26-10-2017

Misereor | Burundi: Wahrheit und Versöhnung in Zeiten der Krise

Seit gut zehn Jahren arbeitet die u.a. von Misereor unterstützte Diözesane Justitia et Pax Kommission (CDJP) in Ruyigi im Osten von Burundi mit Mitgliedern von Basisgemeinden an der Überwindung von Herausforderungen, die sich aus den Gewalterfahrungen der vergangenen 50 Jahre für das Zusammenleben ergeben. Es ist eine der zahlreichen Initiativen auf lokaler Ebene, die seit 2000 mit Abschluss der Verträge von Arusha zu Frieden und Versöhnung in verschiedenen Landesteilen eingerichtet wurden, um die Nationale Wahrheits- und Versöhnungskommission vorzubereiten.

Während die Einrichtung der Nationalen Kommission auf sich warten ließ, wurde die Arbeit auf lokaler Ebene fortgeführt. Nach dem sich die Mitglieder der Basisgemeinden, unterstützt von CDJP, mit den Konzepten, Regeln und Methoden der Vergangenheitsarbeit vertraut gemacht hatten, näherte man sich langsam der eigenen (gewaltvollen) Geschichte. Jeder kenne die Geschichte, jeder wisse, wo der andere war, wer sich an Mord und Totschlag beteiligt und wer andere gerettet habe. Aber es werde geschwiegen, seit Jahrzehnten, es werde keine Verantwortung übernommen, unter Tätern wie Opfern, so Teilnehmende einer der von CDJP begleiteten Gruppen.

„In unserer Gemeinde war es immer friedlich. Wir haben immer gut zusammengelebt, auch als sonst überall im Land getötet wurde.“ – „Immer? Wann?“ „1996“. „Und 1972“? Schweigen bei den einen. „1972 ist hier getötet worden – viele!“ rufen andere dazwischen.

Die CDJP hilft den Gruppen dabei, das Schweigen und die Erinnerungsmuster aufzubrechen: den Geschichten der anderen zuzuhören, sich darüber klar zu werden, dass man selbst nur einen Teil kennt – der manchmal auch mehr mit Rechtfertigung als mit tatsächlichen Begebenheiten zu tun hat; anzuerkennen, dass die Täter von heute die Opfer von gestern gewesen sein können und umgekehrt; sich der eigenen Rolle bzw. der Rolle seiner Gruppe klar zu werden und Konsequenzen daraus für das Zusammenleben in der Gemeinde zu ziehen.

Dabei achtet die CDJP darauf, sehr unterschiedlichen Gruppen – nach Geschlecht, Alter, sozialer Zugehörigkeit und Position – eine Stimme zu geben und ihre Beteiligung sicherzustellen. Bezeichnenderweise gehören junge Leute zu denjenigen, die auf die Auseinandersetzung über die Vergangenheit und ihre Folgen für die Gegenwart am Meisten drängen – auch innerhalb der CDJP. Sie sind diejenigen, die die Konsequenzen tragen, ohne die Gründe genauer zu kennen.

Diese Auseinandersetzungen sind keineswegs selbstverständlich und funktionieren nicht in allen Gemeinden im gleichen Maß. Die CDJP musste und muss schrittweise und sehr umsichtig vorgehen. In einer Gemeinde ist es die Verwaltung, die sich der Arbeit entgegenstellt, in einer anderen sind es die Priester; in manchen Gemeinden richtet sich die generelle Stimmung gegen sie und ihre Aufklärungsplakate werden mit beißenden Sprüchen versehen, einfach abgerissen oder übermalt. Ein äußerst umstrittenes Feld ist die Feststellung und Kennzeichnung von Massengräbern und die Durchführung von Trauerzeremonien.

Seit ein, zwei Jahren setzt sich die CDJP mit einer weiteren Herausforderung auseinander: der Feststellung, dass trotz allen erfahrenen Leids die Opfer eher bereit sind, Zeichen von Abschluss und Vergebung zu setzen als Täter/innen bereit sind, ihre Taten anzuerkennen und den Überlebenden gegenüber Abbitte zu tun. Die Täter/innen fürchten Gefängnisstrafen. Für die CDJP ist damit der Prozess jedoch einseitig und unvollständig und riskiert einmal mehr, wieder in Gewaltmuster zu verfallen. So arbeitet sie in letzter Zeit verstärkt auf der Täterseite. Tatsächlich haben sich einige Personen in von der Gemeinde organisierten Zeremonien zu ihren Taten bekannt, die Hergänge dargestellt und ihre Opfer um Vergebung gebeten– einige auch mit der Erklärung, Reparationen zu leisten, meist in Form von Arbeit für die Überlebenden.

Hier befindet sich die CDJP mit ihren Aktivitäten an einem besonders heiklen Punkt: Immerhin geht es um Gewalttaten, Mord und Totschlag, die hier verhandelt werden und die eigentlich von der Justiz verfolgt und deren Täterschaft eindeutig und über jeden Zweifel erhaben festgestellt werden müssten. Die von der CDJP und ähnlichen lokalen Initiativen angestoßenen Prozesse ersetzen juristische Prozesse nicht. So vermittelt die CDJP mögliche juristische Konsequenzen als einen Teil des Gesamtprozesses, der auf der lokalen wie der nationalen Ebene stattfindet, und den die Gemeinde mittragen sollte, durch Begleitung, Besuche und weitere Unterstützung während des Prozesses und einer eventuellen Gefängnisstrafe.

Eine weitere Herausforderung besteht darin, dass inzwischen die nationale Wahrheitskommission ihre Arbeit aufgenommen hat und die Frage nach dem Verhältnis dieser zu den lokalen Initiativen akut wird. Die nationale Kommission hat dabei durchaus das Mandat, lokale Initiativen zu berücksichtigen. Die Kommissionsmitglieder haben bereits einzelne Initiativen besucht und sich über die Arbeit der CDJP anerkennend geäußert. Eine Auseinandersetzung und Nutzbarmachung scheint sich bisher jedoch nicht abzuzeichnen.

Trotzdem sind die CDJP und die Mitglieder der Gemeinden zuversichtlich hinsichtlich der positiven Wirkung ihrer Arbeit: die Tatsache, dass es bei der derzeitigen Krise seit April 2015 nicht in großem Stil zu Massakern gekommen ist, habe auch etwas mit der Arbeit der lokalen Initiativen zu tun, darunter der CDJP Ruyigi. Die Menschen ließen sich nicht mehr so einfach zu Gewalttaten aufrufen wie in den Perioden zuvor. Durch die allmählich offener werdende Auseinandersetzung mit den Gräueltaten der Vergangenheit – sowie mit gewaltlosen Formen der Konfliktlösung – sei ein anderes Klima des Umgangs miteinander geschaffen worden. Aber der Weg sei noch weit, um die Errungenschaften weiter zu stärken und unumkehrbar zu machen.

Weitere Informationen:

Cora Laes-Fettback, Misereor
Cora.laes-fettback@misereor.de

Sylvia Servaes, Misereor/Frient
Sylvia.servaes@misereor.de

Links und Literatur :

Commission Vérité et réconciliation
Nations Unies Droits de l’Homme |Haut Commissariat | Burundi

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