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Kirsten Jantke

kirsten.jantke@frient.de

Kirsten Jantke ist gelernte Journalistin und jetzt Beraterin für Kommunikation bei FriEnt. Zuvor arbeitete sie in gleicher Funktion beim Bündnis für nachhaltige Textilien.

Journalist*innen können Frieden

Schluss mit dem Mauerblümchen-Dasein des Friedensjournalismus
21. Oktober 2021
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In diesem Monat haben die beiden Journalist*innen Maria Ressa und Dimitri Muratov den Friedensnobelpreis bekommen, weil sie sich für Meinungsfreiheit, Demokratie und dauerhaften Frieden eingesetzt haben. Für uns ein Anlass, um die Rolle von Medien in der Friedensförderung zu beleuchten. Wie können sie bei der Konflikttransformation konstruktiv mitwirken? Was ist konfliktsensibler Journalismus und kann er die Friedensförderung unterstützen?

Journalist*innen sind üblicherweise mitten im Geschehen, wenn Konflikte aufbrechen und sie nehmen, ob sie wollen oder nicht, beträchtlich Einfluss. Sie bilden unsere Meinungen über unüberschaubare Ereignisse und reduzieren Komplexität. Das nennen wir gemeinhin Schwarz-Weiß-Malerei. Damit verfestigen sie häufig verhärtete Wahrnehmungen und heizen Konflikte an. Aber sie können auch Konfliktursachen verständlich machen und die Augen öffnen für diverse Sichtweisen, Interessen und Gefühle. Dennoch hat es eine weitaus längere Tradition, dass Berichterstatter*innen in Konflikten eher zur Eskalation beitragen.

Kriegsreportage versus Friedensjournalismus

Kriegsreportagen gehören zu den ältesten journalistischen Formaten. Sie zielen  meistens darauf ab, den Kriegsgegner zu desinformieren und das eigene Volk zu manipulieren. Im Kontrast zu diesem Ansatz definierte der norwegische Friedensforscher Johan Galtung in den 1950er Jahren den „Friedensjournalismus“. Er verstand darunter kritische Berichte aus Kriegsgebieten, die die Situation differenziert beschreiben und sich für den Frieden einsetzen. Journalist*innen , die nach Galtungs Konzept handeln, sollen zwischen Konfliktparteien vermitteln und dabei helfen, Konflikte zu entschärfen.

Kommunikations- und Medienwissenschaftler*innen verfeinern seit den 90er Jahren das Konzept des Friedensjournalismus. Sie beschreiben Qualitätskriterien und Handlungsempfehlungen für die Berichterstattung über gewaltsame Konflikte. Rolle und Verantwortung von Journalist*innen stehen im Mittelpunkt. An sie wird der Anspruch gestellt, über Konflikte besonders sorgfältig zu berichten und mit ihrer Berichterstattung die Prävention von Konflikten sowie Friedens- und Versöhnungsprozesse zu unterstützen.

Nachholbedarf in Deutschland

Der friedensjournalistische Ansatz hat Deutschland bisher kaum erreicht. Weder im Redaktionsalltag noch in der Aus- und Fortbildung ist sie besonders relevant; in der Praxis ist mir das Konzept noch nie begegnet. Gleichwohl werden friedensjournalistische oder konfliktsensible Ansätze sowohl in Europa und den USA als auch im Globalen Süden in journalistischen und kommunikationswissenschaftlichen Studiengängen vermittelt. Dies geschieht zum Beispiel am Center for Media, Democracy, Peace and Security der Rongo University in Kenia, an mehreren Hochschulen auf der philippinischen Insel Mindanao und an der Parks University im US-Staat Missouri, die auch die Halbjahreszeitschrift The Peace Journalist veröffentlicht. Auch an wenigen deutschen Hochschulen werden Seminare über Konfliktsensitiven Journalismus angeboten, z. B. an der Universität der Bundeswehr in München und am Institut für Journalistik der TU Dortmund. In Deutschland dagegen kritisieren Praktiker*innen das Konzept oder halten es für überflüssig, weil die allgemein gültigen journalistischen Qualitätsmaßstäbe ihrer Ansicht nach auch zu einer friedensfördernden Konfliktberichterstattung führen. Das ist im ersten Moment bestechend, da die journalistischen Qualitätskriterien wie Ausgewogenheit, Wahrhaftigkeit, Differenziertheit scheinbar ausreichen, um die Konflikttransformation zu unterstützen. Es wäre immerhin ein Anfang, wenn sich alle Medien, insbesondere auch die Meinungsführer*innen in Sozialen Medien wenigstens an diese Grundregeln halten würden. Und nicht für ein paar Klicks lieber Öl ins Feuer gießen würden.

Mehr als sagen, was ist

Friedensjournalismus meint, nach meinem Verständnis, aber mehr als Qualitätsjournalismus. Letzterer kann, oder muss, nach einer weit verbreiteten Vorstellung „Sagen, was ist“, wie es der Gründer des „Spiegel“ Rudolf Augstein formuliert hat.

Um ernsthaft friedensförderlich zu wirken, denke ich, reicht es allerdings nicht aus, den Zustand zu beschreiben. Dazu bedarf es zusätzlich der Reflektion von Konfliktbearbeitungs- und Lösungsansätzen. Die Friedensjournalist*in müsste sich auch als Katalysator für den Dialog zwischen den Parteien verstehen und das Verständnis zugrunde legen, dass Frieden eine gesamt-gesellschaftliche Aufgabe ist, die von Medienschaffenden mitzuverantworten ist.

Genau das entspricht allerdings nicht der reinen Lehre des Journalismus, nach der man sich nicht gemein machen darf mit einer Sache, auch nicht mit einer guten. Damit wird gegen das sogenannte „Objektivitätsgebot“ verstoßen. „Distanz halten, sich nicht gemein machen mit einer Sache, auch nicht mit einer guten, nicht in öffentliche Betroffenheit versinken, im Umgang mit Katastrophen cool bleiben.“

Es ist also nicht damit getan, auf die klassischen journalistischen Tugenden zu verweisen. Ich finde, das Thema Friedens- oder auch konfliktsensibler Journalismus verlangt in der aktuellen Zeit und speziell in Deutschland mehr Aufmerksamkeit. Raum dafür wäre in Fachdebatten, auf
Journalistenkongressen sowie in der Aus- und Weiterbildung von Journalist*innen. Hier könnten Bewusstsein und eine Haltung zum Thema geweckt werden. Peacebuilding-Expert*innen könnte es umgekehrt weiterhelfen, wenn sie kommunikationswissenschaftliche Expertise sowie Akteure aus den klassischen und sozialen Medien in ihren Prozessen mitdenken und einbinden, sofern das nicht schon passiert. Das bezieht sich sowohl auf Konfliktanalysen als auch auf Konfliktbearbeitung.

„While a dialogue affects dozens, media influences millions.“ Search for common ground

Die US-amerikanisch Peacebuilding Organisation „Search for Common Ground“ nutzt systematisch die Wirkung von Medien für ihre Arbeit: “Media is a powerful tool to tackle deeply-rooted social issues. Our media production arm works through our country programs and local partners to create content that aims to bridge differences and build peace.” Auch andere Organisationen haben sich dem internationalen Friedensjournalismus verschrieben:

Viele Journalist*innen können und wollen sinnvoll für den Frieden arbeiten. Ihre Arbeit
kann ein Baustein für die Friedensförderung sein. Eine Zusammenarbeit in Peacebuilding-Projekten ist eine starke Option, um eine große Hebelwirkung bei der Transformation zu erzielen. In Deutschland dürfte dies für viele eine Neuigkeit sein.






Die Arbeitsgemeinschaft Frieden und Entwicklung (FriEnt) ist ein Zusammenschluss von staatlichen Organisationen, kirchlichen Hilfswerken, zivilgesellschaftlichen Netzwerken und politischen Stiftungen.

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