20-12-2016

BMZ, UN Women | PeaceLab-Workshop zur Stärkung von Frauen in Friedensprozessen

Wo Frauen Einfluss auf Friedensprozesse nehmen können, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass ein Friedensabkommen zustande kommt, und dass es auch nachhaltig umgesetzt wird. Dennoch werden die UN Sicherheitsratsresolution (SCR) 1325 und Folgeresolutionen in der Friedensförderung noch nicht ausreichend umgesetzt. Um die Relevanz und das Potenzial der Agenda „Frieden, Frauen und Sicherheit“ für die neuen Leitlinien der Bundesregierung „Krisen verhindern, Konflikte bewältigen, Frieden fördern“ herauszuarbeiten, hat das BMZ in Zusammenarbeit mit UN Women am 13. Dezember einen PeaceLab-Workshop zur Stärkung von Frauen in Friedensprozessen veranstaltet, an dem VertreterInnen des BMZ und des Auswärtigen Amts, UN-Organisationen, Durchführungsorganisationen, zivilgesellschaftliche Organisationen aus Deutschland und der MENA-Region sowie Forschungseinrichtungen teilgenommen haben. Zur Diskussion trug auch die Vorsitzende des Unterausschusses des Bundestags für Zivile Krisenprävention, MdB Dr. Franziska Brantner, mit ihrer Eröffnungsrede bei.

Mit dem Workshop wurde auch ein neues vom BMZ finanziertes UN Women Programm, ”Enhancing Women’s Leadership for Sustainable Peace in Fragile Contexts in the MENA Region”, vorgestellt. Das Programm hat eine Laufzeit von drei Jahren und richtet sich an Frauen in Friedens- und Dialogprozessen der Region, insbesondere Syrien, Irak, Jemen und Libyen.

Der Workshop hat deutlich gemacht, dass es nicht ausreicht, wenn die Leitlinien auf die UNSCR 1325 oder den neuen Aktionsplan zur Umsetzung der Resolution 1325 verweisen. Stattdessen müssen sie die Geschlechterperspektive durchgehend reflektieren und sich damit auseinandersetzen, wie die gleichberechtigte Teilhabe von Frauen an Friedensprozessen und im Konfliktengagement gewährleistet werden können. Das gilt für den politischen Anspruch, positiven Frieden zu fördern, wie auch für den Schutz von Frauen und Mädchen. So sollten Genderanalysen von Konflikten als Grundlage für Strategien und Programme erstellt, Genderindikatoren in Monitoring- und Evaluierungsprozesse einbezogen, oder flexible Finanzierungsmöglichkeiten bereitgestellt werden, die auch lokale AktivistInnen oder Frauenorganisationen ohne formelle NGO-Strukturen in Anspruch nehmen können. 

Die Bundesregierung sollte sich stärker für die aktive Teilnahme von Frauen an Friedensprozessen einsetzen. Frauen müssen in die Lage versetzt werden, ihre Rolle auch in Track 1-Friedensverhandlungen voll einzunehmen. Gründe für Widerstand dagegen müssen besser verstanden werden, um strategisch auf die Konfliktparteien einwirken zu können. Hier können politischer Druck oder Konditionalitäten angebracht sein. Auch externe Akteure, wie Mediatoren, Mitglieder von Delegationen oder Botschaften sollten stärker in die Verantwortung genommen und dazu befähigt werden, Friedensprozesse inklusiv zu gestalten. Auch die Rolle von Frauen als Friedensakteure außerhalb der Track 1-Ebene muss stärker anerkannt und gezielt, langfristig und kontextspezifisch unterstützt werden Dabei muss Inklusivität „normale“ Frauen, aber auch Männer und Jugendliche, die marginalisiert und/oder nicht formal in NGOs organisiert sind, involvieren. Das Verknüpfen von Friedensprozessen auf lokaler, nationaler und internationaler Ebene, und der Austausch zwischen diesen Ebenen sollte gezielt gefördert werden.

Nach Erfahrungen extremer Gewalt, auch sexueller und genderbasierter Gewalt („sexual and gender-based violence“, SGBV), bedarf es besonderer Sensibilität, um auf lange Sicht ein friedliches und gewaltfreies Zusammenleben zu ermöglichen. Eine sorgfältige Dokumentation von Gräueltaten ist wichtig und sollte durch gut geschultes Personal geschehen, das den Kontext kennt und sich der Sensibilität der Aufgabe bewusst ist, damit es selbst und die Überlebenden nicht weiteren Gefahren oder Retraumatisierung ausgesetzt werden. Es ist auch wichtig, sich bewusst zu machen, dass der politische Ruf nach gesellschaftlicher Versöhnung nicht immer in Einklang steht mit dem individuellen Verarbeiten des Erlebten durch die Überlebenden. Diese sollten mit einbezogen werden, wenn es darum geht, die Aufarbeitung von bewaffneten Konflikten zu konzipieren.

Langfristiges Denken und Handeln über den Konflikt hinaus ist wichtig, und bedarf eines holistischen Ansatzes. Eine friedliche und gleichberechtigte Zukunft kann es für Frauen in (Post-)Konfliktgebieten nur geben, wenn ihre volle Teilhabe am politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Leben sichergestellt ist und sie von der Friedensdividende profitieren können, anstatt wieder in die zweite Reihe zurückgedrängt zu werden. Zudem muss berücksichtigt werden, dass physische und psychische Gewalt auch nach einem offiziellen Friedensabkommen andauert. Hier bedarf es der langfristigen Unterstützung bei der Überwindung von gewalttätigen und diskriminierenden Gendernormen und -beziehungen. Institutionen wie Polizei, Gerichte, aber auch Verwaltung oder Gesundheitsversorgung müssen daher in die Lage versetzt werden, gender- und konfliktsensibel auf die Bedürfnisse von Gesellschaft und Individuen nach Gewalterfahrungen einzugehen. Erfahrungen aus Lateinamerika oder vom Balkan haben gezeigt, dass Prozesse der Vergangenheitsarbeit, Gerechtigkeitsfindung und Versöhnung Jahrzehnte brauchen – kurzfristige Projektzyklen und der Ruf nach schnellen Ergebnissen sind unrealistisch.

Weitere Informationen:

Ulrike Hopp-Nishanka, BMZ
ulrike.hopp-nishanka(at)bmz.bund.de

Links und Literatur:

PeaceLab2016: Debatte und Hintergrund zum Leitlinien-Prozess im Blog

Making Women Count - Not Just Counting Women: Assessing Women’s Inclusion and Influence on Peace Negotiations
Thania Paffenholz, Nick Ross, Steven Dixon, Anna-Lena Schluchter, Jacqui True | Inclusive Peace and Transition Initiative | April 2016

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