28-03-2017

hbs | Anne-Klein-Frauenpreis 2017 an Nomarussia Bonase verliehen

In Südafrika bestand mit dem Ende der Apartheid 1994 und im Zuge der Demokratisierung das Bedürfnis nach der Bewältigung der Verbrechen, denen die südafrikanische Bevölkerung jahrzehntelang ausgesetzt war. Dies sollte mit Hilfe einer Wahrheitskommission geschehen, die schwere Menschenrechtsverletzungen erfassen und durch Empfehlungen und Reformen erneute Gewaltausbrüche verhindern sollte. Von der Truth and Reconcilation Commission (TRC) erhoffte man sich, dass sie einen politischen Wandel herbeiführen könnte und sich öffentlich mit den historischen Spannungen auseinandersetzen sollte. Während ihrer Schaffenszeit konnten zwar zahlreiche Morde und Terroranschläge aus der Zeit der Apartheid aufgeklärt werden, doch blieb ihre Arbeit – wie im Falle so vieler „Übergangsjustizen“ – weit hinter den Erwartungen zurück.

Dafür, diese Lücken zu füllen, setzt sich die Ende der 1990er Jahre gegründete südafrikanische Organisation „Khulumani“ ein. Ihr Anliegen: Stimme der Opfer und Überlebenden des Apartheidregimes zu sein, die von der Wahrheits- und Versöhnungskommission nicht gehört wurden und denen Gerechtigkeit und Reparation zustehen sollte. In sehr gut vernetzten Lokalgruppen bestärken sich vor allem Frauen gegenseitig, gemeinsam für die politische Anerkennung des verübten Unrechts an Frauen zu kämpfen: Sie fordern, dass anerkannt wird, dass sexuelle Gewalt bewusst als Waffe während der Apartheidszeit eingesetzt wurde. Sie bieten konkrete Beratungen bei Gesundheitsproblemen und bei rechtlichen Fragen. Sie ermutigen Frauen, den Versöhnungsprozess aus frauenpolitischer Perspektive kritisch zu hinterfragen und sich nicht in die Rolle der passiven Opfer oder der Bittstellerinnen drängen zu lassen.

Auch die Südafrikanerin Nomarussia Bonase war nach anfänglicher Hoffnung von der TRC enttäuscht, schloss sich Khulumani an und wurde bald zur nationalen Koordinatorin. Ihre laute Kritik: sexuelle Gewalt gegen Frauen sei in der Wahrheitskommission kein Thema, über Vergewaltigungen würde geschwiegen. Frauen würden in erster Linie als Hinterbliebene, Mütter oder Kinder von Opfern, wahrgenommen. Nomarussia Bonase erkannte schnell, dass es offensichtlich massiven Drucks durch die Zivilgesellschaft bedarf, um die derzeitigen Machthabenden an ihre Versprechen und Verpflichtungen zu erinnern.

Am 6. März 2017 wurde Nomarussia Bonase von der Heinrich-Böll-Stiftung mit dem Anne-Klein-Preis ausgezeichnet. Einem Preis, der seit 2012 jährlich an Frauen verliehen wird, die sich durch herausragendes Engagement für die Verwirklichung von Geschlechterdemokratie einsetzen. „Einigen Südafrikanern und Südafrikanerinnen, vor allem denjenigen, die vom rassistischen System bewusst oder unbewusst profitierten“, so Barbara Unmüßig in ihrer Rede zur Preisverleihung, „wäre es lieber, einen Schlussstrich zu ziehen. (…) Dabei vergessen sie – oder verdrängen bewusst –, dass der Umgang mit der Vergangenheit den Boden für die Gestaltung der Zukunft bereitet.“ Darauf, eben diesen Boden zu ebnen, zielt die Arbeit von Nomarussia Bonaseund der „Khulumani Support Group“ ab. Immer wieder greift sie aktuelle Themen auf, denn sie weiß, dass Verschränkung von Rassismus, Diskriminierung von Frauen, Gewalt und ökonomische Ausbeutung keineswegs der Vergangenheit angehören. Auch die Laudatorin und Beauftragte des Landes Brandenburg zur Aufarbeitung der Folgen der kommunistischen Diktatur, Ulrike Poppe, betonte, dass es „geduldiger Anstrengungen und vielfältiger kleiner Schritte (bedarf), auf fortwirkendes Unrecht hinzuweisen und menschenrechtliche Maßstäbe zur Geltung zu bringen. Solange Diskriminierung und Perspektivlosigkeit fortdauern, bleibt die Idee von Versöhnung weitgehend abstrakt.“ Genau dafür will Nomarussia Bonase weiterkämpfen. „Ich werde diese Arbeit bis zu meinem Tod weitermachen“, so die überzeugte Aktivistin. „Wir werden Südafrika zu einem besseren Land machen.“

Weitere Informationen:

Ulrike Cichon, Heinrich-Böll-Stiftung
cichon(at)boell.de

Maria Kind, Heinrich-Böll-Stiftung
kind(at)boell.de

Links und Literatur:

Porträt von Nomarussia Bonase: „Wo auch immer ich hinkam, wurde ich zur Anführerin ernannt“

Anne-Klein-Frauenpreis 2017: Die Begründung der Jury

Hintergrundinformationen zum Anne-Klein-Frauenpreis 2017 und den Preisträgerinnen der Vorjahre

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