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Sri Lanka: Die Corona-Krise droht die Bevölkerung weiter zu spalten

02.06.2020

Kesuma Saddak

Im November 2019 wurde Gotabaya Rajapaksa, der jüngere Bruder des ehemaligen Präsidenten Mahinda Rajapaksa, zum neuen Präsidenten von Sri Lanka gewählt. Kurz danach ernannte er Mahinda Rajapaksa zum Premierminister. Nationale und internationale Beobachter*innen glauben, dass die Wahl des neuen Präsidenten eine direkte Reaktion auf die Osteranschläge im April 2019 war. Bei diesen Terroranschlägen am Ostersonntag griffen muslimische Selbstmordattentäter drei christliche Kirchen und drei Luxushotels  nahe Colombo an. Mehr als 250 Tote und hunderte Verletzte waren zu beklagen. Trotz vorheriger Warnungen über einen geplanten Anschlag hatt es die damalige sehr zerstrittene Regierung unter Präsident Sirisena verpasst, die Bevölkerung zu schützen. Dies führte dazu, dass ein Großteil der Bevölkerung von der Regierung unter Führung von Präsident Sirisena tief enttäuscht war. Nach den Anschlägen kam der Wunsch nach einer „starken Führung“ auf, die man in Gotabaya Rajapaksa sah.

Religionsfreiheit auch in Krisenzeiten respektieren

Vor dem Hintergrund der Oster-Anschläge stehen Muslime in Sri Lanka seitdem besonders unter Druck. Sie sind starken Diskriminierungen ausgesetzt, Hassreden und Misstrauen gegenüber Muslimen gehören zur Tagesordnung. Selbst einige lokale Medien (Presse und TV)  machen die muslimische Minderheit für die Ausbreitung des Virus verantwortlich und verkünden dieser Tage, dass Covid-19 angeblich von Muslimen ins Land eingeführt wurde. Zudem ist es wohl mehr als wahrscheinlich, dass die Corona-Krise (aus)genutzt wird, um Spannungen zwischen Religions- und ethnischen Gruppen im Land weiter zu verschärfen. Gemäß einer kürzlich verkündeten staatlichen Anordnung müssen Covid-19 Tote verbrannt werden, obwohl die Verbrennung der Verstorbenen nicht von den WHO-Hygiene-Regeln gefordert wird. Nachdem zwei muslimische COVID-19-Todesopfer nicht entsprechend ihrer religiösen Tradition bestattet werden durften, verursachte dies Unzufriedenheit und Unruhe unter den Muslimen, die auch öffentlich geäußert wurden. Daher fordern Nichtregierungsorganisationen, die Religionsfreiheit auch während der Corona-Krise zu respektieren.

Gelungene Zusammenarbeit in der Krise

Doch es gibt auch positive Beispiele in Corona-Krisenzeiten, wie die Zusammenarbeit mit der MISEREOR-Partnerorganisation National Peace Council (NPC) zeigt. NPC unterstützt von Hunger bedrohten Menschen mit Lebensmittelpaketen und Schutzmasken. In fast 40 interreligiösen Komitees leisten Buddhist*innen, Muslim*innen, Hindus und Christ*innen gemeinsam unkomplizierte und schnelle Hilfe.Gerade Muslime engagieren sich in großem Maße bei den vom NPC organsierten Hilfsaktionen. Sie möchten damit ihre Solidarität für Bedürftige auch außerhalb ihrer eigenen Religionsgruppe zeigen. Durch die Verteilung der Hilfspakete gibt es mehr Interaktion unter den verschiedenen religiösen und ethnischen Gruppen. NPC hofft, dass diese wohltätige Initiative der Muslime dazu beiträgt, unterschiedliche Bevölkerungsgruppen miteinander zu versöhnen.

Frauen sind besonders betroffen

Sehr bemerkenswert ist, dass Frauen während der Covid-19 Katastropheeine besondere Rolle zukommt. In Sri Lanka sind traditionellerweise die Frauen für die Lebensmittelversorgung der Familien verantwortlich.. Vor diesem Hintergrund stellen die wochenlangen Ausgangssperren eine große Herausforderung und Belastung dar. Aufgrund dieser kulturellen Eigenheiten entscheiden sich viele NROs dazu, eher Lebensmittelrationen anstelle von Bargeld zu verteilen. Sie befürchten, Männer könnten mit dem Geld andere Dinge (wie z.B. Alkohol) beschaffen. Die Lebensmittel, das wissen sie, sind bei den Frauen in guten Händen.

Annäherungen von Staat und Zivilgesellschaft

Darüber hinaus können die Hilfsprogramme während der Corona-Krise zivilgesellschaftlichen Gruppen wie NPC eine Chance bieten, ihre Beziehung zu Behörden bzw. Regierungsvertreter*innen zu verbessern.  Staatliche Akteure können nun beobachten, wie transparent, kostengünstig, partizipativ und inklusiv NROs arbeiten. Gleichzeitig stärkt die Krisenreaktion die Glaubwürdigkeit der NROs innerhalb der breiten Bevölkerung, weil sie den besonders Bedürftigen Hilfe geleistet haben, noch lange bevor die Regierung reagiert hat. Ob sich dieses gewonnene Vertrauen auch nach der Krise positiv auf den künftigen Friedensprozess und die Friedensarbeit auswirken wird, bleibt abzuwarten.


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Autorin

Kesuma Saddak ist seit 30 Jahren in der Asienabteilung von Misereor tätig. Als regionale Referentin ist sie für die Sri Lanka und Timor-Leste zuständig.