23-04-2019

Inklusivität in der Praxis: Die Gender-sensitive Konfliktanalyse von Conciliation Resources

Der Frage, wie ein Konflikt nicht nur inklusiv, sondern vor allem auch Gender-sensitiv analysiert werden kann, stellt sich die britische Nichtregierungsorganisation Conciliation Resources in ihrem Praxis-Papier vom März 2019. Darin geht die NGO von der Prämisse aus, dass Konflikte grundsätzlich geschlechtsspezifisch sind. Demnach muss diese Erkenntnis auch in die Konfliktanalyse einfließen, damit die tieferliegenden geschlechtsspezifischen Ursachen erkannt und angegangen werden können. Um herauszufinden, wie eine Gender-sensitive Konfliktanalyse aussehen kann und wo die jeweiligen Vorteile sowie Schwächen bei der Umsetzung liegen, hat Conciliation Resources eine Umfrage mit 18 Praktiker*innen durchgeführt. Jene Praktiker*innen stammten aus einem diversen Feld: darunter nationale und lokale NGOs aus verschiedenen Weltregionen, internationale NGOs, die in der Friedensförderung aktiv sind, sowie multilaterale Organisationen und staatliche Geldgeber.

Wie sollte eine Gender-sensitive Konfliktanalyse also gestaltet werden? Kurz: kritisch, partizipativ und praxisnah. Gender sollte nicht binär – d.h. als Mann und Frau – gedacht werden, sondern auch Transgender und sexuelle Minderheiten umfassen. Außerdem handelt es sich nicht um bloße Kategorien, sondern um soziale Konstruktionen, die unter anderem in Institutionen verankert sind und sich mit anderen Diskriminierungsformen – etwa Klasse oder Ethnie – überschneiden. Beide Punkte sind wichtige Grundannahmen für den Aufbau und den Fokus der späteren Konfliktanalyse.

Bei der Gender-sensitiven Konfliktanalyse geht es nicht nur darum, abzuwägen, welche Auswirkungen ein Konflikt auf die verschiedenen Geschlechter hat, sondern vor allem darum, inwiefern die tieferliegenden Ursachen von Konflikten geschlechtsspezifisch sind und ob der Konflikt durch Geschlechtsnormen hervorgerufen wurde. Um dies herauszufinden, empfiehlt Conciliation Resources, die Konfliktanalyse partizipativ durchzuführen. Damit sollten lokale Akteur*innen möglichst in allen Analyse-Schritten involviert sein und diese auch selbst gestalten können. Ein Vorteil liegt darin, dass nicht nur der Konflikt rekonstruiert werden kann, sondern dass der Analyseprozess selbst schon Teil der Friedensarbeit ist: Exkludierte Stimmen werden gehört, Perspektiven ausgetauscht und neues Vertrauen kann zwischen den Akteur*innen hergestellt werden – nicht zuletzt soll der Prozess auch zum Hinterfragen von Geschlechtsnormen und zur Gleichstellung der Geschlechter beitragen.

Die vorgeschlagene Konfliktanalyse ist also langfristig angesetzt und zielt auf strukturelle Faktoren. Als solche ist sie umfangreich, baut auf regelmäßigen Updates auf und ist entsprechend zeitintensiv. Bisherige Erfahrungen weisen aber darauf hin, dass sich der Aufwand lohnt: Auf Gender-sensitive Konfliktanalysen folgen zumeist auch Gender-sensitive Antworten auf den Konflikt. Trotzdem stellt gerade der partizipative, langfristige Ansatz für viele NGOs ein Problem dar. Durch die Ergebnisorientierung vieler Geldgeber stehen überhaupt nur wenige finanzielle Mittel für Analysen bereit. Die Zeit zur Durchführung ist stark begrenzt und oft schenken Geldgeber lokalen Akteur*innen kein oder zu wenig Vertrauen, so Conciliation Resources. Daneben ist die Arbeit zum Thema Geschlecht häufig mit Sicherheitsrisiken – traditionelle Familienstrukturen werden angetastet und das Thema wird als von außen kommend wahrgenommen – verbunden, was gerade von Seiten lokaler und nationaler NGOs problematisiert wird. Auch stellt die Studie heraus, dass es in internationalen NGOs oft an der nötigen Sensibilisierung für Gender-sensible Themen fehlt.

Abschließend empfiehlt Conciliation Resources den beteiligten NGOs, multilateralen Organisationen und Geldgebern, dass unrealistischen Erwartungen an einen Prozess, der strukturelle Diskriminierungsformen bearbeitet kollektiv entgegengewirkt werden muss. Dies bezieht sich insbesondere auf „quick win“-Ansätze von Geber*innenseite. Zudem bietet sich für alle Beteiligten der Aufbau von Mechanismen an, die die nötige Sensibilität für das Thema Gender sicherstellen.

Weitere Informationen:

Inclusion in practice: Examining gender-sensitive conflict analysis
Conciliation Resources | März 2019