22-02-2017

hbs | „Rambuai” – Ein Dokumentarfilm über die „Zeit der Leiden“ in Mizoram, Nordost-Indien

Indiens Nordosten besteht aus sieben Staaten und ist eine diverse, politisch komplexe Region. Seit der Unabhängigkeit Indiens ist der Nordosten eine der am stärksten marginalisierten Landesteile geblieben, der sich wirtschaftlich, sozial und kulturell stark vom indischen „Festland“ unterscheidet. Die Region steht einer Vielzahl von Herausforderungen gegenüber, die teilweise auf der Distanz zum restlichen Indien beruhen, teilweise aber auch aus Binnenkonflikten wie inter-ethnischer Rivalität und der Einwanderung aus Bangladesch resultieren.

Mizoram ist ein schmaler Streifen Land, eingeklemmt zwischen Bangladesch und Myanmar am äußersten südöstlichen Rand der Region, und mit heute rund 1,1 Millionen Einwohnern einer der kleinsten Staaten Indiens. Ab 1966 erlebte Mizoram zwei Jahrzehnte schwerer Gewaltkonflikte, doch im Unterschied zu anderen Teilen der Region hat es 1986 dort einen Friedensschluss gegeben, der sich als stabil erwiesen und Mizoram zu einem der wenigen erfolgreichen Beispiele von Konfliktlösung in der Region gemacht hat.

Ein neuer Film mit dem Titel „Rambuai: Mizoram’s Trouble Years“ dokumentiert die Geschichte des bewaffneten Aufstands in Mizoram und seine Folgen, wie es zum Friedensschluss kam, und wie die Mizos heute über jene traumatische Epoche reden – oder auch schweigen.

Der Film entstand über zwei Jahre hinweg unter Leitung von Prof. Sanjoy Hazarika, der jüngst vom Centre for North East Studies and Policy Research (C-NES) an der Jamilia Millia Islamia-Universität in Delhi zur Commonwealth Human Rights Initiative wechselte. Das Indien-Büro der Heinrich-Böll-Stiftung unterstützte das Projekt als Teil seines Engagements für den politischen Dialog in und um Indiens Nordostregion.

Für den Film führte Hazarikas Team umfassende Recherchen durch und interviewte auch politische und militärische Führungspersönlichkeiten, die in der kritischen Phase seit 1959 dabei waren. Damals hatte es eine Hungersnot gegeben, gegen die der indische Staat nur unzureichend anging, was letztlich zum Aufstand von 1966 führte. Zur Vorbereitung des Films gehörte auch eine umfangreiche Recherche zu existierenden Veröffentlichungen zur Literatur und Geschichte Mizorams.

Die Uraufführung des Films fand am 14. September 2016 in Aizawl, der Hauptstadt Mizorams, statt. Lal Thanhawla, der Ministerpräsident von Mizoram, war nicht nur als Ehrengast dabei: Er hatte im Film selbst von seinen Erfahrungen als junger Mann berichtet, der damals verhaftet und von der indischen Armee misshandelt worden war.

Der 45-minütige Dokumentarfilm behandelt die Jahre der Gewalt zwischen 1966 und 1986 und zeigt zum Beispiel, wie die Mehrzahl der Bevölkerung in streng kontrollierte „Schutzdörfer“ umgesiedelt wurde, was schwierige Lebensbedingungen und zahlreiche Menschenrechtsverletzungen nach sich zog. Auch ehemalige hohe Militärs der indischen Armee, die für den Film interviewt wurden, sehen das heute sehr selbstkritisch. Ein Sondergesetz, das Straftaten von Armeeangehörigen von regulärer juristischer Verfolgung ausschließt, gilt bis heute in einigen Teilen Nordost-Indiens, insbesondere in Manipur. Zugleich dokumentiert der Film auch, was jüngere Leute heute von dieser Phase ihrer Geschichte wissen und denken.

Einzelne Teile der Kriegserfahrung sind bis heute offene Wunden: Als die Aufständischen in den ersten Kriegstagen die Hauptstadt Aizawl überrannt hatten, bombardierte die indische Luftwaffe die Stadt und setzte Teile von Aizawl in Brand. Dies wird bis heute erinnert, und manche Mizos fordern eine offizielle Entschuldigung der indischen Regierung hierfür, wie auch für die Zwangsumsiedlung in „Schutzdörfer“.

Der Film arbeitet – in dieser allgemein zugänglichen Form erstmalig – die Erfahrungen Mizorams in diesen schwierigen Jahren auf. Der Friedensschluss von 1986 machte Mizoram zu einem vollwertigen, mit einem vergleichsweise hohen Grad an Autonomie ausgestatteten Bundesstaat Indiens. Der Dokumentarfilm „Rambuai“ weist über das in der Mizo-Gesellschaft weit verbreitete kollektive Schweigen über die „Zeit der Leiden“ hinaus und fordert zu einem offenen Dialog auf.

Weitere Informationen:

Axel Harneit Sievers, Heinrich-Böll-Stiftung
Axel.Harneit-Sievers@in.boell.org

Links und Literatur:

After Decades of Silence: Voices From Mizoram. A Brief Review of Mizo Literature
Margaret Ch. Zama und C. Lalawmpuia Vanchiau | C-NES, hbs | Dezember 2016

Rambuai: A Film on Mizoram’s “Trouble Years”
Chok Tsering | 2016

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