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Der Bruch mit der Normalität als Paradigmenwechsel

06.05.2020

Natascha Zupan

Nichts ist so komplex wie ein Virus. Dabei dachte ich noch bis vor wenigen Wochen, dass das insbesondere auf die Schaffung friedlicher und gerechter Gesellschaften zutrifft. Falsch gedacht - oder hängt das eine mit dem anderen zusammen? Wohl eher letzteres. Denn ganz unverhofft sind wir in einer Krise nicht mehr Externe, die sich bei aller Solidarität und Verantwortung immer einen Rückzugsraum vorbehalten können, sondern „locals“. Wir wechseln nicht nur die Perspektive, wir erleben den Bruch unserer Normalität.  Unsicherheit, Existenzangst, Verlust und Trauer sind unmittelbar und umfassend nach Europa zurückgekehrt. Jeder Vergleich mit Krieg verbietet sich – aber eine leise Ahnung dessen, was der gewaltsame Bruch von Normalität bedeutet, können wir dennoch erhalten. 

„Die Farbe des Virus ist grau“

In dieser Ahnung liegt eine Chance, nicht nur für unsere Gesellschaft, sondern auch für unser zukünftiges entwicklungs- und friedenspolitisches Engagement. Erst vor kurzem titelte eine Zeitung „Die Farbe des Virus ist grau“. Seit zwei Monaten erleben wir, dass es bei politischen Entscheidungen in einer gelinde gesagt unübersichtlichen und dynamischen Situation kein Schwarz oder Weiß, kein Richtig oder Falsch gibt. Politik bewegt sich vorsichtig tastend in einem Grau mit vielen Facetten. Und mit jedem Tag wird deutlicher, dass eine richtige Entscheidung in einem Politikbereich oder für eine soziale Gruppe, negative Auswirkungen auf andere hat. Wir erkennen beim näheren Hinsehen immer mehr Zusammenhänge - und im klassischen Do no Harm Prinzip werden Antworten gesucht. Wenn wir diese Erfahrung bewahren und im Umgang mit Komplexität und Dilemmata auf die zukünftige sektor- und akteursübergreifende Gestaltung entwicklungs- und friedenspolitischer Programme übertragen ist schon viel gewonnen. 

Je diverser Erfahrungen und Wissen, desto tragfähiger politische Entscheidungen

Gewinnen können wir auch für die Friedensförderung, wenn wir uns nach der Coronakrise vor Augen halten, dass „Nicht-Wissen“ schwerwiegende Folgen für viele Menschen haben kann. Im Moment werden wir täglich daran erinnert, dass Wissen, Verständnis und entsprechende Handlungsoptionen nicht auf den ersten oder zweiten Blick verfügbar sind. Zeit und Geduld sind erforderlich – auch daran erinnern uns Wissenschaft und (manche) Politiker*innen. Dies mag Anhänger*innen schnellen Handelns als Zumutung erscheinen, Verständnis und Akzeptanz dafür sind aber in der Bevölkerung nach wie vor groß. Darauf ließe sich bei zukünftigem politischen Handlungsdruck durchaus verweisen. Und noch etwas wird bei Wissen und Nicht-Wissen offensichtlich: Je interdisziplinärer und diverser Erfahrung und Wissen zusammengeführt werden, desto tragfähiger sind politische Entscheidungen und Maßnahmen. Vieles spricht dafür, diese Erkenntnis systematischer in die friedenspolitische Infrastruktur Deutschlands zu übertragen und entsprechende Ressourcen dafür zu Verfügung zu stellen. 

Wir erkennen, wie Krisen Ungleichheiten verschärfen

Was können wir außerdem aus dem derzeitigen Normalitätsbruch lernen? Zum Beispiel, dass Vertrauen ein sehr hohes Gut ist. Dieses in der Friedensförderung so schwer messbare Gut wird nun zu einem Schlüssel im Umgang mit der Pandemie. Es bleibt auch ein Schlüssel im friedenspolitischen Engagement und in der Zusammenarbeit mit Partnern in Konfliktregionen. Ein ebenso hohes Gut ist Gerechtigkeit. Wie unter einem Brennglas tritt nun Ungleichheit in unserer Gesellschaft zu Tage – und es wird deutlich, in welchem Maß Krisen Ungleichheiten verschärfen. Dass sich Gerechtigkeit und Vertrauen in Politik und Mitmenschen wechselseitig bedingen, muss nicht extra betont werden. Um so wichtiger bleibt es, weltweit für friedliche, inklusive und gerechte Gesellschaften einzutreten. Dabei wird uns hoffentlich mit Blick auf die Genderdimension der Coronakrise bewusster sein, wie zentral Geschlechtergerechtigkeit ist. Und wir werden hoffentlich aus eigener Erfahrung verstärkt in präventive Politik investieren.

Noch ist nicht absehbar, welche globalen Auswirkungen die Pandemie haben wird. Schreckens- und Hoffnungsszenarien wechseln sich ab. Was uns mit Menschen in Krisen- und Konfliktregionen bei allen Unterschieden nun stärker verbindet, ist die Erfahrung des Normalitätsbruchs. Und das birgt Chancen – nicht nur für die Friedensförderung.

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Autorin

Natascha Zupan ist Leiterin der Arbeitsgemeinschaft Frieden und Entwicklung (FriEnt).