27-04-2017

AGEH | Versöhnungsarbeit als Beziehungsarbeit. Eindrücke aus einem Lernprozess

„This is not a workshop, this is a mission“ - die Teilnehmenden schmunzelten über diesen Satz, den die Organisatoren des internationalen Workshops „Erinnerung, Wahrheit und Gerechtigkeit. Umgang mit gewaltbelasteter Vergangenheit“ bei der Einführung in den Raum stellten. Gemeinsam hatten die Nationale Versöhnungskommission der Kolumbianischen Bischofskonferenz, die Deutsche Kommission Justitia et Pax der Deutschen Bischofskonferenz und die Arbeitsgemeinschaft für Entwicklungshilfe e.V. Partner aus 15 verschiedenen Ländern nach Bogota eingeladen.

Fünf Tage lang ging es um eine vertiefte Auseinandersetzung mit einer der Kernfragen in Friedens- und Versöhnungsprozessen: dem Umgang mit gewaltbelasteter Vergangenheit und der verstörenden Anwesenheit der Geschichte in der Gegenwart. Am konkreten Beispiel Kolumbiens sollten Einsichten und Anregungen für die eigene Arbeit gewonnen werden.

Spätestens nach der Vorstellungsrunde der Teilnehmenden wurde deutlich, was die Organisatoren mit Mission meinten. Knapp 50 Menschen, allesamt mit ermutigend viel Erfahrung in unterschiedlichen Gewaltkontexten, waren mit dem Wunsch zusammengekommen, in der Begegnung mit den anderen Teilnehmenden gemeinsame Lernerfahrungen im vielschichtigen Feld der Versöhnungsarbeit zu machen. In Kleingruppen wurde fünf Tage lang Begegnung gesucht: Begegnung mit den anderen Teilnehmenden auf den langen Wegen zu verschiedenen Orten in Kolumbien, Begegnung mit Konfliktopfern, mit Gewaltakteuren und mit Akteuren des Friedensprozesses. Und Begegnung mit sich selbst und den Ansprüchen an das eigene Tun. Zuhören, Solidarität mit den Opfern sowie mit den Menschen zum Ausdruck bringen, die in den komplexen Versöhnungsprozessen aktiv sind, Respekt zeigen – scheinbare Selbstverständlichkeiten wurden zu Herausforderungen, vor allem in dem Moment, in dem es darum ging, Gewaltakteuren zu begegnen. Denn wie geht man mit den inneren Spannungen um, die die Befürchtung auslöst, mit den Konfliktopfern nicht bedingungslos solidarisch sein zu können, wenn man auch Gewaltakteuren begegnen wird? Verlässt man dadurch die vertraute und klare Position an der Seite der Opfer? Die berührende Gespräche mit Opfern, das Unbehagen vor der Begegnung mit Tätern, der Besuch im Gefängnis bei Guerilla-Mitgliedern, die erschütternde Inszenierung des Treffens mit ehemaligen Offizieren der kolumbianischen Streitkräfte sowie die ermutigenden Beispiele derer, die sich für Versöhnung einsetzen – all diese Eindrücke wurden aufgenommen, mitgenommen. „Wir sprechen nicht über Menschen, wir sprechen mit Menschen. Wir reden nicht über Dialog, wir führen Dialog.“ - die Besuche, die Reflexionen in den Kleingruppen und im Plenum fanden in dieser Aussage zusammen. Die komplizierten Fragen nach Wahrheit und Gerechtigkeit rückten ins Blickfeld. Spannungen konnten, ohne gleich aufgelöst werden zu müssen, artikuliert werden und dem inneren Drang, unmittelbar aktiv werden zu wollen, wurde der Vorsatz einer aktiven, tätigen Geduld entgegengesetzt. So entstanden Räume, in denen über die Bedeutung von Beziehungsangeboten nachgedacht und Sprachfähigkeit hergestellt wurde. Versöhnungsarbeit als Beziehungsarbeit. Ist das die Mission?

Die Frage nach der eigenen Rolle als kirchliche Akteure und der häufig komplexen Verwobenheit im Konflikt, schien dabei immer wieder zur Herausforderung zu werden. Und dennoch: In der Zusammensetzung der Teilnehmenden des Workshops wurde sichtbar, dass gerade das weltkirchliche Zusammenwirken Potentiale freisetzt und ermutigt, diesen Herausforderungen als lernende Gemeinschaft verantwortlich zu begegnen.

Mission accomplished? Die Teilnehmenden werden den Weg in den jeweiligen Kontexten weitergehen: Das Abschluss-Statement, die individuellen Lernerfahrungen, der Gottesdienst und die Abschlussfeier spiegeln die Vielschichtigkeit und die Intensität, die sämtliche Ebenen von Versöhnungsarbeit berührt, wider. Die starke öffentliche Wahrnehmung dieser Mission in Kolumbien verdeutlicht, dass das politische Zeichen dieser Kooperation von vielen verstanden und als wichtige Ermutigung wahrgenommen wird.

Weitere Informationen:

Martin Vehrenberg, AGEH
martin.vehrenberg@ageh.org

Links und Literatur:

Abschlusskommuniqué des Workshops „Erinnerung, Wahrheit und Gerechtigkeit. Umgang mit gewaltbelasteter Vergangenheit“
Nationale Versöhnungskommission der Kolumbianischen Bischofskonferenz, Justitia et Pax, AGEH | März 2017

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