26-11-2018

Brot für die Welt | Krise in Kamerun – Welche Optionen haben externe Akteure zu Gewaltprävention und Frieden beizutragen?

Im anglophonen Südwesten und Nordwesten Kameruns nehmen gewaltsame Auseinandersetzungen zu. Vor und während der Präsidentschaftswahlen am 07.10.2018 herrschte eine angespannte Lage und auch derzeit verschärfen sich die Spannungen täglich. Die internationale Gemeinschaft blickt mit Sorge auf das Land und es drängt sich die Frage auf, durch wen und mit welchen Mitteln ein weiterer Gewaltanstieg und eine mögliche Eskalation in einen Bürgerkrieg verhindert werden kann. Am 11.10.2018 fand dazu bei Brot für die Welt ein Fachgespräch mit Gästen aus Kamerun statt, in dem Hintergründe der Krise erläutert und Potentiale zu Krisenprävention und Friedensförderung diskutiert wurden.

Ein historischer Rückblick zeigt, dass die politischen Rahmenbedingungen bereits seit Jahrzehnten zu einer erhöhten Polarisierung und Aushöhlung des föderalen Systems zwischen dem anglophonen und dem frankophonen Teilen des Landes beigetragen haben. Dabei spielen zunehmende Zentralisierung von Ressourcen, Infrastruktur und politische wie gesellschaftliche Machtverteilung zugunsten der frankophonen Bevölkerung eine zentrale Rolle. Seit Ende 2016 äußerten sich die Spannungen in Protesten, Aufständen gegen die Politik der Zentralregierung und gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen Sicherheitskräften und Bevölkerung, vornehmlich in den anglophonen Regionen des Landes. Die Herausforderungen für eine auf Prävention ausgerichtete Friedensarbeit sind dabei sehr vielschichtig und komplex. Die Auswirkungen der bisherigen Gewaltanwendungen durch staatliche Sicherheitskräfte gegenüber den als Terroristen eingestuften Aufständischen haben einen Teil der lokalen Friedensinfrastruktur für eine zivile und gewaltfreie Konfliktbearbeitung zerstört: So sind derzeit zivilgesellschaftliche Friedenskräfte unter besonderem Druck, denn viele Aufständische, darunter auch Journalist*innen, wurden kriminalisiert und Friedensaktivist*innen inhaftiert oder sind ins Ausland geflohen. Diese Situation führt dazu, dass Misstrauen und Hass zwischen den anglophonen und frankophonen Bevölkerungsgruppen auch auf unterschiedliche ethnische Gruppen übertragen worden ist und sich zunehmend manifestiert, u.a. in Hassreden und Übergriffen gegenüber Angehörigen von ethnischen Minderheiten. Vor dem Hintergrund der aktuellen Krise sind erneut v.a. junge Menschen betroffen. Viele haben keine Zukunftsperspektiven und flüchten daher in die benachbarten frankophonen Regionen oder ins Ausland, z.B. Nigeria, greifen aber teilweise auch auf Gewalt zurück. Das gegenseitige Misstrauen zwischen der Regierung und zivilgesellschaftlichen Akteuren ist sehr groß. Die angespannte Lage und Gewalt rund um die Wahlen im Oktober 2018 trägt zu diesem Misstrauen bei.

Nun gilt es, diese zerstörte lokale Friedensinfrastruktur wieder aufzubauen, akute Gewalt zu mindern und zu einer Konflikttransformation beizutragen. Aber was könnte das konkret für externe Akteure aus Deutschland und aus der Europäischen Union bedeuten? Wichtig sei, so wurde in der Diskussion betont, Vertrauen zwischen Staat und Zivilgesellschaft aufzubauen und zu einem Dialog zu kommen. Die kamerunischen zivilgesellschaftlichen Akteure seien grundsätzlich zum Dialog bereit, wenn die Regierung auf Gewalt und restriktive Maßnahmen verzichte. Deutschland, Frankreich und die Europäische Union seien gefordert und sollten hier mit einer Stimme sprechen und vermittelnd tätig werden. Es gehe darum, mit diplomatisch-politischen Mitteln darauf zu drängen, Dialogräume wieder zu öffnen und Friedensaktivist*innen aus der Haft zu entlassen. Das Militär müsse aus den anglophonen Teilen des Landes abgezogen und ein Verzicht auf staatliche Gewalt gegen Zivilgesellschaft, Aufständische und die Bevölkerung erklärt werden.

Darüber hinaus sei es wichtig, Ungleichheit abzubauen, v.a. Jugendlichen und Frauen Zukunftsperspektiven zu geben und ihre politische, gesellschaftliche und wirtschaftliche Teilhabe zu stärken. Junge Menschen, die gegen Regierung und Sicherheitskräfte gekämpft haben, müssten rehabilitiert werden (u.a. durch Schul- und Berufsbildungsmaßnahmen, aber auch z.B. psychosoziale Angebote). Zudem wurde betont, dass konfliktsensibles Planen und Handeln für jegliches Engagement in Kamerun, inkl. Handel und Wirtschaft, extrem relevant ist, um Konflikte und Ungleichheiten nicht zu verstärken. Ferner wurde der Bereich „peace journalism“ als Priorität genannt, um so Polarisierung und „hate speech“ zwischen verschiedenen Bevölkerungsgruppen eindämmen zu können. Ebenso seien sowohl Antikorruptionsmaßnahmen wichtig als auch humanitäre Hilfe, v.a. für Vertriebene und Flüchtlinge aus den anglophonen Gebieten, die in Lagern in Kamerun und im benachbarten Nigeria unter extrem schwierigen Bedingungen leben.

Weitere Informationen:

Cyr-Nestor Itoua-Ayessa, Brot für die Welt
cyr-nestor.itoua-ayessa(at)brot-fuer-die-welt.de

Links und Literatur:

Umstrittene Präsidentschaftswahlen in Kamerun
Cyr-Nestor Itoua-Ayessa | Brot für die Welt | Oktober 2018

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