28-05-2019

Misereor | Interreligiöse Friedensarbeit in Sri Lanka wichtiger denn je

Die Terroranschläge von Ostersonntag haben der interreligiösen Friedensarbeit in Sri Lanka einen schweren Schlag versetzt. Die von einer kleinen islamistischen Gruppierung ausgeführten Attentate rissen 258 Menschen, darunter viele Christ*innen, mit in den Tod, Hunderte wurden verletzt. Die Anschläge überraschten viele Fachleute, waren muslimische und christliche Minderheiten in Sri Lanka doch bisher kaum in Konflikt miteinander geraten. Dass es trotzdem zu dem Blutbad kam und die Attentäter aus der mittleren bis gehobenen Bildungsschicht stammten, zeigt jedoch, wie groß der Frust bei einem Großteil der muslimischen Jugend über langanhaltende und tiefgehende Marginalisierung ist und wie anfällig selbst gut ausgebildete junge Menschen angesichts von Perspektivlosigkeit und Diskriminierung für Radikalisierung sein können.

Nach den Anschlägen wendete sich die Wut vieler Christ*innen und auch singhalesischer Buddhist*innen schnell gegen die muslimische Bevölkerung. Die Regierung erließ Notstandsgesetze und suchte unter Hochdruck nach den Hintermännern des Anschlags. Junge (vor allem männliche) Muslime fühlen sich unter Generalverdacht gestellt, während sich die Frauen weiterer Diskriminierung ausgesetzt sehen – so wurde ihnen die Vollverschleierung aus vermeintlichen Sicherheitsgründen bis auf weiteres verboten. Trotz vorübergehenden Ausgangssperren ist die Stimmung äußerst aufgeheizt. Im Ort Chilaw wurden muslimische Geschäfte und Moscheen in Brand gesteckt. Anderorts hielten wütende Mobs auf der Straße Autos von Muslimen an und verprügelten deren Insassen. Die Gewalt geht von Christen, singhalesischen Buddhisten und auch hinduistischen Tamilen aus. In Nattandiya, 60 km nördlich von Colombo, forderte eine Gruppe von Singhalesen die Schließung der örtlichen Moschee und erstach später einen muslimischen Mann in seiner Werkstatt.

Friedensinfrastruktur ist strapaziert, aber belastbar

Soziale Medien spielen bei der Gewalteskalation eine zentrale Rolle. Die Stimmung wird durch Hassnachrichten und Falschmeldungen aufgeheizt. Manchmal reichen Gerüchte, um Wut in Gewalt umschlagen zu lassen. Die von extremistischen religiösen Eliten und opportunistischen Politiker*innen inszenierte Entrüstung über vermeintliche Beleidigungen (Hate Spin) ist dabei ebenso schädlich wie tatsächliche Hassnachrichten (Hate Speech). Zur Eindämmung von Racheakten sperrte die Regierung vorübergehend den Zugang zu bestimmten sozialen Medien.

Diese Vorkommnisse strapazieren und testen die interreligiöse Friedensinfrastruktur Sri Lankas, zu der MISEREOR-Partnerorganisationen seit Jahren beitragen. Der National Peace Council (NPC) hat in jahrelanger vertrauensbildender Arbeit landesweit interreligiöse Komitees auf Distriktebene (DIRC – District Interreligious Committees) eingerichtet, in denen religiöse Würdenträger und Laien zusammenarbeiten, um lokale Konflikte zu bearbeiten und Gewalt vorzubeugen. Das besondere an diesen Räten ist die Unabhängigkeit, mit der sie funktionieren und eigenständig Prioritäten und Interventionsstrategien entwerfen. Bei den anti-muslimischen Pogromen in Kandy im März 2018 spielte der lokale DIRC eine wichtige friedensstiftende Rolle, in dem er in einer Pressekonferenz zur Mäßigung aufrief und die Mitglieder mit gemeinsamen Besuchen in den von Gewalt betroffenen Gemeinden eine weitere Eskalation eindämmen konnten.

Auch in der derzeitigen Lage spielen die DIRCs eine wichtige Rolle. In einigen Distrikten wurden die DIRCs von den jeweiligen Gouverneuren angefragt und darum gebeten, bei der Bereitstellung von Sicherheit unterstützend tätig zu sein. So arbeiteten einige DIRCs mit Community Policing Units zusammen, um in den Gemeinden Präsenz zu zeigen und Gewaltausbrüchen vorzubeugen. In öffentlichkeitswirksamen Aktionen (Pressekonferenzen, großflächigen Bannern etc.) riefen sie zudem gemeinschaftlich dazu auf, keinen extremistischen Aufrufen und Positionen zu verfallen. Die Beispiele der DIRCs zeigen, dass die interreligiöse Friedensinfrastruktur Sri Lankas zwar derzeit arg strapaziert ist, aber nichts destotrotz funktional bleibt und einen wichtigen Beitrag zur Gewaltminderung leisten kann. Die derzeitige Gewalt macht deutlich, wie wichtig diese Arbeit ist und bleibt.

Weitere Informationen:

Thomas Kuller, Misereor
thomas.kuller@misereor.de

Kesuma Saddak, Misereor Sri Lanka
Kesuma.Saddak@misereor.de

Links und Literatur:

Hate Spin: The Manufacture of Religious Offense and Its Threat to Democracy
Georgen Cherian | September 2017

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