02-09-2015

hbs: Buchvorstellung „Zwischen Erinnerung und Zukunft – Zwanzig Jahre nach Srebrenica“

Am 11. Juli 2015 jährte sich der Genozid von Srebrenica zum zwanzigsten Mal. Über die Folgen jener grausamen Tage im Sommer 1995 hat der Journalist Adnan Rondić ein Buch mit dem Titel „Živjeti Srebrenicu" (Srebrenica leben) geschrieben. Es wurde am 25. Juni in der Heinrich-Böll-Stiftung in Berlin vorgestellt. Moderiert wurde der Abend von Miranda Jakiša, Professorin für Slawische Literaturen an der Humboldt-Universität zu Berlin.

Srebrenica, eine kleine Stadt im Osten von Bosnien und Herzegowina, ungefähr 15 Kilometer von der Grenze nach Serbien entfernt, wurde während des Jugoslawien-Krieges zur UN-Sicherheitszone erklärt und beherbergte Zehntausende bosniakische Flüchtlinge. Ungeachtet dessen kam es zur Großoffensive der bosnisch-serbischen Einheiten. Auf Anweisung des Serbenführers Radovan Karadžić eroberten am 11. Juli 1995 die Streitkräfte unter Führung von Ratko Mladić die Stadt. In den darauffolgenden Tagen kam es zum größten Massaker in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg. Die Männer wurden unter den Augen der niederländischen Blauhelmtruppen von den Frauen und Kindern getrennt und im Anschluss durch Mladićs Truppen verschleppt und abtransportiert. Danach begann das systematische Morden. Mehr als 8.000 Bosniaken verloren dabei ihr Leben.

Adnan Rondić hat seit 1995 als Journalist über die Ereignisse in und um Srebrenica berichtet. Er war bei den Prozessen des Internationalen Strafgerichtshofes für das ehemalige Jugoslawien in Den Haag, hat mit Überlebenden und Tätern gesprochen, den Aufbau der „Gedenk-und Begräbnisstätte Srebrenica-Potočari“ journalistisch begleitet und ist in den vergangenen zwanzig Jahren immer wieder nach Srebrenica gefahren, um sich ein eigenes Bild über die Lage der Menschen dort zu machen. All diese Erfahrungen hat er in seinem Buch verarbeitet.

Um zu verdeutlichen, welche Verluste die Menschen in Srebrenica erlitten haben, liest er aus seinem Buch Zeugenaussagen von Überlebenden vor, die er über all die Jahre protokolliert hat. Bis jetzt, erläutert Adnan Rondić, seien 6.241 Personen in der „Gedenk- und Begräbnisstätte Srebrenica-Potočari“ beigesetzt worden.

Die Veranstaltung gewährte auch Einblicke in den heutigen Umgang der serbischen Seite mit dem Genozid von Srebrenica. Die Masse der Serben schweige, Zahlen würden relativiert, serbische Kriegsopfer aufgerechnet und euphemistische Beschreibungen gewählt. „Für die Leugnung des Genozids“, sagt Adnan Rondić, „gibt es jedoch keine Rechtfertigung.“ Wie könne man, fragt Rondić, nach all den Beweisen und rechtskräftigen Verurteilungen den Genozid von Srebrenica immer noch leugnen? In seinem Buch habe er all die Beweise und Gerichtsurteile minutiös aufgelistet.

Wie ein Ausweg aus den festgefahrenen Strukturen in Bosnien und Herzegowina aussehen könnte, war eine Frage, der in der Diskussion mit dem Publikum nachgegangen wurde. Gewiss, so Rondić, brauche Bosnien und Herzegowina einen anderen Verfassungsrahmen, der die Blockadepolitik und Machtspiele der ethnopolitischen Eliten verhindere. Es müssten mehr Gespräche und Dialoge stattfinden, die ökonomische Lage müsste verbessert und der rechtliche Rahmen demokratisiert werden. Hoffnung würden ihm im Moment Beispiele wie in der Stadt Goražde machen, wo es lokalen Politikern durch kluge Maßnahmen gelungen sei, die Lebenssituation der Bevölkerung erheblich zu verbessern. Aber natürlich sei die augenblickliche ökonomische und politische Situation eine Katastrophe. Solange man sich nicht zu seiner Vergangenheit bekenne, könne es auch keine Zukunft geben, so Rondić.

Weitere Infos

Gudrun Fischer, Heinrich-Böll-Stiftung
gudrun.fischer@boell.de

Links & Literatur

Veranstaltungsbericht „20 Jahre Srebrenica“

Buchauszug „Srebrenica leben“

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