28-02-2018

BMZ | ExpertInnenaustausch zu sexualisierter Gewalt gegen Jungen und Männer

Sexualisierte Gewalt gegen Jungen und Männer (SVM) in Konflikten ist kein neues Phänomen. Dennoch schrecken neueste Studien und Berichte auf. Sie zeigen, wie weitverbreitet und systematisch Jungen und Männer in Konfliktkontexten weltweit von sexualisierter Gewalt betroffen sind. Doch was wissen wir eigentlich über die Ursachen von SVM und darüber, welche Bedarfe männliche Überlebende haben? Und was bedeutet das für die deutsche EZ und Friedensförderung? Der vom BMZ am 14. Februar organisierte Workshop “Understanding Sexualized Violence against Men and Boys in the Context of the Syria Crisis - Learning for Development and Peacebuilding” ging diesen Fragen. Ausgangpunkt waren dabei zwei Studien zu SVM im Kontext der Syrienkrise.

Dabei wurde schnell klar, dass dort, wo es sexualisierte Gewalt gegen Frauen und Mädchen gibt, auch Männer und Jungen davon betroffen sind. Denn unabhängig von Geschlecht und Genderidentität sind die Ursachen für sexualisierte Gewalt – patriarchale Strukturen und Normen, die Ungleichheiten, Machthierarchien, Gewalt und Unterdrückung legitimieren und sexualisierte Übergriffe dadurch möglich machen – weitgehend dieselben. Diese strukturellen Ursachen zu verstehen und gezielt und langfristig zu adressieren, wurde als eine Priorität identifiziert, denn nur so kann effektiv zur Prävention sexualisierter Gewalt beigetragen werden.

Für die Belange Betroffener wird bisher zu wenig getan. Häufig fehlt das Bewusstsein dafür, dass in Konflikten auch Männer und Jungen von sexualisierter Gewalt betroffen sein können. Während internationale Resolutionen zwar inzwischen auf männliche Überlebende verweisen, sind sie in ihrer Sprache, vor allem aber in der Operationalisierung, überwiegend nicht genderinklusiv. Die nationale Gesetzgebung in vielen Ländern kennt Vergewaltigung von Männern nicht als Straftatbestand, oder Gesetze werden nicht durchgesetzt. Institutionen wie Verwaltung, das Gesundheits- oder Bildungssystem sind überfordert – aber auch MitarbeiterInnen von Organisationen der EZ oder der Humanitären Hilfe. Hier ist es wichtig, zu sensibilisieren und Kapazitäten aufzubauen.

ExpertInnen und Praktikerinnen, u.a. aus dem Mittleren Osten,  gewährten Einblicke in vielversprechende Praktiken, aber auch Herausforderungen, u.a. aus den Bereichen psychosoziale Unterstützung, Vergangenheitsarbeit (Transitional Justice) und der Reform des Justiz- und Sicherheitssektors. Dabei wurde betont, dass neben den direkten physischen und mentalen Auswirkungen auf Überlebende sexualisierter Gewalt auch die Auswirkungen auf deren Angehörige und die Gesellschaft berücksichtigt werden sollten. Unterschiedliche Ansichten gab es hinsichtlich der Frage, ob in der Arbeit mit männlichen Überlebenden Prioritäten und Ansätze ähnlich gelagert sind wie in der Arbeit mit Frauen und Mädchen, oder ob es hier stärkere Unterschiede gibt. Dabei wurde auch festgestellt, dass der Forschungsstand zu SVM und „what works“ bisher nicht ausreicht: es wird zwar geforscht, der Kreis der ExpertInnen ist jedoch klein und Fördergelder rar. Die Übertragung westlicher Genderkonzepte und Programmansätze auf andere Kontexte ist nicht hilfreich. Hier ist das Verständnis des lokalen Kontextes und die Förderung von und Zusammenarbeit mit lokalen Akteuren zum Beispiel aus der Zivilgesellschaft, Forschung oder dem Gesundheitswesen relevant. Allerdings verbaten sich die regionalen PraktikerInnen auch, SVM mit der Kultur ihrer Region zu verbinden – vielmehr dominiere bei sexualisierter Gewalt eine „Kultur der Gewalt“ und diese sei global.

Die TeilnehmerInnen betonten, dass sexualisierte Gewalt gegen Männer und Jungen und sexualisierte Gewalt gegen Frauen und Mädchen in Konfliktkontexten nicht isoliert voneinander betrachtet oder gar in Konkurrenz um politische und gesellschaftliche Aufmerksamkeit und Ressourcen gebracht werden sollten. Vielmehr müssten sich die Debatten gegenseitig ergänzen und von den Erfahrungen und Erfolgen des Kampfes gegen Gewalt gegen Frauen lernen und darauf aufbauen. Die Entscheidung, dem weltweiten sektorübergreifenden Engagement gegen Gewalt und Ungleichheit ausreichende Ressourcen zur Verfügung zu stellen, sei vor allem auch eine Frage politischer Prioritäten.

Weitere Informationen:

Ulrike Hopp-Nishanka, BMZ
Ulrike.Hopp-Nishanka@bmz.bund.de

Julie Brethfeld, FriEnt/BMZ
Julie.brethfeld@frient.de

Judith Baessler, giz
judith.baessler@giz.de 

Links und Literatur:

Warum Friedensförderung und EZ auf sexualisierte Gewalt gegen Jungen und Männer in Konflikten reagieren müssen
Julie Brethfeld | FriEnt | Impuls-Artikel Dezember 2017

Out of the shadows? The inclusion of men and boys in conceptualisations of wartime sexual violence
Heleen Touquet and Ellen Gorris | Reproductive Health Matters | Vol. 24 | 2016

We keep it in our hearts. Sexual Violence Against Men and Boys in the Syria crisis
Sarah Chynoweth | UNHCR | Oktober 2017

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