Erdbeben in Nepal – Konfliktsensible Herausforderungen einerseits, Chance zum Wandel andererseits?

20.08.2015

Sonja Vorwerk-Halve

Die Erdbeben in Nepal haben das Land sehr schwer getroffen. Bislang wurden über 8.600 Tote gemeldet, Häuser und ganze Dörfer sind zerstört. Insbesondere entlegende Regionen des Landes wurden schwer getroffen. Gerade hier wohnen jene Bevölkerungsgruppen, die marginalisiert sind, denen es an physischer und sozialer Infrastruktur sowie Teilhabemöglichkeiten mangelt. Die katastrophalen Folgen des Erdbebens stellen nicht nur die Bevölkerung Nepals, sondern auch die Regierung, die Zivilgesellschaft sowie die internationale Gemeinschaft vor geographische, politische und gesellschaftliche Herausforderungen. Nicht vergessen werden sollte jedoch, dass der Kontext in Nepal eines konfliktsensiblen Vorgehens bedarf, da auch fast zehn Jahre nach Beendigung der gewaltsamen Auseinandersetzungen die strukturellen Konfliktursachen weiterhin aktuell sind.

Seit dem Ende des gewaltsam ausgetragenen Konfliktes 2006 zwischen der Regierung und den Maoisten befindet sich die politische Führung in Diskussionen über eine neue Verfassung für Nepal. Dabei sind die Bedürfnisse der Bevölkerung in den Hintergrund geraten. Legitimierte gewählte Vertretungen der Bevölkerung in den kommunalen Strukturen sind nicht vorhanden, weil Kommunalwahlen seit 2002 nicht stattgefunden haben. Die politischen Parteien in Nepal sind durchdrungen von patriarchalen Loyalitäts- und individuellen Interessensstrukturen. Aber auch die Bevölkerung, insbesondere die Jugendlichen, sind stark politisiert bzw. beteiligen sich an politischen Agitationen.

Die Perspektiven für die junge Generation sind in Nepal nicht zahlreich. Viele Konfliktursachen, wie Korruption und ineffiziente Regierungsführung, Stadt-Land/Zentrum-Peripherie Diskrepanz sowie Diskriminierung auf Grund von Ethnizität, Gender, Religion und Kastenzugehörigkeit, sind heute weiterhin aktuell. Schon während des gewaltsamen Konfliktes verließen Männer und jüngere Menschen die Dörfer, um entweder eine der Armeen der Konfliktparteien beizutreten oder im Ausland Arbeit zu suchen. Vor dem Erdbeben verließen täglich ca. 1.700 überwiegend ungelernte Arbeiter das Land.

Abgesehen von den langsamen Prozessen auf politischer Ebene zeichnet sich die Bevölkerung in Nepal durch ein hohes Maß an Selbstorganisation sowie eine wachsende und professionelle Zivilgesellschaft aus, welcher auch die Bedürfnisse der Bevölkerung in den entlegeneren Regionen Nepals wichtig sind. Auf Gemeindeebene werden zum Teil durch Unterstützung von engagierten Bürgern, zivilgesellschaftlichen Organisationen oder auch internationalen Organisationen Entwicklungspläne aufgestellt und umgesetzt, welche benachteiligte Gruppen beteiligen und ihre Bedürfnisse beachten.

In der Folge von Naturkatastrophen, wie dem Tsunami in Südostasien oder dem Erdbeben in Haiti, zeigte sich, dass geleistete Hilfe nicht nur positive Wirkungen haben kann. Besonderes in fragilen und von gewaltsamen Konflikten geprägten Kontexten können Humanitäre Hilfe und Wiederaufbaumaßnahmen unbeabsichtigt neue oder alte Konfliktlinien und –dynamiken schaffen bzw. verstärken. Ein konflikt- bzw. kontextsensibles Vorgehen ist deshalb unerlässlich!

Die wichtigsten Empfehlungen mehrerer Autoren (siehe FriEnt-Webdossier) lassen sich in den folgenden sechs Punkten zusammenfassen:

  1. (Konflikt-)Kontext kennen und verstehen: Um Hilfe möglichst schnell dort leisten zu können, wo sie am nötigsten ist, bedarf es eines guten Verständnisses des Kontextes. Dies beinhaltet auch aktuelle und kontinuierliche Informationen über den Konfliktkontext, Dynamiken und Strukturen sowie mögliche Friedenspotenziale und vorhandene Solidaritätsstrukturen. Aus diesem Grund sollten eher die Nothilfeorganisationen vor Ort Unterstützung leisten, welche das Land kennen und lokale Partnerorganisationen oder einheimische Mitarbeiter haben.
  2. Bedarfsanalysen mit der Bevölkerung und lokalen Regierungsvertretern erheben, Kontext berücksichtigen und umsetzen: Besonders wichtig ist es die Bedarfsanalysen gemeinsam mit der lokalen Regierung, lokalen Organisationen und der Bevölkerung inklusive auch der am meisten benachteiligten beziehungsweise diskriminierten und nicht widerstandsfähigen Gruppen zu erheben, um Prioritäten für die jeweilige Situation und Bevölkerung festzulegen. Dabei dürfen nicht jene Teile der Bevölkerung vergessen werden, die bereits aufgrund des Bürgerkrieges psychische, physische, politische, wirtschaftliche oder soziale Nachteile erfahren haben. Darüber hinaus müssen Solidaritäts- und Selbsthilfestrukturen der Bevölkerung berücksichtigt werden, denn diese sind auch nach Abzug der zusätzlichen Unterstützung für ihre Gemeinde zuständig. Mangelnde Kenntnisse, Beziehungen und Vertrauen sind nicht selten ein Faktor für fehlgeleitete oder nicht relevante Unterstützung und Prioritätensetzung.
  3. Sicherstellen, dass Unterstützung auch die am meisten Benachteiligten erreicht: Nach einer Katastrophe sind viele Menschen betroffen und benötigen Unterstützung. Dabei sind jedoch die Selbsthilfekapazitäten zu berücksichtigen. Cash-for-Work und Mikrofinanzkredite haben sich in der Vergangenheit in Nepal als Instrumente zur Umsetzung bewährt und Strukturen sind vorhanden. Aus diesem Grund ist es wichtig, besonders jene zu erreichen, deren Selbsthilfefähigkeiten geringer sind und die bereits vor der Katastrophe bzw. bereits seit dem Bürgerkrieg benachteiligt wurden. Dazu zählen nach Konflikten und Katastrophen besonders Menschen mit Behinderung.
  4. In präventive Infrastruktur und Unterstützungsleistungen investieren: Erdbeben, Gerölllawinen und Überflutungen werden auch zukünftig in Nepal eine Rolle spielen. Daher sollten Planungen und Umsetzungen von Wiederaufbaumaßnahmen dies von Beginn an berücksichtigen, um das Ausmaß der Auswirkungen von Naturkatastrophen zu reduzieren. Wichtig ist dabei, dass präventive Lösungen mit der lokalen Bevölkerung diskutiert und gefunden werden müssen.
  5. Koordination, Transparenz und Monitoring: Koordination, Transparenz und Monitoring der Geber, der beteiligten Organisationen gemeinsam mit der nepalesischen Regierung sind wesentlich. Einige internationale beziehungsweise multilaterale Organisationen, die bereits vorher im Land waren, darunter die UN sowie die GIZ im Gesundheitssektor, übernehmen koordinierende Aufgaben und stehen auch im engen Kontakt mit der nepalesischen Regierung. Die Schwäche der nepalesischen Administration insbesondere bei der Umsetzung von Maßnahmen sollte nicht durch den Aufbau paralleler Strukturen kompensiert werden, da so Probleme, welche das Land langfristig angehen muss, ignoriert würden. Um jedoch Korruption vorzubeugen, ist neben der Transparenz insbesondere auch das Monitoring aller Beteiligten an der Umsetzung notwendig. Eine Möglichkeit kann auch die Einbeziehung von spezialisierten Organisationen wie Transparency International sein.
  6. Öffentlichkeit informieren: Sowohl in Nepal als auch in den Spenderländern möchte die Öffentlichkeit über die Wiederaufbaumaßnahmen informiert werden. Um zu vermeiden, dass die Informationen für politische Agitationen missbraucht werden und zu einer Reduzierung der Spendenbereitschaft beitragen, ist es wichtig, die Öffentlichkeit auch über die Prinzipien professioneller und möglichst langfristig wirkender Hilfe und Entwicklungszusammenarbeit aufzuklären. Darüber hinaus sollte die Öffentlichkeit über Hintergründe und Kontexte informiert werden, um Ungeduld und Frustration vorzubeugen und Verständnis und langfristiges Engagement zu erzeugen.

In Krisen steckt jedoch immer auch eine Chance zum Wandel. Das Erdbeben hat gezeigt, wie stark die Selbsthilfefähigkeiten und die Solidarität über soziale Gruppenzugehörigkeiten hinaus sind. Mithilfe sozialer Medien engagiert sich die jüngere Generation bei Hilfsaktionen. Arbeitsmigranten kehren zurück in die Heimat, um nach ihren Familien zu schauen.

Bei all dem Leid in Nepal könnte das Erdbeben so auch den sozialen Zusammenhalt in Nepal stärken, Brücken zwischen ehemaligen Konfliktparteien bauen und eine nachhaltige, friedliche und krisenpräventive Entwicklung befördern. Bedingung ist aber, dass die politische Elite ihre persönlichen Interessen in den Hintergrund stellt und die Chancen erkennt und entsprechend nutzt.

Auch Nothilfe und die internationale Unterstützung beim Wiederaufbau haben das Potential, positive Wirkungen auf die langfristigen Herausforderungen der Friedenskonsolidierung zu entfalten. Dafür sollten die Hilfsorganisationen nach Möglichkeiten suchen, den Friedensprozess im Wiederaufbauprozess gezielt zu stärken. Zum Beispiel könnten Hilfsangebote so gestaltet werden, dass sie Menschen und Bevölkerungsgruppen zusammenführen, um über gemeinsame Herausforderungen und Prioritäten beim unmittelbaren Wiederaufbau und in der langfristigen Entwicklung zu beraten.

Teile diesen Post