04-02-2019

Die Macht der Gefühle: Deutschland 1919-2019 - eine Plakatausstellung in 7 Sprachen

Mit der Frage nach Gefühlen in der Geschichte spricht eine neue Ausstellung vor allem junge Menschen an. Wie thematisieren unsere Partner Gefühle in der Geschichte?    

57 % der Deutschen verspüren Wut, 56 % Angst, so das Ergebnis einer repräsentativen Umfrage im Februar 2019. „German Angst“, ein international geflügeltes Wort, lebt. Gefühle sind das, woran man sich auch dann noch erinnert, wenn alles andere schon verblasst. Gefühle erzeugen sozialen Zusammenhalt – die deutsche Gesellschaft treibt auseinander, gute Gründe, Gefühle zu erinnern. Gefühle sind der Treibstoff, der sozialen Bewegungen erst ihre Macht gibt, die politische Geschichte ist daher immer eine Geschichte starker Gefühle – nur wird diese viel zu selten geschrieben. Und: Gefühle sind allen Menschen sehr vertraut – ein idealer Ausgangspunkt für einen Blick in die Vergangenheit. Mehr als 2.200 Bestellungen für diese Ausstellung zeigen das große Interesse an diesem besonderen Blick.

Die Ausstellung

Die Ausstellung betrachtet auf 20 Tafeln zwanzig Gefühle. Es sind die vertrauten Gefühle von Angst und Wut über Liebe und Stolz bis hin zu Scham und Trauer. Jedes dieser Gefühle wird in der Ausstellung mit verschiedenen Ereignissen aus 100 Jahren deutscher Geschichte 1919-2019 verbunden. So entsteht ein ganzes Kaleidoskop deutscher Geschichte: von Brandts Kniefall in Warschau bis zum westdeutschen Sexualaufklärungsfilm und der Heimatliebe der jungen Pioniere Ostdeutschlands. Judenpogrome und die Begrüßung von Gastarbeitern 1960 in der Bundesrepublik kommen ebenso vor, wie der Brandanschlag auf das Haus einer türkischen Familie in Mölln 1992 und die Selfies von Flüchtlingen mit Angela Merkel 2015. Zu einzelnen Tafeln gibt es im Internet abrufbare Kurzfilme, teils Interviews mit Zeitzeugen.

Es ist eine Geschichte über die Deutschen für die Deutschen – Deutsche im zeitgemäßen Verständnis einer Einwanderungsgesellschaft. Das Kaleidoskop mit nur kurz gehaltenen Erläuterungen funktioniert, solange es anschlussfähig ist an persönliche oder familiäre Erinnerungen an deutsche Geschichte oder gutes Wissen darüber. Interessant ist, was Menschen ohne diese Hintergründe mit der Ausstellung anfangen werden. Immerhin gibt es bereits zahlreiche Bestellungen aus dem Ausland.

Weiterdenken – „politische“ Gefühle

German Angst kommt nicht von ungefähr – drei starke Gefühle vermisst man in der Ausstellung: Schuld, Trauma und Euphorie.

Schuldgefühle sind ein großes Thema der deutschen Nachkriegsgeschichte – sie kommen nicht vor, vielleicht, weil der Blick von heute, keine Schuldgefühle mehr kennt.

Die Deutschen haben nicht nur Millionen Menschen ermordet, sondern die nationalsozialistischen Verbrechen haben auch eine unvorstellbare Zahl von Überlebenden traumatisiert. Diese Menschen kommen in der Ausstellung zwar vor, aber doch eher am Rande. Sie lebten und leben weniger in Deutschland als vielmehr in Israel, den USA oder in Osteuropa.

Gleichzeitig waren auch viele Deutsche durch ihre Geschichte traumatisiert, seien es die Fronterlebnisse der beiden Weltkriege, die Erfahrungen in den Luftschutzkellern oder der Flucht. Diese Traumatisierungen standen lange Zeit wie eine Mauer vor der Fähigkeit, sich der eigenen Verantwortung und Schuld zu stellen und viele gesellschaftliche Auseinandersetzungen drehten sich darum.

Euphorie ist mehr als nur Begeisterung. Sie setzt unvorstellbare positive Energien frei und dafür mag es in der deutschen Geschichte weniger Anlässe als für Angst gegeben haben. Geschichtsmächtig wurde Euphorie z.B. nach dem 9. November 1989, der in der Ausstellung neben dem Sieg bei der Fussballweltmeisterschaft 1954 unter Begeisterung erscheint und eben doch mehr als nur Begeisterung auslöste.

Starke Gefühle wurden nicht immer von allen geteilt: Der 9. November machte nicht alle euphorisch, es gab auch einen 4. November, der jene euphorisierte, die noch an eine Reform der DDR glaubten und dann den 9. November mit „gemischten“ Gefühlen erlebten. Im Mai 1945 waren nicht alle niedergeschlagen – dieses Datum fehlt in der Ausstellung, war aber bis zu Weizsäckers Rede von 1985 hoch umstritten – aus Gefühlsgründen. Gefühle vereinen nicht nur, wie etwa „Wir sind Papst“, sondern sie trennen auch und befeuern die politische Auseinandersetzung. In diese Reihe gehören auch Überlegenheits- und Minderwertigkeitsgefühle, von denen es in der deutschen Geschichte nicht wenige gab, und von denen mehr zu wissen, lohnt. 

Was also wissen wir über die starken politischen Gefühle, die Identitäten - Selbst- und Fremdwahrnehmungen – dauerhaft prägen und im Narrativ jeder politischen Bewegung zu finden sind? Hier ist noch viel zu erkunden und zu erzählen.

Die Ausstellung ist daher ein guter Ausgangspunkt, um solche Fragen zu stellen. Was wissen wir über die Gefühlsgeschichte und ihre Wirkungsmacht in jenen Ländern, in denen wir unterwegs sind, sei es in Polen, Russland, Israel, Südafrika, Ruanda,  Kambodscha oder Kolumbien? 

Welche Bildungsformate für junge Menschen haben unsere Partner entwickelt, die sich mit der Macht der Gefühle im Kontext von Konflikten auseinandersetzen?

Die Ausstellungsmacherinnen

Die Ausstellungsmacherinnen sind Ute Frevert, eine der renommiertesten Kulturhistorikerinnen Deutschlands und Bettina Frevert, ihre Tochter, die Geschichte und Politik studiert hat und zu Fragen der Integration, Zugehörigkeit und Teilhabe in Deutschland forscht. Die Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ und die Bundesstiftung zur „Aufarbeitung der SED-Diktatur“ sind die Herausgeberinnen. Bundesaußenminister Heiko Maas hat die Schirmherrschaft übernommen.

Wo ist die Ausstellung zu sehen

Es handelt sich um eine Plakatausstellung, die neben Deutsch in Englisch, Französisch, Italienisch, Spanisch, Russisch und Arabisch vorliegt und gegen eine geringe Gebühr bestellt werden kann. Dazu gibt es ein pädagogisches Begleitmaterial in deutscher Sprache.

 

Weitere Informationen:

Ralf Possekel, Kooperationsprojekt "Internationale Partnerschaften stärken" zwischen der Stiftung "Erinnerung, Verantwortung und Zukunft" (Stiftung EVZ) und FriEnt
ralf.possekel@frient.de

Links und Literatur:

Ausstellung | Macht der Gefühle

Internationale Partnerschaften zu Vergangenheitsarbeit stärken
Ein Kooperationsprojekt von FriEnt und der Stiftung EVZ

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