World Disasters Report 2015: fragile Kontexte und langandauernde Konflikte im Blick?

12.11.2015

Daniela Dietmayr

Im Oktober präsentierte die „International Federation of Red Cross and Red Crescent Societies“ den “World Disasters Report 2015”. Während der Report Zahlen und Fakten zu Humanitärer Hilfe im Jahr 2014 liefert, befasst er sich in zwei Kapiteln auch mit Humanitärer Hilfe im Kontext von Fragilität und der Rolle lokaler Akteure in langandauernden Konfliktsituationen.

Angesichts einer Verdreifachung der Todesfälle von Entwicklungshelfern seit 2002 sahen und sehen sich internationale Hilfsorganisationen gezwungen, ihre Strategien zur Bereitstellung Humanitärer Hilfe zu überdenken. Zwar sind die Zahlen 2014 wieder leicht gesunken, doch der Grund dafür sei weniger eine Verbesserung der Sicherheitslage in bestimmten Regionen und Staaten, als vielmehr weniger beziehungsweise eine veränderte Präsenz vor Ort. So sei „remote partnership“ für viele Organisationen zur Praxis geworden. Mit gesunkenen internationalen Todesfällen gehe hierdurch jedoch eine Erhöhung von Verantwortung und Risiko für lokale Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sowie zivilgesellschaftliche Organisationen einher, mahnt der Report an. Während „remote partnership“ kritisiert wird, da es dazu führen könne, dass sich nach und nach immer mehr Geber aus betroffenen Ländern zurückziehen, wird auch anerkannt, dass diese Praxis vielerorts Realität und Norm ist.

Drei Lernerfahrungen zur Umsetzung von „remote partnerships“ werden besonders hervorgehoben: internationale Organisationen müssten nationales Personal und lokale Partner vor der Übertragung von Aufgaben und Verantwortung angemessen vorbereiten und dabei deren Fähigkeiten berücksichtigen; Verantwortung solle auf Personal übertragen werden, welches bereits vor Beginn bewaffneter Auseinandersetzungen vor Ort war und daher besser in der Lage ist, Zugänge der Organisation zu erhalten; oft sei eine Anpassung von Programmen dahingehend sinnvoll, weniger komplex zu planen und einfache, kleine Schritte anzustreben und umzusetzen.

Dass es schwierig ist, diese Lernerfahrungen in den hochkomplexen Dynamiken von Konflikt und Fragilität, die nicht selten schnelles Handeln erfordern und kaum Zeit für umfassende Vorbereitung lassen, zu beherzigen, betont der Report an unterschiedlichen Stellen. Wie es dennoch gelingen kann, beantwortet er jedoch nicht.

Nicht nur in fragilen Kontexten, sondern auch in Situationen langandauernder Konflikte steht die Humanitäre Hilfe vor großen Herausforderungen. Um in einem von häufig wechselnden Macht- und Beziehungskonstellationen geprägten Umfeld handlungsfähig zu bleiben, sei lokale Expertise unerlässlich, da lokale Akteure viel besser in der Lage sind, die komplexen Netze von Beziehungen und Allianzen zu verstehen und Handlungsoptionen zu erkennen. Dieser Erkenntnis zum Trotz sei das Wissen über die Rolle und Kapazitäten lokaler Akteure begrenzt. Es gebe daher Bedarf zur Erforschung der komparativen Vorteile lokaler und internationaler Akteure, um besser zu verstehen, wie die Wirkung Humanitärer Hilfe sowie die Zusammenarbeit der Akteure über verschiedene Ebenen hinweg verbessert werden kann.

Darauf, wie nicht nur im Feld der Humanitären Hilfe Verbesserungen erreicht, sondern auch das Zusammenwirken von Humanitärer Hilfe und Entwicklungszusammenarbeit oder, gerade in fragilen und von Gewalt betroffenen Regionen, der Friedensförderung verbessert werden kann, geht der Report jedoch nicht ein, obwohl er Friedensprozesse als Chance identifiziert, welche Zugänge für Humanitäre Hilfe eröffne.

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