29-11-2017

BfdW | Tourismus in Konfliktgebieten

Tourismus in (ehemaligen) Konfliktgebieten? Klingt auf den ersten Blick seltsam – ist aber keine Seltenheit. Der Tourismus ist oft einer der ersten internationalen Wirtschaftssektoren, die nach Bürgerkriegen oder Phasen internationaler Isolation wieder prosperieren. Für Regierungen bietet der Tourismus die Möglichkeit, dringend benötigte ausländische Devisen zu beschaffen, das ramponierte Image international aufzubessern und – last but not least – Armeeangehörige in Lohn und Brot zu bringen und damit für Zufriedenheit bei einem Bevölkerungsteil zu sorgen, der weiterhin von hoher machtpolitischer Bedeutung ist. Zusätzlich gibt es in Post-Konfliktländern nicht selten attraktive Rahmenbedingungen für touristische Entwicklung: zum Teil sind ganze Landstriche verlassen worden, und noch bevor die Kriegsflüchtlinge zurückkehren, die ihre Ansprüche kaum formell nachweisen können, sichern sich Investor/innen aus Wirtschaft und Militär die Filetstücke.

Ein Beispiel - Sri Lanka: Das Land im indischen Ozean beendete 2009 einen 26-jährigen blutigen Bürgerkrieg zwischen singhalesischen und tamilischen Bevölkerungsgruppen. Seitdem wurde der Tourismus als Schlüsselsektor der wirtschaftlichen Entwicklung forciert. Kamen 2008 noch 440.000 internationale Gäste, so waren es 2016 schon über zwei Millionen. Neben den etablierten Tourismusorten im vorwiegend singhalesischen Süden und Westen des Landes sind nun auch Tourismuszonen im mehrheitlich tamilischen Osten und Norden des Landes ausgewiesen worden. In diesen Gebieten tobte der Konflikt in den letzten Bürgerkriegsjahren am grausamsten und viele tamilische Bewohner/innen verließen ihre Dörfer. Bereits der Tsunami von 2004 hatte zur Folge, dass Küstenbewohner/innen zum Teil kilometerweit ins Landesinnere umgesiedelt wurden. Die touristisch attraktiven Küstenstreifen waren so scheinbar frei geworden für Hotel-Neubauten. Die heutigen Hotelmanager/innen und das touristische Leitungspersonal haben ihre Karrieren oft in den Tourismus-Hotspots des Westens gemacht und sind kaum vor Ort verwurzelt. Auch das Militär selbst betreibt im Osten und Norden des Landes heute Hotels, Gästehäuser und Bootsausflüge. Unter diesen Rahmenbedingungen profitieren die beiden großen Bevölkerungsgruppen Sri Lankas, Singhalesen und Tamilen, in sehr unterschiedlichem Maße vom Tourismus. Die Gefahr ethnischer Konflikte droht, durch die touristische Entwicklung nicht geringer, sondern größer zu werden.

Dass es auch anders geht, zeigt ein Beispiel aus Guatemala. In dem kleinen mittelamerikanischen Land ging 1996 ein dramatischer Bürgerkrieg zu Ende. In einigen indigenen Gemeinschaften entwickelten sich seitdem lokale Tourismusinitiativen. Die Indígenas hatten im Bürgerkrieg besonders gelitten – 80% aller Opfer waren Indigene. Die Gemeinschaft Rio Negro erlebte in den frühen 1980er Jahren mehrere Massaker – ihnen fiel mehr als die Hälfte der Bewohner/innen zum Opfer. Die Überlebenden flohen in verschiedene Landesteile oder überlebten in Verstecken im Wald. Von den einst 115 Familien kehrten in den 90er Jahren 14 Familien zurück. 10 Jahre später, 2007, entschied sich die Gemeinschaft, ein Zentrum des Gedenkens und der Erinnerung zu errichten und es touristisch zu vermarkten. Die Gemeinde bietet heute 30 Übernachtungsmöglichkeiten an, hat lokale Reiseführer/innen ausgebildet und einen so genannten „Pfad der Erinnerung“ geschaffen. Mit diesem Angebot gelingt es den Bewohner/innen, sich mit ihrer Vergangenheit auseinander zu setzen, Selbstbewusstsein zu schöpfen und – auf niedrigem Niveau - eine wirtschaftliche Perspektive zu entwickeln.

So unterschiedlich beide Beispiele sind, sie machen deutlich, dass der Tourismus beides kann: sowohl Konflikte verschärfen als auch einen Beitrag zu einer friedlichen Entwicklung leisten. Der Zugang zu Land und die Möglichkeit selbstbestimmt über die Tourismusentwicklung zu entscheiden, sind elementar. Vieles hängt auch davon ab, ob sich alle Akteure im Tourismus – Regierungen, Hotelbetreibende, Investor/innen, Reiseveranstalter/innen und am Ende auch Tourist/innen - ihrer Verantwortung und ihres Einflusses bewusst sind. Für Reiseveranstalter/innen bedeutet es, dass sie ihrer menschenrechtlichen Sorgfaltspflichten, wie sie in den UN Leitprinzipien für Wirtschaft und Menschenrechte beschrieben sind, konsequent nachkommen und konfliktsensibel handeln.

Weitere Informationen:

Antje Monshausen, Brot für die Welt
Antje.monshausen@brot-fuer-die-welt.de

Links und Literatur:

Schatten im Sonnenparadies – Tourismus und Menschenrechte in Sri Lanka
Gesellschaft für bedrohte Völker Schweiz | Februar 2015

Tourismus in Sri Lanka: Die menschenrechtliche Verantwortung von Reiseanbietern

In Post-Konflikt-Gebieten
Tourism Watch |  Arbeitskreis Tourismus & Entwicklung | Februar 2015

Tourismus in fragilen Kontexten - Orientierungshilfe für Produkt- und Kommunikationsverantwortliche
Roundtable Human Rights in Tourism | Oktober 2016

www.tourism-watch.de

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