28-06-2017

Misereor | Über Kriege berichten wie über Krankheiten

Seit seiner Gründung 2004 bildet das Peace and Conflict Journalism Network (PECOJON) Journalisten und Journalistinnen, zumeist aus den Philippinen, in konfliktsensibler Berichterstattung aus. Die philippinische Organisation mit Sitz in Cebu City hat sich inzwischen einen Namen im Friedensjournalismus gemacht. „Über Kriege und Gewaltkonflikte wird meist berichtet, wie über ein Basketballspiel. Die Toten und Bomben werden gezählt, und welche Partei einen Vorteil oder Sieg errungen hat. Aber über die Hintergründe und Ursachen erfährt man nichts.“ So sinngemäß die Aussage des Koordinators des Journalistennetzwerkes, Karlon N. Rama. Zusammen mit seinem Kollegen Charlie Saceda war er am 22. Juni zu Besuch im MISEREOR-Büro in Aachen. MISEREOR unterstützt PECOJON seit 2006.

„Wir müssen lernen, über Kriege und Gewaltkonflikte ähnlich zu berichten, wie über eine Krankheit“, so Rama weiter. „Da beschreiben wir auch Ursachen und den möglichen Verlauf, und beschäftigen uns mit der möglichen und nötigen Therapie.“ PECOJON möchte hierzu einen Beitrag leisten. Im Gespräch in Aachen berichteten die beiden Kollegen über die Erfolge und Herausforderungen ihrer Arbeit.

Viele Journalist/innen auf den Philippinen waren erst skeptisch, die Weiterbildungsangebote von PECOJON zu nutzen und dann in der eigenen Arbeit umzusetzen. Sie befürchteten mit einer differenzierten und konfliktsensiblen Berichterstattung in der Öffentlichkeit als parteiisch angesehen zu werden. Auch die Nähe zu zivilgesellschaftlichen Organisationen war ihnen suspekt. Das hat sich inzwischen geändert und PECOJON konnte seine Trainingsangebote erweitern. Insbesondere die Gemeinden in entlegenen Regionen – wo vielfach die Gewaltkonflikte ausgetragen werden – werden viel stärker als zu Beginn der Arbeit in die Trainings einbezogen. So kommt es zu einem überregionalen Austausch mit Journalist/innen – das erleichtert zu erkennen, über was und in welcher Weise berichtet werden sollte.

Im aktuellen Konflikt auf den Philippinen zeigt sich, dass die Arbeit von PECOJON Erfolg hat. Am 23. Mai 2017 brachen in der Stadt Marawi, im Nordwesten von Mindanao, Kämpfe zwischen der nichtstaatlichen bewaffneten Maute Group, die angibt dem IS nahezustehen, und der philippinischen Armee aus. Die Region ist seit langem geprägt von Gewalt. Die weitergebildeten Journalist/innen des PECOJON-Netzwerks waren die Hauptquellen für die Informationen, die den Weg in die „mainstream“-Medien fanden. Das führte dazu, dass dieses Mal nicht nur über die Zahl der Toten und von Angriff und Gegenangriff der Armee berichtet wurde, sondern auch von der humanitären Katastrophe, die die Folge des Angriffs war und ist. Das Schicksal der Tausende von Binnenflüchtlingen, die die Region inzwischen zählt, fand so den Weg in die großen Medien der Philippinen und in die internationale Berichterstattung.

Journalist/innen auf den Philippinen leben leider nach wie vor gefährlich. Der von Präsident Duterte ausgerufene „Krieg gegen die Drogen“ hat bereits 8.000 Menschen das Leben gekostet. Diejenigen, die diese tödliche Kampagne oder andere Aktivitäten der aktuellen Regierung kritisieren sehen sich heftigen Angriffen ausgesetzt. Kritische Journalist/innen werden durch Schmutzkampagnen in den sozialen Medien beleidigt, viele müssen mit Einschüchterung und Gewalt bis hin zu Morddrohungen rechnen. Ob die massenhaften Kommentare in sozialen Medien wirklich von aufgebrachten einzelnen Anhänger/innen der Regierung stammen oder geplante Aktionen der Regierung sind, bleibt derzeit noch Spekulation. Jedenfalls sind sie dazu bestimmt einzuschüchtern und Angst vor abweichender Meinung zu schüren. Laut Reporter ohne Grenzen besteht auf den Philippinen eine große Medienvielfalt, doch die meisten Privatmedien sind im Besitz einflussreicher Familien und Unternehmen und vertreten deren Interessen.

Eine differenzierte, transparente und konfliktsensible Berichterstattung kann helfen, Hintergründe in Gewaltkonflikten verständlich zu machen und zu zeigen, dass Gewalt kein notwendiges oder legitimes Mittel der Politik sein kann und darf. PECOJON fördert diesen Ansatz. Jedoch schaffen die Angriffe auf Journalist/innen ein Klima der Angst, das die Arbeit objektiv berichtender Journalist/innen belastet. Die Betroffenen brauchen und verdienen unsere Unterstützung und Solidarität.

Weitere Informationen:

Elmar Noe, Misereor
Elmar.Noe@misereor.de

Elisabeth Strohscheidt, Misereor
Elisabeth.Strohschiedt@misereor.de

Links und Literatur:

http://pecojon.org/

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