche Entwicklung, die möglichst vielen Menschen einen angemessenen Lebensunterhalt erlaubt, ist nachhaltiger Frieden nicht möglich; ohne Frieden aber auch keine nachhaltige wirtschaftliche Entwicklung im o.g. Sinn. Aber: Wirtschaft trägt nicht automatisch zu Frieden bei; es braucht vielmehr gezielten Einsatz, um hier eine Friedensdividende zu erhalten. Das wurde bereits in einer der ersten Veranstaltungen deutlich.

Doch worin besteht der Einsatz? Welche Kriterien müssen Firmen erfüllen oder befolgen, damit ihr Einsatz im besten Fall friedensfördernd wirkt, zumindest jedoch nicht die Konfliktlinien verstärkt? Und warum sollten Firmen sich überhaupt darum kümmern? Ihr Interesse ist für gewöhnlich die eigene Gewinnmaximierung. In Zeiten von „public-private-partnerships“, in denen öffentliche Gelder an Unternehmen fließen – u.a. mit der Begründung, dass ihre Investitionen zu Entwicklung und Stabilität beitragen –, ist es jedoch wichtig, auch für die o.g. Fragen ein besseres Verständnis zu erzielen – so das Einverständnis der Teilnehmer*innen.

Allerdings: Die „Friedenskolleg*innen“ müssten lernen, über ihren eigenen Schatten zu springen, um sich Wirtschaftsakteuren gegenüber verständlich zu machen, erklärte eine der internationalen Expertinnen der Konsultation. Auch die Erfahrungen einer Schweizer Organisation, die Firmen für ihren „Peace Investment Fund“ gewinnt, zeigen, dass mit Unternehmen über ‚Peacebuilding‘ sprechen zu wollen nicht weit führe, man müsse vielmehr an ihren eigenen Interessen ansetzen.

Damit wurden die Herausforderungen deutlich: Kriterien für friedensförderndes Wirtschaftshandeln müssen angepasst sein an Kontexte und Interessen der Akteure – ein Spagat an dem noch weiter zu arbeiten ist. Vorgestellt wurden u.a. Kriterienkataloge vom Peace Investment Fond der Schweizer Peace Nexus Foundation, Erkenntnisse aus dem ‚Corporate Engagement Programme‘ zu verantwortungsvollem Wirtschaften von Collaborative Development Learning Projects/CDA, die Arbeit mit Wirtschaftsakteuren im Rahmen des International Dialogue on Peace and Development/INCAF der OECD, Erfahrungen mit Zertifizierungssystemen aus dem Rohstoffsektor und zu Konfliktmineralien aus der GIZ, Arbeitserfahrungen von International Alert und Peace Direct zu ‚Friedensprodukten‘ ähnlich wie ‚Fair trade‘, menschenrechtsorientierte Standards des ‚Forum anders reisen‘ und der ‚Global Peace Index‘ des Institute for Economics and Peace.

Allerdings wurde daraus klar: Ein allgemeingültiger Kriterienkatalog zum Kategorisieren von friedensförderndem Wirtschaften ist noch nicht vorhanden. Trotzdem wurde eine Grundlinie deutlich, die Friedenskolleg*innen aus den Diskussionen um „connectors“ und „dividers“ und den „Local capacities for Peace“ bekannt sind: Es müssen Faktoren in einem Kontext berücksichtigt werden, die Konfliktlinien – die „dividers“ – nicht verschärfen, bzw. solche, die die Schaffung gemeinsamer Interessen – die „connectors“ – stärken. Im Tourismussektor etwa gibt es vom „Forum anders reisen“ ‚Soziale Kriterien‘, mit denen auch ‚Frieden‘ im Sinne von ‚Local capacities for Peace‘ abgefragt werden könnten“.

Um den Zusammenhang zwischen Frieden und Wirtschaft herzustellen, werden neben Kriterien für Firmenaktivitäten auch solche für „Friedensprodukte“ entwickelt (ähnlich dem „fair trade“) oder auch für das friedensorientierte Verhalten (lokaler) Wirtschaftsakteure und – institutionen. Bemerkt wurde allerdings auch, dass bei vielen dieser Initiativen der Frieden im Mittelpunkt stehe, tatsächlich weniger Wirtschaftlichkeit und Entwicklung.

So wurde festgestellt, dass es eine ganze Reihe von Initiativen gebe, die Unternehmen für den Frieden gewinnen wollen und dafür auch Kriterien festlegen. Diese bleiben jedoch diffus. Ebenso wie das Verhältnis von Wirtschaft und Frieden zueinander. Eine der weiterführenden Fragestellungen wird sein, welche Rollen ‚Wirtschaft‘ überhaupt in der Friedensförderung spielt. Dafür ist genauer zu definieren was ‚Wirtschaft‘ umfasst bzw. zu disaggregieren und zu klären, ob von lokalen oder internationalen Unternehmen, ökonomischen Entwicklungsprogrammen oder wirtschaftlichen Aktivitäten durch z.B. ‚public-private-partnerships‘ oder etwa von Investoren und Investmentfonds o.ä. die Rede ist. Ein weiterer zentraler Aspekt ist, welche Rolle Machtverhältnisse spielen und was das für die einzugehenden Verbindungen bedeutet.

An diesen Fragen wird FriEnt gemeinsam mit den Expert*innen der Konsultation arbeiten. Die Ergebnisse dieser gemeinsamen Arbeit sollen in einem weiteren Briefing veröffentlicht und zur Diskussion gestellt werden.


Weiterführende Informationen:

Caroline Kruckow, FriEnt/Brot für die Welt
Caroline.Kruckow@frient.de

Sylvia Servaes, FriEnt/Misereor
Sylvia.Servaes@frient.de

Links und Literatur: 

Wirtschaft und Frieden – eine Bilanz: Mit dem Bulldozer Wirtschaft für den Frieden?
Caroline Kruckow und Sylvia Servaes | FriEnt Briefing No 14 | 2019

Human rights due diligence in conflict-affected settings
International Alert |März 2018

Responsible Business
Collaborative Development Learning Projects/CDA

Peace Gold in DRC
Peace Direct

Peace Investment Fund
Peace Nexus Foundation

Positive Peace Report (including the Positive Peace Index)
Institute for Economics & Peace | 2019