" />

Frauenrechte schützen, Heldinnen unterstützen

Frauenrechtsarbeit während der Pandemie

Impuls 06/2020 von Sybille Fezer, medica mondiale

„We are always working“ – Wir arbeiten rund um die Uhr: So lautete Mitte April das Fazit von Mercy Munduru von der ugandischen Frauenrechtsorganisation MEMPROW. Ähnliches hören wir von vielen unserer Partnerorganisationen. Seit Ausbruch der Corona-Pandemie ist die Arbeitslast für Frauenrechtsorganisationen weltweit gestiegen: weil sie zum einen ihre Arbeit umstellen mussten – und weil sich zum anderen die Situation für Frauen drastisch verschlechtert hat.  

Frauen sind von der Pandemie mehrfach betroffen 

Die Corona-Pandemie trifft Frauen in Krisenregionen besonders hart. Sie sind zum Beispiel überproportional häufig im informellen Sektor beschäftigt. Wenn sie während einer Ausgangssperre ihre Waren nicht mehr verkaufen können, ist ihre Lebensgrundlage in Gefahr. Gleichzeitig werden Frauen bei politischen Maßnahmen nicht ausreichend mitgedacht. Auf die Frage, wer Kinder bei Schulschließungen betreut oder wie dem zu erwartenden Anstieg von häuslicher Gewalt begegnet werden kann, gibt es in kaum einem Land überzeugende Antworten.  

Weiterhin führen die Ausgangsbeschränkungen in vielen Ländern dazu, dass Verhütungsmittel, gynäkologische Versorgung und sichere Schwangerschaftsabbrüche
schwieriger zugänglich sind. In Liberia waren selbst Schwangere und Hebammen von der Ausgangssperre betroffen und durften nach der Sperrstunde das Haus nicht verlassen. Wie gefährlich solche Maßnahmen sein können, zeigte bereits die Ebola-Epidemie, die 2014 in mehreren westafrikanischen Staaten ausbrach. So starben in Sierra Leone innerhalb von 18 Monaten 4.000 Menschen am Virus – und 45.000 Mütter und Säuglinge während oder kurz nach der Geburt, weil das Gesundheitssystem zusammenbrach und eine angemessene Geburtshilfe nicht möglich war. Frauen mussten teilweise auf der Straße entbinden. 

Frauenrechtsorganisationen füllen staatliche Lücken 

Weltweit springen Frauenrechtsorganisationen in der Coronavirus-Pandemie ein, wo staatliche Strukturen versagen. Viele unserer Partnerinnen haben Informationen gezielt für Frauen erstellt, die sozial isoliert sind, nicht lesen können und dadurch von vielen Informationen ausgeschlossen sind. Weiterhin vernetzen sich unsere Partnerinnen mit anderen zivilgesellschaftlichen Organisationen, um Missstände zu dokumentieren und die Regierung zum Handeln zu bewegen.  

Daneben fragen sich unsere Partnerorganisationen, wie sie gewaltbetroffene Frauen weiterhin angemessen unterstützen können. Ihre Arbeit ist geprägt von direktem Kontakt zu den Frauen, die sie persönlich beraten und zu denen sie vertrauensvolle Beziehungen aufbauen. Um für ihre Klientinnen erreichbar zu bleiben, richteten unsere Partnerinnen in kürzester Zeit kostenlose Telefonhotlines ein. Unsere Kolleginnen aus der Demokratischen Republik Kongo besorgen Prepaid-Handys für Frauen, um sicherzustellen, dass sie die telefonischen Angebote nutzen können. Frauen, die sich im Frühjahr noch physisch in Gruppenberatungen getroffen haben, tauschen sich jetzt in moderierten Chats aus.  

Auch Erinnerungsarbeit ist systemrelevant 

Doch es gibt auch Momente, da hilft auch kein aufbauendes Telefongespräch mehr. Erlebt haben das unsere Partnerinnen in Bosnien und Herzegowina zum Jahrestag des Genozids von Srebrenica im Juli 2020. Branka Antić Štauber, die Direktorin der Frauenrechtsorganisation Snaga Žene, berichtete, dass viele ihrer Klientinnen diesem Tag sehr angespannt entgegensahen. Gedenktage und die Jährung von traumatischen Ereignissen sind häufig besondere Momente, in denen Überlebende erneut mit vergangenen Gewalttaten konfrontiert werden. Ohne eine angemessene psychosoziale Begleitung können solche Momente retraumatisierend wirken. 

Die Mitarbeiterinnen von Snaga Žene entschieden, gemeinsam mit ihren Klientinnen die Gedenkstätte zu besuchen. „Es war eine gute Entscheidung, dorthin zu gehen“, berichtet Antić Štauber. Der Besuch habe viele Gefühle bei den Frauen ausgelöst. „Diese Gefühle zuzulassen, gibt uns die Chance, mit den Frauen über ihre Vergangenheit zu sprechen, über ihr Trauma, über ihre Verletzungen”, so Antić Štauber. Wichtig sei gewesen, sie dabei nicht allein zu lassen. Die psychosozialen Mitarbeiterinnen von Snaga Žene hätten es geschafft, die Gefühle wieder ins Positive zu lenken: „Wir haben über die Zukunft geredet, über Perspektiven und wie wir uns selbst sehen in der Gegenwart, unsere Stärken, die Ressourcen, die wir in uns haben”. 

Erinnerungsarbeit und die Begleitung von gewaltbetroffenen Frauen sind auch während der Coronavirus-Pandemie kein Luxus. Wenn traumatisierende Erfahrungen nicht aufgearbeitet werden, können sie sich auf Beziehungen, Gesellschaften und auf nachfolgende Generationen auswirken. Gerade in Krisensituationen ist es wichtig, für Betroffene da zu sein und der Verunsicherung ein Gefühl von Stabilität und Vertrauen entgegenzusetzen. 

Einsatz für Frauenrechte – jetzt erst recht! 

Der unermüdliche Einsatz unserer Partnerinnen macht sich bezahlt. Sie erfahren zu allererst, was die Herausforderungen für Frauen und Mädchen sind und wissen, wie sie diese angehen können. Sie haben mit öffentlichen Kampagnen und Aufrufen ihre Gemeinschaften für Gewalt gegen Frauen sensibilisiert. Sie weisen auf Missstände hin und werden angefragt, um Politiker*innen zu möglichen Gegenmaßnahmen zu beraten. Und sie sind weiterhin für ihre Klientinnen da und bieten diesen ein Gefühl von Sicherheit und Stabilität, das in Krisensituationen allzu leicht abhandenkommt.  

Die Arbeit von Frauenrechtsorganisationen ist gerade in Krisenzeiten wichtiger denn je. medica mondiale fordert Regierungen weltweit, darunter auch die Bundesregierung, dazu auf, Menschenrechtsverteidigerinnen zu unterstützen und zu schützen, um die Rechte von Frauen weltweit einzuhalten und durchzusetzen.

 

 


Weiterführende Informationen:

Sybille Fezer, Geschäftsführerin und Vorstandsfrau von medica mondiale
sfezer@medicamondiale.org