28-05-2019

Brot für die Welt | Vertreibung aus dem Paradies – Landraub und Verdrängung durch Tourismus

Die Liste von tourismusbedingten Zwangsumsiedlungen und schleichenden Verdrängungsprozessen im Globalen Süden ist lang, wie zahlreiche Berichte von Medien und Zivilgesellschaft belegen. Ganze Dörfer müssen dem Bau von Flughäfen weichen. Fischerfamilien verlieren den Zugang zum Strand, weil dort Hotels gebaut werden. Steigende Mieten verdrängen Bewohnerinnen und Bewohner aus beliebten Urlaubsorten.  

Bisher fehlte es jedoch an einer fundierten und systematischen Analyse der treibenden Kräfte, der verantwortlichen Akteur*innen sowie der Auswirkungen auf die Betroffenen. Um diese Wissenslücke zu schließen, gab die Fachstelle Tourism Watch bei Brot für die Welt eine Grundlagenstudie von 25 Fällen in Entwicklungs- und Schwellenländern bei Professor Andreas Neef von der Auckland University in Auftrag. Die Studie zeigt klar, dass Landraub und Verdrängung durch Tourismus keine Einzelfälle sind, sondern ein systematisches Risiko der Tourismusentwicklung. Der enorme Land- und Ressourcenverbrauch des Sektors und die damit einhergehenden Risiken für die Menschen vor Ort werden jedoch viel zu selten berücksichtigt. Ein Kapitel in der Studie beleuchtet auch die besonderen Risiken im Kontext von Post-Konflikt-Situationen.

Auf der weltweit größten Tourismusmesse, der Internationalen Tourismusbörse Berlin (ITB), veranstaltete Brot für die Welt am 6. März eine Podiumsdiskussion, um das Thema bei den Reiseveranstalter*innen und Tourismus-Fachleuten auf die Agenda zu setzen. Zunächst stellte Andreas Neef seine Studienergebnisse vor. Anschließend diskutierten internationale Menschenrechts- und Tourismusexpert*innen aus den Philippinen und der Schweiz, wie die einzelnen Akteure in der Verantwortung stehen:

Reiseveranstalter*innen müssen die Rechte der lokalen Bevölkerung auf ihr Land und ihren Zugang zu überlebenswichtigen Ressourcen wie Wasser, Forst- oder Weideland als zentrale Elemente in ihre Risikoanalysen integrieren. Nur so können sie sichergehen, nicht mit Hotels zusammenzuarbeiten, die mit Landraub in Verbindung stehen. Regierungen, Investoren und Tourismusunternehmen legitimieren Landraub und Verdrängung mit Argumenten wie der Wirtschaftsförderung oder dem Schutz von Natur und Kultur – ohne Rücksicht auf die Bedürfnisse der ursprünglichen Landnutzer*innen. Das gilt in besonderem Maße auch für Konflikt- und Post-Konfliktgebiete, in denen der Tourismus neu- bzw. wiederaufgebaut wird. Zu oft mangelt es seitens der Regierungen, aber auch internationalen Geberorganisationen, an klaren Richtlinien und langfristigen Strategien der nachhaltigen Tourismusentwicklung zum Wohle aller.

 

Weitere Informationen: 

Laura Jäger, Brot für die Welt
laura.jaeger(at)brot-fuer-die-welt.de

Links und Literatur:

Tourism, Land Grabs and Displacement - A Study with Particular Focus on the Global South
Andreas Neef | Tourism Watch | 2019

Vertreibung aus dem Paradies - Landraub und Verdrängung durch Tourismus
Brot für die Welt | Aktuell 66 | 2019

Interview mit Andreas Neef über die Kernergebnisse seiner Studie

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