15-09-2016

Brot für die Welt, AGEH: Trägerübergreifende Länderstrategie Liberia erarbeitet

Für Liberia wird erstmals ein sogenanntes Trägerübergreifendes Länderstrategiepapier (TLS) erarbeitet. Beteiligt sind an diesem Prozess in Liberia die Partner der beiden deutschen ZFD-Träger Arbeitsgemeinschaft für Entwicklungshilfe (AGEH) und Brot für die Welt.

Nach der Ebola-Epidemie 2014 hat sich die Situation in Liberia 2015 und 2016 stabilisiert. Bereits Anfang März 2016 konnten mit den Partnern von AGEH und Brot für die Welt Konsultationen stattfinden. Sie waren von großer Offenheit und selbstkritischer Auseinandersetzung der liberianischen Partner geprägt, die insbesondere im Politikfeld „Aufarbeitung der Vergangenheit“ eigene Versäumnisse diskutierten. Ausgangspunkt dieser Reflexion war die Feststellung, dass die liberianische Jugend, vor allem junge Männer, häufig an gewaltsamen Auseinandersetzungen beteiligt und anfällig für Manipulationen ihrer ehemaligen Warlords und von Politikerinnen und Politikern seien.

Die Tendenz zu gewaltsamem Konfliktaustrag rühre von der Gewalterfahrung im Bürgerkrieg und seinen nicht bearbeiteten Traumata her. Insbesondere die ältere Generation habe es bislang nicht vermocht, sich für deren Bearbeitung und die Aufarbeitung der Kriegsverbrechen wirkungsvoll einzusetzen und andere Werte und gewaltfreien Interessenausgleich zu leben und vorzuleben. Zivilgesellschaft und Kirchen seien verstummt angesichts massiver Einschüchterungen durch Warlords und andere Kriegsverbrecher, die wichtige politische Ämter bekleiden.

Der ZFD könne hier Verantwortung übernehmen, so die Partner, vor allem auf der Ebene der lokalen Gemeinschaften und Kommunen zur Schaffung von Räumen, um die Gewalterfahrungen und Traumata zu enttabuisieren und ihre Folgen offenzulegen. Einer von drei Schwerpunkten der Arbeit des ZFD in Liberia wird daher „Dealing with the past“, die Aufarbeitung der Vergangenheit, sein.

Hieran schließt „Bridging the Gaps“, also die Arbeit für die Überwindung der Fragmentierung der liberianischen Gesellschaft an. Alte, Jugendliche, junge Menschen, Frauen, Menschen mit Behinderungen und religiöse Minderheiten sind in Liberia marginalisiert. Sie haben kaum Zugang zu schulischer und beruflicher Bildung und entsprechend wenig Chancen auf eine bezahlte Tätigkeit, die ökonomisch das Überleben sichert. Sie sind auch in ihrem Zugang zur Rechtsprechung und legalen Verfahren benachteiligt. So werden diese Gruppen, wie oben erwähnt, häufig Opfer von Manipulation und von Übergriffen, auch von sexualisierter Gewalt. Letzteres betrifft vor allem Frauen und Mädchen.

In der Bevölkerung gibt es auch wenig Verständnis für das Phänomen von Randgruppen sowie über strukturelle Hürden der Integration dieser Gruppen und ihrer gesellschaftlich verbreiteten Diskriminierung. Fehlender politischer Wille, Aufklärungsarbeit in der Breite zu leisten, trägt zum Fortbestehen dieser Strukturen und diskriminierender Verhaltensweisen bei.

Der dritte identifizierte Friedensbedarf und Arbeitsbereich ist die Regierungsführung, mit besonderem Schwerpunkt auf dem Management natürlicher Ressourcen. Grund hierfür sind zum einen das ökonomische Potenzial, zum anderen die Interessen lokaler Gemeinschaften, die es zu schützen gilt. Gerade auf der Mikro- und der Meso-Ebene von Gesellschaft sehen die ZFD-Organisationen Ansatzpunkte für eine gemeinsame wirkungsvolle Arbeit. Kommunale EntscheidungsträgerInnen, VertreterInnen von Landkommissionen und betroffene Gemeinschaften sollen fachlich qualifiziert werden, gemeinsam nationale Entscheidungsträger zur Offenlegung geschlossener Verträge mit Investoren und zur Wahrung der sozioökonomischen und kulturellen Rechte der lokalen Anrainer anzuhalten. Exemplarisch können so demokratische Praktiken und gute Regierungsführung eingeübt werden. Dies ist wichtig, um positive Erfahrung in der Zusammenarbeit zwischen staatlichen Institutionen und Gesellschaft zu unterstützen und Vertrauen aufzubauen. Intransparenz und Missmanagement prägen häufig die Vergabe von Konzessionen und geben bestehendem Misstrauen neue Nahrung. Dieses Misstrauen in die Regierung hatte beim Ausbruch der Ebola-Epidemie zunächst Verschwörungstheorien und Spekulationen in der Bevölkerung ausgelöst.

Weitere Informationen:

Jens Rohland, AGEH
jens.rohland@ageh.de

Claudia Frank, Brot für die Welt
claudia.frank@brot-fuer-die-welt.de

Links und Literatur:

Der Entwurf des Papieres liegt dem BMZ-Regionalreferat derzeit vor. Bei Interesse kann er bei Jens Rohland und Claudia Frank abgerufen werden.

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