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Jonathan Menge

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Leitung FES Nepal

Corona-Katastrophe auf dem Dach der Welt

Nepal braucht dringend Hilfe und könnte in Zukunft ein Aufflammen alter Konflikte erleben
31. Mai 2021
Adli Wahid I Unsplash

In Nepal wütet die Corona-Pandemie seit einigen Wochen unerbittlich, täglich gibt es zwischen sieben- und neuntausend Neuinfektionen. 35 bis 50 Prozent der PCR-Tests sind positiv. Nepal ist damit aktuell das vielleicht am härtesten von der Pandemie getroffene Land der Welt ist. Hintergrund ist auch eine anhaltende politische Krise, die dafür sorgte, dass die Pandemiebekämpfung zur Nebensache geriet.

Anfang Mai machte die zweite Corona-Welle in Nepal zum ersten Mal internationale Schlagzeilen, mit Berichten über bestätigte Covid-19 Infektionen im Everest Basecamp. Schlechte Presse für die nepalesische Tourismusbranche, die seit einem Jahr komplett am Boden gelegen und auf bessere Zeiten gehofft hatte. Nachdem sich das Infektionsgeschehen Anfang des Jahres beruhigt hatte, hatte das Land begonnen, sich wieder für Touristen zu öffnen und eine Rekordzahl von mehr als 400 Lizenzen für die Besteigung des höchsten Berges der Welt ausgestellt.

Mittlerweile befindet sich Nepal wieder in einem strikten Lockdown, der einzige internationale Flughafen des Landes ist geschlossen und – wie vor einem Jahr – sitzen Touristen und Bergsteiger fest. Doch all das sind nur Symptome einer Katastrophe, die in Anbetracht der gigantischen Ausmaße der indischen Corona Krise, erst spät und bislang noch viel zu wenig Aufmerksamkeit bekommt.

Ruhe vor dem Sturm

Dabei schien sich vor kurzen noch alles zum Guten zu wenden. Indien hatte Nepal großzügig im Rahmen seiner diplomatischen Impfstoffoffensive unterstützt und die Impfkampagne war vielversprechend angelaufen. Die Fallzahlen waren selbst über den Winter niedrig geblieben und es gab immer mehr Tage ohne offizielle Todesopfer. So konnte man im März in Nepals Hauptstadt Kathmandu das Gefühl bekommen, die Pandemie sei bereits Geschichte. Geschäfte waren ohne Einschränkungen geöffnet, Bars und Restaurants gut gefüllt und die täglichen Staus hatten Vorpandemie-Niveau erreicht. Religiöse Feierlichkeiten wurden wieder aufgenommen und die Luftverschmutzung verzeichnete Rekordwerte.

Die Regierung hatte nahezu alle Einschränkungen aufgehoben und war ohnehin anderweitig beschäftigt. Das Ende der Pandemie hatte zwar auch politische Gründe – die Zahl der Tests war deutlich reduziert worden – aber sehr vieles deutete auf eine tatsächliche Entspannung der Lage hin. Ähnlich wie in Indien machten Gerüchte über die besondere Widerstandsfähigkeit der nepalesischen Bevölkerung die Runde und über den Grad der Durchseuchung wurde spekuliert. Immerhin hatte eine Antikörper-Studie im September – noch bevor die erste Welle richtig Fahrt aufgenommen hatte – festgestellt, dass 13 Prozent der Bevölkerung bereits mit dem Virus infiziert gewesen waren. In der Konsequenz agierte die Bevölkerung zusehends sorglos und berücksichtigte Abstands- und Sicherheitsregeln immer weniger.

All dies trug dazu bei, dass die neue Corona-Welle, die im April sehr schnell aus Indien über Nepal hereinbrach, das Land völlig unvorbereitet traf. Dabei war abzusehen gewesen, dass sich die schrecklichen Bilder aus Indien in Nepal wiederholen würden. Die Grenze zwischen beiden Ländern ist offen und viele Menschen migrieren auf der Suche nach Arbeit in die eine oder andere Richtung. Die politische Krise, die das Land seit Monaten in Atem hält, trug das ihrige bei.

Ohne Rücksicht auf Verluste

Nach dem langen Konflikt zwischen maoistischen Aufständischen und der Zentralregierung zwischen 1996 und 2006, waren mit der Verabschiedung einer neuen Verfassung im Jahr 2015 und den folgenden Wahlen große Hoffnungen auf die Demokratisierung Nepals verbunden. Die Nepal Communist Party (NCP), die aus der Vereinigung der Communist Party of Nepal – Unified Marxist-Leninist (CPN-UML) und der Communist Party of Nepal – Maoist Centre (CPN-MC) hervorgegangen war, hatte nahezu eine Zweidrittel-Mehrheit erringen können. Die Voraussetzungen für die lang erhoffte politische Stabilität schienen gut. Allein die internen Machtkämpfe in der NCP konnten nie beigelegt werden und wurden bereits in der erster Corona Welle mit erbitterter Härte ausgetragen.

Zum Ende des letzten Jahres gipfelte die Auseinandersetzung schließlich in der Auflösung des Repräsentantenhauses, auf Antrag von Premierminister K.P. Sharma Oli. Der Premierminister, ehemals CPN-UML, war von seinen parteiinternen Gegenspielern über Monate hinweg unter Druck gesetzt worden und hatte zum Befreiungsschlag ausgeholt. Doch auch wenn das Oberste Gericht die Entscheidung später als verfassungswidrig erklärte und die Wiedereinsetzung des Parlaments anordnete, hat sich die nepalesische Demokratie von diesem Schlag bislang nicht wieder erholt. Zumal ein weiteres Gerichtsurteil wenig später das politische Chaos perfekt machte: Der Zusammenschluss von CPN-UML und CPN-MC wurde für ungültig erklärt, da der Parteiname „Nepal Communist Party“ bereits 2013 von einer anderen Partei registriert worden war.

Seitdem wird in Kathmandu mit allen Mitteln um politische Mehrheiten gekämpft, ohne dass sich große Fortschritte verzeichnen lassen. Premierminister Oli und seine politischen Konkurrenten stehen sich dabei in ihrer Unnachgiebigkeit in nichts nach – trotz Pandemie-Notlage. Seit Anfang des Jahres wurden vielfach Massenkundgebungen organisiert, um Stärke zu zeigen und/oder gegen die Auflösung des Parlaments zu demonstrieren.

Am 10. Mai stellte Premierminister Oli schließlich erfolglos die Vertrauensfrage. Da die Opposition ebenfalls nicht in der Lage war, eine eigene Mehrheit zu organisieren, wurde Oli mittlerweile wieder als Premierminister vereidigt und das Parlament abermals aufgelöst – zum zweiten Mal innerhalb von fünf Monaten. Von Olis Gegnern wird wiederum die Verfassungswidrigkeit beklagt und die Wiedereinsetzung des Parlaments gefordert. Auch Präsidentin Bidya Devi Bhandari gerät zunehmend in die Kritik. Ihr wird Parteinahme für den Premierminister vorgeworfen und tatsächlich vergeht zumeist kaum Zeit, bevor sie seinen Anträgen stattgibt. Es bleibt abzuwarten, ob die Neuwahlen, wie verkündet im November stattfinden werden oder doch erst turnusgemäß im nächsten Jahr gewählt werden wird.

Sicher ist, Oli steht weiterhin unter Druck: Selbst innerhalb seiner Partei, der CPN-UML, hat sich eine einflussreiche Gruppe von ihm abgewendet und alle weiteren im Parlament vertretenen Parteien scheinen mehr und mehr geeint durch den Wusch, seiner Amtszeit ein Ende zu setzen. Doch Oli hat sich wiederholt als äußerst flexibel erwiesen und war seinen Gegnern bislang immer einen Schritt voraus. Dass bei einem solchen politischen Chaos die Pandemiebekämpfung allerdings zur Nebensache gerät, kann kaum verwundern. Dies hat wohl seinen Teil dazu beigetragen, dass Nepal aktuell das vielleicht am härtesten von der Corona Pandemie getroffene Land der Welt ist.

Verzweifelte Suche nach Sauerstoff

Am 10. Mai – dem Tag der Vertrauensfrage – registrierte das Land 9.127 neue Corona-Infektionen (ein weiterer trauriger Rekord) und 139 Covid-19 Tote. Seit einigen Wochen sind es zwischen sieben und neuntausend Neuinfektionen täglich, mehr als doppelt so viele wie in der Spitze der ersten Welle Ende 2020. Der totale Kollaps des Gesundheitssystem ist deutlich daran abzulesen, dass die täglichen Todeszahlen von etwa 50 auf mittlerweile 150 bis 200 sprunghaft angestiegen sind. Viele Betroffene sterben zu Hause oder auf der Suche nach Hilfe, weil es an medizinischem Sauerstoff mangelt und die meisten Krankenhäuser keine neuen Patienten mehr aufnehmen. Die Krematorien kommen mit den Einäscherungen kaum noch nach.

In den sozialen Medien suchen Menschen nach Hilfe für ihre Angehörigen. In Anbetracht der Tatsache, dass der Staat längst die Kontrolle verloren hat, versuchen Freiwillige zu unterstützen, so gut es geht. Derweil fiel die Reaktion von Premierminister Oli in Anbetracht der Katastrophe einmal mehr irritierend aus: Noch am 8. Mai erklärte er in einem CNN Interview, dass die Pandemie in Nepal unter Kontrolle sei, um nur zwei Tage später einen bemerkenswerten Hilferuf im Guardian zu platzieren.

Im Vergleich zu mehreren hunderttausend Neuinfektionen täglich im benachbarten Indien und auch den teilweise aus Europa gewohnten Spitzenwerten, erscheinen die Zahlen aus Nepal vielleicht wenig beeindruckend. Aber die Lage könnte kaum schlimmer sein. Das Gesundheitssystem des 30 Millionen Einwohner Landes an den Hängen des Himalayas ist noch schlechter entwickelt als im benachbarten Indien und insbesondere die Versorgung der ländlichen Bevölkerung ist in Anbetracht der Topografie schwierig.

Bis zu 50 Prozent positive Tests!

Und auch wenn die absoluten Zahlen weniger beeindruckend sind, muss davon ausgegangen werden, dass es sich bei den offiziellen Zahlen in Nepal nur um die Spitze des Eisbergs handelt. Bei 16.000 - 20.000 PCR Tests täglich liegt die Positivrate bei astronomischen 35 bis 50 Prozent! Zum Vergleich: In der Spitze lag diese in Indien in den letzten Wochen maximal bei 20-25 Prozent. Ohne Zweifel, würde in Nepal mehr getestet, die Zahlen würden eine deutlichere Sprache sprechen. Und um es abermals zu veranschaulichen: Rechnet man die offiziellen(!) nepalesischen Zahlen auf eine Gesamtbevölkerung von 1,2 Milliarden hoch – ein ungefährer Vergleichswert zu Indien – würde dies bedeuten, dass täglich zwischen 6.000 und 8.000 Menschen sterben.

Es werden sich sicherlich einige Lehren aus der nepalesischen Erfahrung ziehen lassen: Darüber wie Machtpolitik in Pandemiezeiten zur Katastrophe führen kann oder wie die ewig zitierten Zahlen nur die halbe Geschichte in dieser Pandemie erzählen. Oder auch darüber, dass Südasien insgesamt eine katastrophale Corona-Welle bevorstehen könnte. Doch im Moment scheint es in Anbetracht der Situation dringlicher zu sein, auf das immense und vermeidbare Leid in Nepal aufmerksam zu machen: Die nepalesische Bevölkerung braucht gerade jede Unterstützung, die es kriegen kann!

Alte Wunden könnten wieder aufbrechen

Perspektivisch hat die aktuelle politische Krise das Potenzial, alte Konflikte wieder zu entflammen. Die Demokratisierung des Landes war bislang sehr erfolgreich darin, den Konflikt mit den aufständischen Maoisten zu befrieden. Allerdings wurde die CPN-MC von Premierminister Oli auf sehr fragwürdige Weise politisch ausmanövriert. Hinzu kommt, dass der Konflikt zwischen Zentralstaat und der Bevölkerung im südlichen Terrai, der in der Vergangenheit immer wieder zu blutigen Zusammenstößen geführt hat, weiter schwelt. Je nachdem wie sich die politische Situation weiterentwickelt, könnten diese Konflikte wieder aufbrechen.

Und schließlich ist es keineswegs ausgeschlossen, dass im Kontext der nächsten Wahlen – ähnlich wie die letzte Corona-Welle – der Hindunationalismus aus Indien nach Nepal hinüberschwappt. Zuletzt wurden Premierminister Oli immer wieder Sympathien nachgesagt. Für das zwar mehrheitlich hinduistisch geprägte, aber dennoch äußerst diverse Nepal könnte sich eine solch religiös-nationalistische Ideologie als gefährlicher Zündstoff erweisen.

Die Arbeitsgemeinschaft Frieden und Entwicklung (FriEnt) ist ein Zusammenschluss von staatlichen Organisationen, kirchlichen Hilfswerken, zivilgesellschaftlichen Netzwerken und politischen Stiftungen.

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