@Ziviler Friedensdienst

Konflikttransformation & Konfliktsensibilität – Erfahrungen aus 10 Jahren Entwicklungszusammenarbeit in der Caraga-Region auf Mindanao, Philippinen

„Warum werden partizipative Konfliktanalysen eigentlich nicht öfter durchgeführt, wenn der Mehrwert so offensichtlich ist?“ war eine Frage, die Ende März auf dem FriEnt-forumZFD-GIZ Workshop mit dem Titel „Konflikttransformation & Konfliktsensibilität – Erfahrungen aus 10 Jahren Entwicklungszusammenarbeit in der Caraga-Region auf Mindanao, Philippinen“ diskutiert wurde. Im Zentrum des Workshops standen Erfahrungen, die das forumZFD, der ZFD der GIZ sowie die GIZ in der Caraga-Region auf Mindanao, Philippinen, mit der gemeinsamen Durchführung einer partizipativen Konfliktanalyse gemacht haben. Einen weiteren Schwerpunkt der Veranstaltung bildeten die Erkenntnisse des 2011 gestarteten und im März 2019 abgeschlossenen GIZ-Programms zur konfliktsensiblen Ressourcen- und Vermögensverwaltung (COSERAM). Dieses baute auf den Ergebnissen einer partizipativen Konfliktanalyse mit einem explizit konfliktsensiblen Ansatz auf. In enger Partnerschaft mit der lokalen Verwaltung zielte das Vorhaben darauf ab, besonders marginalisierten Bevölkerungsgruppen den nachhaltigen Zugang zu natürlichen Ressourcen zu ermöglichen, um gewalttätige Konflikte zu vermeiden.

Im Fokus der Veranstaltung standen u. a. folgende Fragen: Welche Rolle spielte die partizipative Konfliktanalyse bei der Durchführung der Programme? Was sprach dafür, ein Vorhaben mit Konfliktsensibilität im Fokus aufzusetzen? Wie wurde Konfliktsensibilität konkret umgesetzt? Welcher Beitrag zur Konflikttransformation konnte geleistet werden?

Vor gut 10 Jahren führte die GIZ (damals: GTZ) gemeinsam mit dem forumZFD und dem ZFD der GIZ (damals: DED) im Auftrag des BMZ und der philippinischen Regierung eine partizipative Konfliktanalyse für die Region Caraga auf Mindanao, in einem Zeitraum von vier Monaten mit Kosten von ca. 150.000 EUR, durch. Anlass war die Entscheidung des BMZ, die bilaterale Kooperation auf den Schwerpunkt Frieden und Konflikttransformation zu konzentrieren. Nach Abstimmung mit der philippinischen Regierung wurde die Region Caraga ausgewählt, eine neue Region für die deutsche Kooperation. Neben der Identifizierung wesentlicher Konfliktlinien, -akteure und möglichen Ansätzen, konnten mit dem partizipativen Ansatz auch Kommunikationskanäle und Beziehungen geknüpft und Vertrauen zwischen den Akteuren aufgebaut werden. Zudem wurden beteiligte lokale Akteure durch den Prozess gestärkt und Ownership, Legitimität und Akzeptanz für die Ergebnisse und daraus folgenden Aktivitäten und die Zusammenarbeit insgesamt hergestellt, was sich auch auf die Sicherheit des Personals vor Ort positiv auswirkte. Die Ergebnisse wurden integraler Bestandteil des vorzubereitenden GIZ-Programms sowie des laufenden ZFD-Programms.

Die Teilnehmenden waren sich einig, dass besonders in Kontexten mit komplexen symmetrischen und asymmetrischen Konflikten “Desk Studies“ oder Prüfmissionen nicht ausreichen, um den Kontext angemessen zu verstehen, Vertrauen aufzubauen und sinnvolle Maßnahmen für externe Akteure zu identifizieren. Erst die partizipative Konfliktanalyse ermöglichte ein tieferes und vielschichtiges Kontextverständnis.

Die partizipative Konfliktanalyse identifizierte und erreichte, wie am Ende des COSERAM-Vorhabens festzustellen war, die realistischen Ziele entlang der Konfliktlinien. Das gender-, kultur- und konfliktsensible Vorgehen des Vorhabens überzeugte die philippinische Partnerseite in dem Maße, dass in der letzten Phase des COSERAM-Vorhabens die philippinische Verwaltung Beratungen und Trainings zur konfliktsensiblen Umsetzung für die gesamte Behörde anfragte.

Wichtige Erfolgsfaktoren bei der Programmgestaltung von COSERAM waren neben der strukturellen Einbettung, wie dem konfliktsensiblen Wirkungsmonitoring von intendierten und nichtintendierten (positiven und negativen) Wirkungen, insbesondere auch die Haltung, die Kompetenzen im Team und die praktizierte Arbeitskultur im Vorhaben. Regelmäßige Selbstreflexion und –kritik im gesamten Team, das Einholen von Fremdwahrnehmungen und –erwartungen, die Vorbildfunktionen der Führung und des Personals sowie die Schaffung einer Kultur des Vertrauens, in der Konflikte offen angesprochen werden können, sind besonders in einem kulturell sehr vielschichtigen Kontext wichtige Schritte. Herausgestellt wurde auch die Notwendigkeit, in der Durchführung Flexibilität zu zeigen, um auf Basis der Reflektionsergebnisse Anpassungen in der Durchführung vorzunehmen – sei es geplante Aktivitäten zu ändern oder gar auszusetzten und ggf. auch den Instrumenteneinsatz anzupassen.

Die Workshop-Teilnehmenden hielten fest, dass die Koordination und Zusammenarbeit der deutschen staatlichen und zivilgesellschaftlichen Akteure seit Durchführung der partizipativen Konfliktanalyse einen großen Mehrwert darstellte. Die Zusammenarbeit garantierte ein gemeinsames Kontextverständnis, eine gute Vertrauensbasis und Anknüpfungspunkte, die jeweiligen Rollen und Zugänge besser in Wert zu setzen. Inwiefern das deutsche Gesamtengagement zu Frieden in der Region beigetragen hat, konnte abschließend nicht beantwortet werden. Bisherige Evaluierungen betrachten nur Ausschnitte der Wirkungen der einzelnen Akteure, aber nicht das Gesamtbild. Eine unabhängige Evaluierung von COSERAM wird zurzeit durchgeführt und die Ergebnisse stehen noch aus.

Die abschließende Reflektion, inwieweit ein solcher Ansatz sich auch auf andere, insbesondere fragile Kontexte übertragen ließe, wurde nicht nur bejaht sondern als notwendig erachtet. Jedoch sahen die Teilnehmenden den gegenwärtigen Trend, quantitative Daten und nicht qualitativen Wirkungen in den Vordergrund zu stellen, auch für die Umsetzung von friedensfördernden und konfliktsensiblen Ansätzen, als herausfordernd an. Die Maßgabe, bereits vor Beginn eines Vorhabens Ziele und Indikatoren festzulegen sowie schnell Zahlen liefern zu müssen, reduziere Flexibilität bei der konfliktsensiblen Programmgestaltung und –umsetzung, besonders in fragilen Kontexten.

Vielleicht sind dies u.a. auch Gründe, die dazu führen, dass partizipative Konfliktanalysen selten durchgeführt werden? Für die Beteiligten war der gemeinsame Austausch ein Ansporn, das Instrument der partizipativen Konfliktanalyse sowohl bei der Vorbereitung als auch bei der Durchführung von Vorhaben in Kontexten von Fragilität, Konflikt und Gewalt wieder stärker zu bewerben und zur Anwendung zu bringen. Denn jedes Vorhaben wird in einem solchen Kontext Teil des Konfliktes, ob sie wollen oder nicht.


Weiterführende Informationen:

Sonja Vorwerk-Halve, FriEnt
sonja.vorwerk-halve(at)frient.de

Peter Hauschnik, Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ)
peter.hauschnik(at)giz.de

Links und Literatur:

Practitioner’s Guide: Participative Community Peace and Conflict Assessment - PCPCA
Methodfinder | 2010

Caraga Region Philippines Assessment
Methodfinder (2010), Practitioner’s Guide: Participative Community Peace and Conflict Assessment, PCPCA

COSERAM Impact Brochure
GIZ | 2018