28-02-2018

Buch-Tipp: Kambodschas unsicherer Weg in die Zukunft

Bis heute ist das bei uns vorherrschende Bild Kambodschas geprägt von Pol Pots Genozid: Zwischen 1975 und 1979 fielen schätzungsweise zwei Millionen Menschen – rund ein Viertel der Gesamtbevölkerung – den Gräueltaten der Roten Khmer zum Opfer. Auch mehr als 40 Jahre später ist der Heilungsprozess nicht abgeschlossen und wird von zahlreichen gegenwärtigen Problemen überlagert. Diesen Problemen aus jüngster Geschichte und Gegenwart widmet sich nun eine neue Publikation der Stiftung Asienhaus: „Kambodscha. Ein politisches Lesebuch“.

Das Buch bietet einen lebendigen, kritischen und facettenhaften Überblick, indem es politische, geschichtliche, ökologische und sozioökonomische Perspektiven gleichermaßen in den Vordergrund rückt. Neben Einblicken in Geschichte, Kultur und Gesellschaft des Landes befassen sich zahlreiche Artikel mit Ausprägungen von Demokratie und Rechtstaatlichkeit, der tiefverwurzelten Korruption, einer weitgehend unfreien Medienlandschaft, Genderungerechtigkeit und Unterdrückung sozialer und oppositioneller Bewegungen. Die sich wie ein roter Faden durch das Buch ziehende Frage lautet: Bleibt Kambodscha eine Quasi-Demokratie oder etabliert der langjährige Ministerpräsident Hun Sen eine Diktatur?

Spätestens seit dem Verbot der stärksten Oppositionspartei im November 2017 weist die seit fast drei Jahrzehnten aufrecht erhaltene demokratische Fassade tiefe Risse auf. So sieht auch der politische Beobachter Craig Bradshaw Kambodscha mit hohem Tempo auf einen politischen Scheideweg zusteuern und spricht von einer „Realität, die von autoritären Maßnahmen, einer stark zunehmenden Ungleichheit und verbreiteten systematischen Menschenrechtsverletzungen geprägt ist“. Angesichts der in diesem Jahr stattfindenden Parlamentswahlen nehme ein hartes Vorgehen gegen Oppositionelle zu, demokratische Institutionen würden von Regierungsseite kontrolliert und systematisch geschwächt, soziale Bewegungen durch restriktive Gesetzgebung eingeschüchtert und in ihrem Engagement beschnitten.

Und dennoch bleibt der Ruf nach Gewährleistung einer demokratischen Debatte unüberhörbar: Die Stimmen der sozialen Bewegungen und vieler AktivistInnen stellen nach wie vor einen bedeutenden Gegenpol dar, insbesondere da von der beschleunigten wirtschaftlichen Entwicklung lediglich die politische Elite und aufstrebende Mittelschicht – auf Kosten von Umwelt und breiten Bevölkerungsschichten – profitieren. ‚Land grabbing‘ ist auch in Kambodscha ein Thema, von dem Hunderttausende betroffen sind. Die Einhaltung von Arbeitsstandards in der Textilindustrie ein weiteres. Und die Gesellschaft – trotz massiver staatlicher Restriktionen – ist immer weniger gewillt, die sozialen und ökologischen Kosten des Wachstums zu tragen. Dabei findet die Vernetzung sozialer (Protest-)Bewegungen insbesondere in sozialen Netzwerken statt.

„Kambodscha. Ein politisches Lesebuch“ kann nur eine Momentaufnahme bieten. Dafür gewährt es zugängliche Einblicke in Konfliktlinien und deren Ursachen und zeichnet ein facettenreiches Bild des gegenwärtigen Kambodschas.

Links und Literatur:

Kambodscha. Ein politisches Lesebuch
Bastian Bretthauer, Susanne Lenz, Jutta Werdes (Hrsg.) | Stiftung Asienhaus | regiospectra verlag berlin | Dezember 2017