26-07-2019

GIZ | Eine Debatte um „Wirtschaft und Frieden“ mit FriEnt

Das Wirtschaft und Frieden zusammengedacht werden müssen, ist offensichtlich. Allein 2016 wurden weltweit 13,3 Prozent des Bruttoinlandproduktes für die Kosten von Gewalt aufgebracht. Eine ernüchternde Bilanz – besonders vor dem Hintergrund weltweit zunehmender Gewalt und gewaltsamen Toten. Welche Rolle kann die Privatwirtschaft im positiven Sinne als einflussreicher nicht-staatlicher Akteur und Kooperationspartner zur Bearbeitung dieser Herausforderungen, der Prävention von gewaltsamen Konflikten und Friedensförderung, spielen? Wie kann konfliktsensibles Wirtschaften ermöglicht werden? Und welche Möglichkeiten hat die GIZ, dies zu unterstützen? Diese und weitere Fragen diskutierten GIZ-Mitarbeitende beim internen Fachgespräch zu „Wirtschaft und Frieden“, an dem sich FriEnt beteiligte. Basis für die Diskussionen waren zentrale Thesen aus den Beiträgen von FriEnt, von GIZ-Kollegen*innen aus dem Fach- und Methodenbereich und aus Kambodscha.

FriEnts zentrale Thesen aus dem Briefing „Wirtschaft und Frieden – eine Bilanz: Mit dem Bulldozer wirtschaften für den Frieden?“ zum Verhältnis von Wirtschaft und Frieden lauten: Frieden und Stabilität müssen explizit adressiert werden, sie ergeben sich nicht automatisch aus der Wirtschafts- und Beschäftigungsförderung. Die Förderung von Unternehmen in fragilen Kontexten ist nicht per se auf eine „Wirtschaftsentwicklung für alle“ ausgerichtet. Besonders in fragilen Ländern muss ein Dialog über eine „Wirtschaftsentwicklung für alle“ viel stärker auch in den nationalen Diskurs überführt werden.

In den Beiträgen und den anschließenden Diskussionen stellte sich unter anderem die Frage, welche Voraussetzungen erfüllt sein müssen, um Unternehmen für die Friedensförderung zu gewinnen. Einerseits brauche Wirtschaft ein gewisses Maß an Frieden und Stabilität, um erfolgreich zu sein. Darüber hinaus seien bestimmte Wirtschaftszweige oder Unternehmensformen wie z.B. „social enterprises“ ein Beispiel für einen positiven Ausblick, denn sie seien einfacher in Friedensförderungsmaßnahmen zu integrieren als andere. In Konflikt- und Postkonfliktsituationen seien besonders lokale und regionale Privatwirtschaftsförderung geeignet, Perspektiven für eine stabile und friedlichere Zukunft dieser Region zu schaffen. Dabei seien Wachstumsziele in einigen Kontexten besonders für kleine Unternehmen nicht immer gewünscht. Im Gegenteil könne zu viel Wachstum unerwünschte Begehrlichkeiten bspw. von Konfliktakteuren wecken und negative Auswirkungen zur Folge haben.  

In der Regel definieren sich kleine und mittlere Unternehmen nicht als Friedensakteure. Wechselseitige Wirkungszusammenhänge zwischen den individuellen wirtschaftlichen Aktivitäten, Politik, Stabilität und Frieden werden weniger in direkten Zusammenhang gebracht. Es bräuchte deshalb auf unterschiedlichen Ebenen mehr Raum für Reflektion und Austausch, um regelmäßig den Status quo und wechselseitige Wirkungszusammenhänge zu beleuchten und geeignete Strategien für eine friedensfördernde Wirtschaftsentwicklung zu identifizieren. Ein solcher Austausch könnte dazu beitragen, den Mehrwert einer friedensfördernden Wirtschaft sichtbar zu machen und weitere Wirtschaftsakteure dafür zu motivieren.  Dies müsse jedoch auch auf Provinz- und nationaler Ebene transportiert werden. Es wurde diskutiert, z.B. bestehende oder neue inklusive Kommunikationsplattformen oder -netzwerke, Verbände, Kooperationen, Gewerkschaften und andere Akteure, wie Friedensakteure, einzubinden, um dort Lösungsstrategien zu diskutieren sowie gute Beispiele und hilfreiche Instrumente und Ansätze zu kommunizieren.

Grundlegend dafür sei der Aufbau gegenseitigen Vertrauens über Konfliktlinien hinweg, besonders in fragilen und von Gewalt und Konflikten betroffenen Kontexten,. Wie dieser Vertrauensaufbau funktionieren kann und in welcher Dimension er stattfinden sollte oder kann und inwieweit dies mit einer Öffnung der jeweiligen Sichtweisen und Politiken einhergehen muss, gehören dabei zu den zentralen Fragestellungen. Grundsätzlich müsse es konkretere Regeln geben, um Wirtschaften für den Frieden wirksam zu machen. So seien Regeln und Strukturen wichtig, um mit Wirtschaftsunternehmen z.B. im Bezug zu menschenrechtlichen Sorgfaltspflichten und Friedensförderung in einen konstruktiven Dialog treten zu können.

Ferner wurde in den Diskussionen erneut erkennbar, dass es beim Zusammenspiel von Wirtschaft und Frieden noch viel nachzuholen gibt. So gäbe es etwa in Konfliktanalysen (Peace and Conflict Assessments/PCA’s) aus Wirtschaftsfördersicht wenig relevante Informationen. Gerade im Rohstoffsektor mit seinen enormen Gewinnen trügen Wirtschaftsakteur*innen zumeist zur Konfliktverschärfung bei. Selten werde im Rohstoffsektor eine nachhaltige wirtschaftliche Entwicklung und anhaltende Verbesserungen für die Lebensgrundlage für alle geschaffen. Im Gegenteil hier werde zumeist die Entwicklung von kleinen und mittleren Betrieben systematisch von Großkonzernen ausgeschaltet. Zum anderen habe sich herausgestellt, dass die einst so geforderten und geförderten Corporate Social Responsibility Programmes von in Konfliktgebieten tätigen Unternehmen auf lange Sicht eher Abhängigkeiten von ihnen und den durch sie zur Verfügung gestellten Basisdienstleistungen schafften.

Damit brauche es Kriterien zur Auswahl von Wirtschaftsunternehmen, die für Wirtschafts- und Friedensentwicklung stehen: Die Auswahl von Regionen und Zielgruppen, von Partner*innen und Produkten müsse sorgfältig erfolgen, um eine verbesserte Lebenssituation durch Wirtschaftsentwicklung und Frieden zu erreichen. Und selbst dann stellten sich weitere Fragen – hinsichtlich der tatsächlichen Wirkung von Wirtschaftsentwicklung auf die tieferliegenden sozialen und politischen Konflikte.

Würde es Sinn machen, jeweils Zielsetzungen für Wirtschaft und Frieden zu formulieren, um eine Wirkung für beide Sektoren zu erreichen? Dies erschien vielen Diskussionsteilnehmenden sinnvoll vor dem Hintergrund, dass Maßnahmen in dem einen Feld nicht automatisch Wirkungen in dem anderen erzielen. Ebenso wenig reichen Menschenrechtsorientierung oder eine ethische Orientierung der Wirtschaftsakteur*innen, um Friedenswirkung zu erzielen. Allerdings dürfen Ansätze auch nicht überkomplex werden – denn solche wären keinen Akteur*innen vermittelbar, schon gar nicht der Wirtschaft.

Weiterführenden Informationen:

Sylvia Servaes, FriEnt/Misereor
Sylvia.servaes@frient.de

Sonja Vorwerk-Halve, FriEnt/GIZ
sonja.Vorwerk-Halve@giz.de

Caroline Kruckow, FriEnt/Brot für die Welt
Caroline.Kruckow@frient.de

Links und Literatur:

Wirtschaft und Frieden – eine Bilanz: Mit dem Bulldozer Wirtschaften für den Frieden?
Caroline Kruckow und Sylvia Servaes | FriEnt | 2019

No more standard programming: economic development in fragile settings. Lessons from Afghanistan
Giulia Minoia and Urs Schrade | Secure Livelihoods Research Consortiuum | 2018

Is there a Case for Private Sector Development Interventions in Contexts of Open and Sustained Violence? Discussion Paper by the Sector Project Private Sector Development
Urs Schrade, Birgit Seibel, Christine Weinreich & Susanne Reichenbach | GIZ | 2017

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