17-12-2019

Konsortium ZFD | 20 Jahre ZFD: Frieden ist der Anfang von allem

„Frieden ist der Anfang von allem. Ohne Frieden ist die Überwindung von Armut, Hunger, Not und Elend weltweit nicht möglich,“ betonte Stefan Oswald vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) in seiner Begrüßungsrede zur Feier des 20-jährigen Jubiläums des Zivilen Friedensdienstes (ZFD). Die vom Konsortium Ziviler Friedensdienst und dem BMZ ausgerichtete zweitägige Jubiläumsveranstaltung Anfang Dezember in Berlin stand ganz im Zeichen der konkreten Friedensarbeit: 20 ZFD-Partner und Fachkräfte aus elf Ländern gaben lebendige Einblicke in ihr Engagement vor Ort. Am 2. Veranstaltungstag folgte ein Fachdialog zu den zukunftsweisenden Themen Digitalisierung, Religion und Jugend. In drei Arbeitsgruppen und anschließend im Plenum wurden die Themen im Hinblick auf die Gestaltung konkreter Friedensarbeit diskutiert.

Stefan Oswald, Leiter der Abteilung „Marshallplan mit Afrika; Flucht und Migration“, und Alexander Mauz, Sprecher des Konsortiums Ziviler Friedensdienst, eröffneten die  Veranstaltung im Berliner Dienstsitz des BMZ. Oswald würdigte die Arbeit des ZFDs als „einzigartiges Gemeinschaftswerk von Kirche, Staat und Gesellschaft“, die vor allem dem Bemühen um Ausgleich in spannungsgeladenen Konflikten gewidmet sei. Gewalt verhindern, zum Dialog anstiften und Versöhnung ermöglichen, umriss er als die Kernaufgaben des ZFD. Die Fachkräfte des ZFD seien Katalysatoren und die „vielen positiven Beispiele kleiner lokaler Initiativen wirken sich auf das ganze Land aus.“ Ein wirksames Gegengewicht zu wachsendem Populismus, gewaltsamen Konflikten und sich verschärfenden gesellschaftlichen Spannungen ist nötiger denn je: Zwei Milliarden Menschen leben rund um den Globus in fragilen, gewaltbelasteten Verhältnissen, so sind allein in Syrien fünf Millionen Kinder auf der Flucht in einem Krieg, der seit neun Jahren tobt. Von 2010 bis 2016 hat sich die Anzahl der gewaltsamen Entwicklungen verdreifacht – all diese weltweit alarmierenden Umstände betonten an diesen beiden Tagen fast alle Rednerinnen und Redner und unterstrichen damit die Notwendigkeit konstruktiver Friedensarbeit. „Wenn lautstark gefordert wird, dass Deutschland sich stärker für Frieden und Sicherheit einsetzen soll, entgegnen wir aus tiefer Überzeugung, dass Deutschland mehr zu bieten hat als militärische Interventionen,“ sagte Alexander Mauz in seiner Begrüßungsrede. „Mit dem ZFD steht ein Programm zur zivilen Konfliktbearbeitung und Krisenprävention bereit, das sich seit 1999 in über 600 Projekten bewährt hat.“ Rund 1.400 ZFD-Fachkräfte haben sich seither in knapp 60 Ländern mit lokalen Partnerorganisationen erfolgreich für Friedensförderung und Gewaltprävention eingesetzt. 

Wie die Friedensarbeit in der Praxis aussieht, kennt viele beredte Beispiele: In Guinea wurde aus einer lokalen Initiative zur Gewaltprävention eine nationale Friedenskoalition. In Kolumbien konnten indigene Gruppen ihre Anliegen in den Friedensvertrag einbinden. In Kenia entstand ein neues Zentrum für Verständigung zwischen den Religionen. Rund 20 ZFD-Partner und Fachkräfte aus elf Ländern gaben beim Festakt in Berlin lebendige Eindrücke von ihrer Arbeit. 

So  berichtete beispielsweise Nelly Njoki aus Kenia im Friedens-Talk von ihrem Engagement um die Position von Frauen in der kenianischen Gesellschaft zu stärken. Die Anwältin, Mediatorin und Mitgründerin des Community Education and Empowerment Centre (CEEC) erklärte, wie anders Konflikte Frauen betreffen als Männer, und erläuterte das Engagement des CEEC, mehr Frauen in politische Führungspositionen zu bringen, aber auch Frauen über Themen wie Ehe, Bildung oder Besitz zu informieren. Sie betonte, dass es oft Außenseiter brauche, um zu erkennen, was eigentlich der Konflikt sei, der vornehmlich an ethnischen und religiösen Grenzen entlang geführt werde. 

Zur „Offenen Stunde“ waren Partner aus aller Welt angereist

Zu weiteren Gesprächen mit Vertreterinnen und Vertretern der Partnerorganisationen des ZFD bot die „Offene Stunde“ reichlich Gelegenheit. Dass die Lösung von Konflikten eine zivilgesellschaftliche und keine militärische Aufgabe ist, unterstrich das facettenreiche Engagement der Expertinnen und Experten aus dem Senegal, aus Bosnien-Herzegowina, Mali, Nepal und den Philippinen, die hier einzelne Initiativen vorstellten. Für ein friedliches Zusammenleben unterschiedlicher Bevölkerungsgruppen sind Dialog, Versöhnung, zivile Konfliktbearbeitung und Kreativität unabdingbar; im Rahmen der Friedensarbeit kommt daher auch dem Journalismus eine große Bedeutung zu. Am Beispiel der Philippinen wird deutlich, wie ein konfliktsensibler Journalismus helfen kann, stockende Friedensprozesse in Gang zu bringen. Eine sensationsheischende Berichterstattung verstärkt Feindbilder, vertieft Gräben, schürt Ängste und stachelt zum Hass auf. Dem setzen Mediennetzwerke wie die ZFD-Partner Kutawato Multimedia Network (KuMuNet) und Peace and Conflict Journalism Network (PECOJON) etwas entgegen: Seit 2015 bieten sie Aus- und Weiterbildungen in Friedensjournalismus an. Medienvertreterinnen und -vertreter von Presse und Rundfunk werden darin geschult, umsichtig, ausgewogen und fair zu berichten. Auch eine eigene Radiosendung bewegt den Friedensprozess nach vorn: „Bangsamoro Jetzt – Stimmen für den Frieden“ sendet Nachrichten zum Friedensprozess in die gesamte konfliktreiche Bangsamoro-Region im Süden der Philippinen. Die Bevölkerung diskutiert dabei übers Telefon genauso mit wie Sprecher der Rebellen und Regierungsvertreterinnen und -vertreter. 

Auch beim eigentlichen Festakt stand die Arbeit der Partner im Mittelpunkt

Ein energiegeladener Auftritt der HipHop-Band Sawa Sawa Soundsystem, gemeinsam mit dem deutschen Rapper Curse, stimmte auf den Festakt am frühen Abend ein. „Sawa Sawa Soundsystem“ formierten sich in dem palästinensischen Geflüchtetenlager Shu’fat (Ostjerusalem) im Rahmen eines ZFD-Projekts, das Jugendliche darin stärkt, sich gewaltfrei für ihre Anliegen einzusetzen. Der in Berlin lebende Rapper und Coach Michael „Curse“ Kurth arbeitete bereits in den Palästinensischen Gebieten mit den jungen Männern zusammen und verstärkte das Soundsystem auf der Bühne. Auch der eigentliche Festakt bot weitere Einblicke in die Arbeit des ZFD und seiner Partnerorganisationen. Padre Darío Echeverri Gonzáles, Generalsekretär der kolumbianischen Versöhnungskommission (CCN), beschrieb in seiner Keynote die „unermüdliche Arbeit des ZFD in der Aussöhnungskommission,“ die eine Verhandlungslösung mit den FARC-Rebellen erarbeitet habe, und warnte davor, in den Anstrengungen für den Frieden, der durch Korruption, Drogenhandel und „unendliche Schmerzen aus der Vergangenheit“ bedroht sei, nachzulassen. 

Susan Risal, Geschäftsführerin von Nagarik Aawaz („Citizens Voices“), ZFD-Partnerorganisation in Nepal, berichtete über die eskalierende Gewalt in Nepal und betonte die Wichtigkeit des Zuhörens.

Raphael Nabholz, ehemalige ZFD-Fachkraft in Israel und den Palästinensischen Gebieten, trug seine Geschichte um die Entstehung der binationalen „Combatants for Peace“ vor. „Koexistenz beider Gruppen ist das Ziel,“ betonte Nabholz, „Kennenlernen und kreativer Widerstand der Weg. Eine wahre Augenöffnungsarbeit.“ Weil erst ein Ende der Gewalt die Voraussetzung für den Frieden ist, legen israelische Soldatinnen und Soldaten und palästinensische Widerstandskämpferinnen und -kämpfer ihre Waffen nieder und engagieren sich für den Frieden. Die Combatants setzen sich aktiv für ein Ende der Besatzung, Gewaltfreiheit und Dialog ein. Herzstück ihrer Arbeit ist für viele eine Provokation: Eine gemeinsame Trauerzeremonie, der Israeli-Palestinian-Memorial-Day, gedenkt einmal im Jahr der Opfer beider Seiten. Nabholz formulierte eine Hoffnung an die Politik und die Zukunft des ZFD: „Die Potenziale der Friedensarbeit müssen noch stärker hervorgehoben werden, aber dazu muss auch der ZFD politischer werden.“

Weitere Informationen:

Martina Rieken, Konsortium ZFD
rieken@ziviler-friedensdienst.org

Links und Literatur:

20 Jahre Ziviler Friedensdienst – ZFD-Broschüre: Konstruktiv streiten lohnt sich
Konsortium ZFD | FriEnt-Impulse November 2019

Der ungekürzte Originaltext von Gerlinde Unverzagt ist hier zu lesen.

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