28-08-2017

Hbs | Afghanistan, eine Interventionsgesellschaft: Michael Daxner diskutiert sein neues Essay

Militärische Interventionen aus humanitären Gründen gehören zur Realität internationaler Politik. Oft sollen sie Frieden erzwingen, wo ein Staat nicht mehr in der Lage ist, seine Konflikte zu regulieren. Häufig dienen sie auch dem Wechsel von Regierungen, Verfassungen oder dem Schutz von Minderheiten und ausgegrenzten Teilen der Bevölkerung. Interventionen sollen Konflikte in einem Land beenden oder einhegen. Aber sie bringen auch selbst Konflikte mit sich. Aus diesen entstehen neue Gesellschaftsformen, die sogenannten Interventionsgesellschaften.

Deutschland war an der Schaffung einer sehr typischen Interventionsgesellschaft im Kosovo beteiligt (ab 1999) und hat sich massiv an der Intervention in Afghanistan nach 2001 engagiert. Damit übernimmt Deutschland politische Verantwortung und praktische Haftung für das intervenierte Land. Deshalb ist es von zentraler Bedeutung zu wissen, was als Folge von Interventionen in der afghanischen Gesellschaft, aber auch bei uns, geschieht. Diese Thesen zur Interventionsgesellschaft erläutert Michael Daxner in seinem Essay „A Society of Intervention: An Essay on Conflicts in Afghanistan and other Military Interventions“. Vorgestellt und diskutiert wurde „A Society of Intervention“ im Haus der Heinrich-Böll-Stiftung mit Thomas Ruttig, Direktor des Afghanistan Analyst Network, eines unabhängigen Think Tank mit Sitz in Kabul und Berlin, und Michael Daxner.

Bei einer Intervention fügen sich die intervenierte Gesellschaft und die Gesellschaft der Intervenierenden zu einer dritten neuen Gesellschaft zusammen und zwar im Interventionsland. Damit einher geht die Entstehung von machtpolitischen, kulturellen und sozialen Ungleichgewichten. Auf der diskursiven Ebene ergeben sich unter anderem Fragen danach, was der deutsche Heimatdiskurs aus der Mitwirkung an der Intervention in Afghanistan macht: Wie schlägt die Intervention auf die Wahrnehmung des deutschen Staates in Deutschland nieder? Wie sehen Afghan/innen die Verbindung zwischen eigenem und intervenierendem Staat?

Im Rahmen der Abendveranstaltung ging es dabei nicht nur um die soziokulturellen Veränderungen, sondern es wurden vor allem die Versäumnisse dieser Intervention reflektiert. Denn nicht die Intervention an sich sei falsch gewesen. Vielmehr haben die Fehler, die in diesem Rahmen gemacht wurden zu der verheerenden Bilanz der Gegenwart geführt. So wurde die Schaffung öffentlicher Räume, in der die zurückgekehrten Intellektuellen über die Frage hätten diskutieren können, in welcher staatlichen Struktur sie leben möchten, im Vorfeld der US-Präsidentschaftswahlen 2004 „sträflich vernachlässigt“. Die heutige Version einer überzentralisierten Staatsform, die Warlords an der Macht ließ und bereit war, Frauen- und Menschenrechte zu opfern, kam letztendlich nur mit Hilfe der Intervenierenden zustande. Somit wurde eine Staatsform ermöglicht, deren Regierung funktionsunfähig ist und bei der nicht nur internationale Belohnungs- und Sanktionsmechanismen wirkungslos bleiben, sondern die auch eine staatsgelenkte Modernisierung verhindert. Es ist außerdem eine Regierung, die keine Konzepte zu haben scheint, um dem hohen revolutionären Konfliktpotential zu begegnen, das sich unter anderem aus der zunehmenden Verstädterung und hohen Jugendarbeitslosigkeit speist.

Gleichzeitig entsteht eine, wenn auch kleine, neue Mittelschicht. Wobei der Begriff „neu“ sowohl im temporären, als auch im sozial-kulturellen Sinne zu begreifen ist, „da diese Mittelschicht weder authentisch afghanisch noch importiert westlich ist, sondern eben „neu“ aus der Erfahrung von Gewalt und Krieg entsteht und sich von anderen Klassen, Eliten und Armen, absetzt“, so Daxner.

Michael Daxner greift auf Forschungen im Zusammenhang mit der Langzeitstudie zu Sicherheit und Entwicklung des Sonderforschungsbereichs 700 an der Freien Universität Berlin sowie auf seine langjährige Arbeit in der Konfliktforschung zurück. Die Thematik ist politisch weiterhin hoch relevant und so bemerkt Daxner zur Rolle Deutschlands, dass die Intervenierenden bestenfalls ein staatliches Gewaltmonopol festigen, aber nicht aufbauen können. Auch die Entwicklungszusammenarbeit kann nur Beiträge leisten. Eine langfristige, friedliche Entwicklung in der Interventionsgesellschaft kann es nur geben, wenn die Menschen für sich, nicht für die Intervenierenden, Strukturen aufbauen, in und mit denen sie ihr Leben gemeinschaftlich organisieren wollen.

Die Heinrich-Böll-Stiftung plant auch zukünftig Fachgespräche zur Situation in Afghanistan anzubieten, unter anderem zum Schwerpunktbereich „Ressourcenabbau und Zivilgesellschaft“.

Weitere Informationen:

Thorsten Volberg, Heinrich-Böll-Stiftung
volberg@boell.de

Links und Literatur:

A Society of Intervention: An Essay on Conflicts in Afghanistan and other Military Interventions
Michael Daxner | April 2017

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