26-06-2019

INEF | Armutsreduzierung und Friedensförderung im Norden Äthiopiens

Das vom Institut für Entwicklung und Frieden (INEF) an der Universität Duisburg-Essen durchgeführte Forschungsvorhaben „Wege aus extremer Armut, Vulnerabilität und Ernährungsunsicherheit“ (AVE) untersucht ausgewiesene Good Practice-Projekte, die erfolgreich und nachhaltig Armut, Vulnerabilität und Hunger bekämpfen und extrem arme Bevölkerungsgruppen tatsächlich auch erreichen. Das von der Welthungerhilfe und der äthiopischen Nichtregierungsorganisation ORDA (Organization for Rehabilitation and Development in Amhara) in drei Distrikten (woredas) im Hochland in Nordäthiopien durchgeführte Projekt „Multi-dimensional food and nutrition security in Amhara“ ist ein solches Good Practice-Projekt.

 

Es profitieren etwa 10.400 kleinbäuerliche Haushalte mit insgesamt 50.000 Menschen von den Projektmaßnahmen. Das Projekt geht das Problem der Ernährungssicherung und Armutsbekämpfung in der Region von mehreren Seiten an. Zum einen wird die landwirtschaftliche Produktivität gesteigert, wodurch direkt im kleinbäuerlichen Betrieb mehr Nahrung produziert wird und mehr Geld vorhanden ist. Die Produktivität wird vor allem durch die Intensivierung der Landnutzung erhöht. Maßnahmen wie die Einrichtung von mittelgroßen Bewässerungsperimetern, die Einführung von neuen Anbaukulturen wie z.B. Kartoffeln, Erosionsschutz, Ressourcenmanagement und Kompostbereitung sind hier sehr wirkungsvoll. Das Land wird jetzt ganzjährig genutzt und liegt nicht mehr von Mitte November bis April brach. Statt, wie zuvor üblich, nur eine Getreideernte im Jahr zu erzielen und zusätzlich im kleinen Rahmen Hülsenfrüchte anzubauen, sind nun bis zu drei Ernten im Jahr möglich. Über diese technisch ausgerichtete landwirtschaftliche Beratung hinaus wird zum anderen ein Maßnahmenpaket angeboten, das dazu beiträgt, den Projekterfolg und damit die Bekämpfung von Armut und Hunger nachhaltig zu machen. Das Projekt bildet die Dorfbevölkerungen fort in gewaltlosen Methoden der Konfliktbewältigung. Dieses Training hat nach Aussagen der Männer und Frauen in den Dörfern ein neues Zusammengehörigkeitsgefühl geschaffen. In der traditionellen Gemeinschaft bestehen bereits Strukturen zur gegenseitigen Unterstützung z. B. bei Heiraten und in Todesfällen. Ebenso gibt es Arbeitsgruppen, die reihum die Felder der teilnehmenden bäuerlichen Familien bestellen oder gegen die Bereitstellung von Essen und Trinken auf den Feldern arbeiten. Diese Institutionen werden vom Projekt gestärkt und teilweise um neue Funktionen erweitert: So fördert das Projekt die Gründung von Spar- und Kreditgruppen, um die Menschen zum Sparen und zur Bildung von Rücklagen anzuregen, und regt gleichzeitig dazu an, in jeder dieser Gruppen auch einen Sozialfonds einzurichten. Dieser soll dazu dienen, Mitgliedern in Notlagen (z.B. notwendigen Gesundheitsausgaben) zu helfen. Weil traditionellen Netzwerke auf dem Prinzip der Gegenseitigkeit beruhen, also dem gegenseitigen Geben und Nehmen, sind sehr arme Haushalte nicht einbezogen, weil sie nichts zu geben haben. Mit Stolz berichten vormals sehr arme Familien, dass sie durch die Projektmaßnahmen ihr Einkommen beträchtlich steigern konnten und nun auch Mitglieder der sozialen Netzwerke im Dorf seien. Sie seien jetzt geachtet und respektiert und seien nicht mehr von der Dorfgemeinschaft ausgeschlossen. Eine weitere Projektmaßnahme ist die Durchführung von Kursen zur Ernährungsberatung. Diese zielen zum einen auf eine ausgewogenere Ernährung der Familien ab. Zum anderen geht es darum, Mütter in Kinderernährung und Hygiene fortzubilden. Interessanterweise richten sich diese Kurse nicht nur an Frauen, sondern beziehen auch ihre Ehemänner mit ein. Ein Erfolg der Kurse ist es, dass Frauen von ihren Männern häufiger bei der Hausarbeit unterstützt werden und ihnen in den letzten Wochen der Schwangerschaft nicht mehr schwere Arbeiten zugemutet werden. Mehr Informationen zu diesem Good Practice-Projekt finden Sie in der AVE-Studie „

 

Bodenfruchtbarkeit und Ernährungssicherheit in der Amhara Region in Äthiopien“ (2019) von Karin Gaesing und Tamene Hailegiorgis Gutema.

 

Weiterführende Informationen:

 

Dr. Karin Gaesing, INEF Uni Duisburg

 

karin.gaesing@inef.uni-due.de

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