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Ingolf Seidel

Ingolf Seidel arbeitet seit 2009 für das Bildungsportal "Aus der Geschichte lernen" und ist verantwortlich für Redaktion und Projektmanagement. Er führt Seminare zur (historischen) politischen Bildung durch und konzipiert Bildungsmodule.

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Erinnerung in internationalen Jugendbegegnungen

Brücken bauen zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft
01. März 2021
Gedenkstätte in Hodonín u Kunštatu. Foto: Ingolf Seidel.

Die Erinnerung an den Völkermord an Sinti und Roma hat in der deutschen und tschechischen Gesellschaft sehr unterschiedliche Ausgangsbedingungen. Deutsch-tschechische Jugendbegegnungen ermöglichen es Jugendlichen, neue Erfahrungen jenseits der nationalen Erinnerungsprozesse zu machen und sich durch den großen zeitlichen Abstand offen mit der Thematik auseinanderzusetzen.

Internationale Jugendbegegnungen sind oftmals beeinflusst von der Vergegenwärtigung von Geschichte. Vor allem die Erinnerung an Nationalsozialismus, Shoah, Roma-Holocaust und Zweiten Weltkrieg spielt als Teil der unterschiedlichen Geschichtskulturen gerade dort hinein, wo die Thematik nicht explizit aufgegriffen wird. Das transnationale Projekt „Reflecting Memories“ will die Diskussion um die Bedeutung von Erinnerung und Gedenken an die Shoah, den Völkermord an Sinti und Roma, die deutsche Besatzung und andere nationalsozialistische Massenverbrechen in den Jugendbegegnungen weiter befördern. Zudem will es Pädagog*innen eine praxisorientierte Unterstützung in der Organisation von Erinnerungsprozessen in internationalen Jugendbegegnungen bieten.

Im Oktober 2017 führte der Bayerische Jugendring im Rahmen der Reihe „Reflecting Memories“ in München ein deutsch-tschechisches Seminar für Multiplikator*innen der internationalen Jugendarbeit zur Erinnerung an den Völkermord an Sinti und Roma durch. Die Veranstaltung wurde gemeinsam konzipiert und geleitet von Mitarbeiter*innen der Agentur für Bildung und des Bayerischen Jugendrings sowie des Museums für Roma-Kultur in Brno. Im Mittelpunkt standen u.a. die unterschiedlichen geschichtlichen Hintergründe, aber auch die ähnlichen Herangehensweisen der Behandlung der Sinti und Roma und der Erinnerung an den Völkermord.

Unterschiedliche Ausgangsbedingungen der Aufarbeitung

In der deutschen Gesellschaft gab es nach 1945 eine Kontinuität des Antiziganismus, die ihren Ausdruck auch im behördlichen Handeln und bis in die Gesetzgebung fand. Bayern nahm in der Errichtung eines Kontrollregimes über Angehörige der Minderheit bereits früh im 19. Jahrhundert und bis nach 1945 eine unrühmliche Vorreiterrolle ein. Mit der Verabschiedung der „Landfahrerordnung“ im Jahr 1953 wurden viele Restriktionen des bayerischen „Zigeuner- und Arbeitsscheuengesetzes“ aus dem Jahr 1926 nach ihrer Abschaffung durch die US-Militärregierung wieder in Kraft gesetzt. Der Begriff „Landfahrer“ camouflierte nur die antiziganistische Ausrichtung der Verordnung, da man sich nach 1945 nicht dem Vorwurf des Rassismus aussetzen wollte. Vielen im Nationalsozialismus verfolgten Sinti und Roma wurde zudem jegliche Entschädigung verweigert. Eine offizielle Anerkennung des Völkermordes an bis zu einer halben Million Sinti und Roma erfolgte erst 1982 durch den damaligen Bundeskanzler Helmut Schmidt. Ein Denkmal in Berlin wurde erst 2012 eingeweiht.

In der Tschechischen Republik stellt sich die Situation anders dar. Mit dem deutschen Überfall und der Aufteilung entwickelte sich eine nationale Erzählung, die den eigenen Opferstatus in den Mittelpunkt stellt. Zudem wurden während der staatssozialistischen Ära vor allem heroische Aspekte des tschechischen Widerstands gegen die Besatzung herausgestellt. Hinzu kommt, dass die „Zigeunerlager“ auf tschechischem Gebiet, in Lety und in Hodonín, von denen auch die Züge zur Vernichtung nach Auschwitz fuhren, unter tschechischer Kommandantur und Bewachung standen. Die Erinnerung an diese Form der Mittäterschaft ist bis heute prekär. Dušan Slačka vom Museum für die Roma-Kultur bezeichnete die Gründung des Svaz Cikánů-Romů (Verband der Zigeuner-Roma, SCR) 1969 als wichtigen Markstein in der Nachkriegsgeschichte der tschechischen Roma. Initiativen zur Gründung dieser ersten politischen und kulturellen Vereinigung für Roma in der ČSSR gehen auf den „Prager Frühling“ zurück. Der SCR trat für die sozialen und politischen Rechte von Roma ein. Nach der nur halb freiwilligen Auflösung des Verbandes 1973 existierte auch nach 1989/90 keine stabile Nachfolgeorganisation. Indirekt tritt das Muzeum romské kultury in die Fußstapfen.

Erst 2017 wurde in Hodonín eine Gedenkstätte in Trägerschaft des Muzeum romské kultury eröffnet. Bereits seit 1995 wurden dort seitens des Museums Gedenkveranstaltungen abgehalten. Zuvor befand sich auf dem Gelände ein Ferien- und Freizeitcamp. Auf dem Gelände des ehemaligen Lagers Lety befand sich bis zur Übergabe des Geländes an den tschechischen Staat im Jahr 2018 eine Schweinemastfarm. Es ist dem langjährigen Ringen von Roma- und Nicht-Roma Aktivist*innen aus Deutschland und Tschechien um ein angemessenes Erinnern zu verdanken, dass nun auch hier eine Gedenkstätte errichtet wird.

Überraschende Ähnlichkeiten

Es lässt sich festhalten, dass in beiden Ländern Defizite in der Aufarbeitung des NS-Völkermords bestehen. Überraschend war für einige Teilnehmende, welche Übereinstimmungen sich in der antiziganistischen Verfolgungspraxis jenseits des Nationalsozialismus feststellen ließen. Das betrifft beispielsweise das tschechoslowakische Gesetz Nr. 117/27 von 1927, das sich an dem repressiven bayerischen „Gesetz zur Bekämpfung von Zigeunern, Landfahrern und Arbeitsscheuen“ orientiert und in dem Elemente späterer NS-Politik bereits vorweggenommen waren. Auch im Hinblick auf antiziganistische Stereotype, denen Teilnehmende in ihrer Berufspraxis begegnen, gibt es Parallelen.

Und heute?

Von den teilnehmenden Praktiker*innen wurde die Möglichkeit begrüßt, sich in bilateralem Rahmen mit unterschiedlichen Perspektiven auf die jeweiligen Formen der Erinnerung auseinanderzusetzen. Das würde auch Jugendlichen die Möglichkeit eröffnen, jenseits des nationalen Rahmens neue Erfahrungen zu machen und die Komplexität historischer Situationen besser zu verstehen.

Jugendbegegnungen finden in der tschechisch-deutschen Konstellation mit einem großen generationellen Abstand zu den historischen Ereignissen statt. Auch wenn die jeweiligen Geschichtserzählungen und familiären Verstrickungen die Geschichtsbilder von Jugendlichen beeinflussen, so sind doch der zeitliche und generationelle Abstand sowie das Miteinander unter Peers Faktoren, die zur Offenheit in der Auseinandersetzung beitragen.

Die Arbeitsgemeinschaft Frieden und Entwicklung (FriEnt) ist ein Zusammenschluss von staatlichen Organisationen, kirchlichen Hilfswerken, zivilgesellschaftlichen Netzwerken und politischen Stiftungen.

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