20-12-2017

Warum Friedensförderung und EZ auf sexualisierte Gewalt gegen Jungen und Männer in Konflikten reagieren müssen

Impuls 12/2017 von Julie Brethfeld, FriEnt

Berichte über sexualisierter Gewalt gegen Frauen und Mädchen in Konfliktkontexten sind inzwischen fast zur traurigen Normalität geworden. Dass Jungen und Männer auch von dieser Art der Gewalt betroffen sind, und das in hohem Maße, wird erst nach und nach deutlich. Das macht einmal mehr bewusst, dass Gendernormen wichtige Gewalt- und Konflikttreiber sein können und ermahnt uns, in unseren Bemühungen der Friedensförderung, Entwicklungszusammenarbeit und Wiederaufbau nicht nur auf die Bedürfnisse einer von sexualisierter Gewalt geprägten Bevölkerung einzugehen, sondern durch gendertransformative Ansätze auch die strukturellen Ursachen von Genderungleichheit und Gewalt zu adressieren.

Sexualisierte Gewalt in Konflikten gegen Jungen und Männer

Die Ausübung sexualisierter Konfliktgewalt gegen Männer und Jungen ist nichts Neues. Dennoch ist das Ausmaß, das in der Äußerung von Zeugen und Forschungsberichten zu Tage tritt – in letzter Zeit vor allem aus Konfliktkontexten des Nahen Ostens und Nordafrikas – für viele überraschend. Das liegt auch daran, dass das Thema sexualisierte Gewalt gegen Jungen und Männer ein Tabu ist – viel stärker noch als die gegen Mädchen und Frauen – und dass kaum darüber gesprochen oder geschrieben wird. Das spiegelt sich auch in der Tatsache wider, dass internationale Akteure wie die UN zwar anerkennen, dass sexuelle Übergriffe nicht nur gegen Frauen und Mädchen verübt werden, dass jedoch in Dokumenten und in der Umsetzung männliche Überlebende von sexualisierter Gewalt kaum vorkommen.

Der Forschungsstand zu sexualisierter Gewalt gegen Jungen und Männer in Konfliktkontexten ist begrenzt. Daten zu Ausmaß und Auswirkungen auf die Jungen und Männer, ihre Familien und die Gesellschaft sind daher lückenhaft und ungenau. Aber es zeichnet sich ab, dass systematische sexuelle Gewalt gegen Jungen und Männer in Konfliktkontexten auf der ganzen Welt eingesetzt wird – in Afrika, Europa, Lateinamerika oder dem Nahen und Mittleren Osten; und dass alle Konfliktparteien, egal ob Regierungsseite, bewaffnete Opposition oder gewalttätige extremistische Gruppen sexualisierte Gewalt verüben.

Eine im Oktober 2017 publizierte Studie des UNHCR zu sexueller Gewalt gegen Jungen und Männer in Syrien hat einige Schätzungen beispielhaft zusammengetragen. Für Syrien gehen Befragte davon aus, dass es „sehr häufig“ oder „die ganze Zeit“ zu sexueller Gewalt gegen Männer und Jungen kommt; und nach einer Studie mit 226 identifizierten Fällen sexualisierter Gewalt wurden 20% davon an Jungen und Männern verübt. Berichten aus Syrien und dem Irak zufolge haben gewalttätige Gruppen wie Daesh auch Männern und Jungen sexuelle Gewalt angetan. In einigen Konfliktregionen im Osten der Demokratischen Republik Kongo (DRC) haben fast ein Viertel der Männer sexuelle Gewalt erfahren; in einer Gegend des Sudan liegt der Anteil der Männer, die sexuelle Gewalt erlebt haben oder Zeuge geworden sind, bei fast 50%. In El Salvador und Peru machen Männer 50% bzw. 22% der dokumentierten Opfer sexueller Gewalt aus. In Situationen von Flucht und Vertreibung, vor allem aber auch in Haft- und Konzentrationslagern bleibt das Risiko für sexuelle Übergriffe hoch oder steigt sogar an: weibliche syrische Geflüchtete in Jordanien schätzen, dass 30-40% der Männer in Haftlagern sexueller Gewalt ausgesetzt waren; und 80% der männlichen Häftlinge in einem Konzentrationslager im Kanton Sarajevo gaben an, vergewaltigt worden zu sein. Berichten aus libyschen Gefängnissen und Haftlagern zufolge kommt es auch dort zu systematischen sexuellen Übergriffen gegen Männer und Jungen. Leider kann man davon ausgehen, dass aufgrund der unzureichenden Datenlage, vor allem aber auch der gesellschaftlichen Tabuisierung und dem damit einhergehenden verschweigen von Tatbeständen die Dunkelziffer weit höher liegt.

Was bedeutet das Auftreten sexualisierter Konfliktgewalt für Friedensförderung, EZ und Wiederaufbau?

Erfahrungen von Gewalt und Konflikten verändern die Menschen und wie sie miteinander umgehen; und sexualisierte Gewalt tut das in besonderer Art und Weise. Überlebende leiden unter Gefühlen der Scham, Demütigung und Hilflosigkeit und sind häufig sozialem Stigma ausgesetzt. In patriarchal geprägten Gesellschaften wird die Schuld für eine Vergewaltigung oder andere sexuelle Übergriffe beim Opfer gesucht. Männliche Überlebende von sexualisierter Gewalt schlägt in einigen Kontexten komplettes Unverständnis entgegen, wenn es das Konzept männlicher Vergewaltigung nicht gibt. Es wird impliziert, dass der sexuelle Kontakt nicht unfreiwillig war. Ihr Status als Mann wird in Frage gestellt, die Gewalttat hat sie in den Augen der Gesellschaft „feminisiert“. Die Familien der Überlebenden machen sich Vorwürfe, da sie ihre Angehörigen nicht beschützen konnten; dies fordert vor allem die klassische Genderrolle des Mannes als „Beschützer“, starken Verteidiger seiner Frau, Kinder, oder seiner selbst heraus. Die Familien und weitere Gemeinschaften projizieren das Geschehene als „Schande“ auf das Gewaltopfer und somit auch auf sich selbst.

Akteure der Friedensförderung, Entwicklungszusammenarbeit und Wiederaufbau müssen diese tiefen Risse und Spannungen in der Gesellschaft in ihrer Arbeit berücksichtigen und adäquat darauf eingehen. Gleichzeitig ist es aber wichtig, die strukturellen Ursachen sexualisierter Gewalt, Genderungleichheiten und Diskriminierung zu adressieren, um langfristig transformativ und präventiv agieren zu können.

Sexualisierte Gewalt ist kein Konfliktphänomen, sie fängt nicht mit dem Beginn bewaffneter Auseinandersetzung an und endet auch nicht mit einem Waffenstillstand oder Friedensschluss. Die gleichen Genderkonstrukte und patriarchalen Vorstellungen, die sexuellen Übergriffen gegen Frauen und Mädchen zugrunde liegen, führen auch zu sexualisierter Gewalt gegen Jungen und Männer. Dabei geht es vor allem darum, durch direkte Demütigung und Erniedrigung der Individuen, oder indirekt der Familien oder Bevölkerungsgruppen, denen die Opfer angehören, Machthierarchien und Unterdrückung zu demonstrieren und/oder zu zementieren. Wenn man sexualisierte Gewalt – sowohl innerhalb als auch außerhalb von Konflikten – langfristig reduzieren und verhindern möchte, ist es wichtig, die strukturellen Ursachen zu adressieren. Dafür muss besser verstanden und reflektiert werden, wie Gendernormen und –hierarchien Ungleichheiten, Unterdrückung und Gewalt bedingen und auch Konflikttreiber sein können. Intersektionalität muss dabei immer mit in die Betrachtung einfließen. Zudem ist es wichtig, in der Friedensförderung, Entwicklungszusammenarbeit und im Wiederaufbau mit transformativen und konfliktsensiblen Ansätzen Genderhierarchien und –ungleichheiten sowie Normen und Verhaltensweisen, die Gewalt bedingen, zu thematisieren und abzubauen. Das beinhaltet eine Auseinandersetzung innerhalb der Gesellschaft, gerade auch mit Kindern und Jugendlichen, als auch auf der institutionellen, rechtlichen, wirtschaftlichen und politischen Ebene. Es bedeutet aber auch ein kritisches Hinterfragen von Normen, Strukturen und Handeln „zuhause“ und wie dadurch Ungleichheiten zementiert und Gewalt verstetigt werden.

Bedürfnisse der Bevölkerung berücksichtigen

Sexualisierte Gewalt hat starke psychische und physische Auswirkungen auf die betroffenen Individuen, ihre Familien aber auch die weitere Gemeinschaft. Dies wird zunehmend berücksichtigt in (Konflikt-) Kontexten, in denen es zu sexualisierter Gewalt gekommen ist, und es gibt Angebote, in denen Überlebende sexueller Gewalt medizinische Hilfe sowie psychosozialen Unterstützung und Betreuung erhalten. Diese Programme sind jedoch vor allem auf Frauen und Mädchen ausgerichtet. Hier wäre es wichtig, dass Erstversorgung durch staatliche oder zivilgesellschaftliche Akteure sowohl für männliche als auch weibliche Überlebende und ihre Angehörigen zur Verfügung steht. Angebote müssen dabei genderspezifisch ausgerichtet sein, bei der Versorgung männlicher Überlebender kann  auf Lernerfahrungen im Umgang mit sexualisierter Gewalt gegen Frauen zurückgegriffen werden. Eine Langzeitstudie von Medica Zenica und medica mondiale aus Bosnien Herzegowina hat gezeigt, dass Frauen und Mädchen auch 20 Jahre nach Beendigung des Konflikts an den Folgen sexualisierter Gewalt leiden, dass jedoch staatliche Stellen nur unzureichend Expertise, vor allem aber auch (politische) Bereitschaft zeigen, sich dieser Herausforderung adäquat anzunehmen. Um zu gewährleisten, dass auch nach einer Erstversorgung angemessene Unterstützung vorhanden ist, müssen gezielt Infrastruktur, Fachexpertise, aber auch soziale Kapazitäten bei staatlichen Stellen, wie etwa dem Gesundheits-, Bildungs- oder Rechtswesen, aber auch in der Wirtschaft (Stichwort: Verhinderung sexueller Übergriffe und Ausbeutung bei Beschäftigungsinitiativen) und der Zivilgesellschaft aufgebaut werden. Strukturen und Personal müssen für die Situation von Überlebenden sexualisierter Gewalt sensibilisiert sein und konflikt-, stress- und traumasensibel agieren. Sie müssen auch darauf ausgerichtet und vorbereitet sein, langfristig Überlebende, aber auch ihre Nachkommen zu unterstützen, denn eine Traumatisierung durch sexualisierte Gewalt kann auch nachfolgende Generationen betreffen.

Sicherheitsakteure sensibilisieren und reformieren

Das gleiche gilt für den Sicherheitssektor, wie zum Beispiel für Polizei und Militär. Hier stehen Akteure und Initiativen aus den Bereichen Sicherheitssektorreform (SSR), Ertüchtigung und Disarmament, demobilisation and reintegration (DDR). in einer besonderen Verantwortung. Es besteht aber neben dem Bedarf nach Sensibilisierung und Kapazitätenbildung die zusätzliche Herausforderung, dass die Institution und/oder das Personal bei konfliktbedingter Gewalt ggf. selbst zum Täter geworden ist, oder aufgrund seiner spezifischen Rolle übergriffig und zum Täter werden kann. Ein adäquater Umgang mit dieser Verantwortung und die Stärkung präventiver Maßnahmen ist fundamental, um Vertrauen in den Sicherheitssektor und Sicherheit selbst herzustellen. Angesichts der Tatsache, dass bspw. in Liberia mehr als 30 bzw. 40% der Kombattanten und Kombattantinnen sexualisierte Gewalt erlebt hatten, müssen sich Sicherheitsakteure auch damit auseinandersetzen, wie sie mit Überlebenden von sexualisierter Gewalt in den eigenen Reihen umgehen und weitere Übergriffe v.a. auch gegen jüngeres Personal verhindern.

Dealing with the past / TJ

Auch Bemühungen der Vergangenheitsbewältigung und „transitional justice“ müssen die Auswirkungen sexualisierter Gewalt berücksichtigen. Dabei spielt die Frage, wie eine Gesellschaft damit umgehen kann, dass sexualisierte Gewalt erfahren, aber auch ausgeübt wurde, wie sie mit Überlebenden, aber auch Tätern umgeht und wie vor diesem Hintergrund ein Weiterleben möglich ist, eine große Rolle. Durch Vergangenheitsbewältigung können Normen, Machtverhältnisse und –beziehungen, die zu sexualisierter Gewalt, Ungleichheit und Unterdrückung geführt haben, enttabuisiert, in Frage gestellt und ggf. neu verhandelt werden, um so einen Rückfall in Gewalt und Konflikt zu verhindern. „Transitional justice“-Mechanismen müssen auf allen Ebenen gendersensibel sein, die Teilhabe von Frauen und Männern sicherstellen und auf ihre spezifischen Bedürfnisse eingehen. Dabei spielt eine Rolle, ob sexualisierte Gewalt als Straftat anerkannt wird. Das ist international und bei weiblichen Überlebenden der Fall, auf nationaler und lokaler Ebene und im Fall von Männern und Jungen gilt das aber nicht immer. In einigen Kontexten drohen männlichen Überlebenden sogar harte Strafen. Auch sollte mitgedacht werden, wie Überlebenden Gerechtigkeit zuteilwerden kann, ohne dass es zu weiterer Stigmatisierung kommt – das ist gerade im Fall männlicher Überlebender noch weitestgehend Neuland.  

Auf bestehendes aufbauen – und ausbauen

Es wurde und wird viel geleistet zur Überwindung von genderbasierter Ungleichheit und Diskriminierung und zur Bekämpfung sexualisierter Gewalt in Konfliktkontexten. Auch wenn der Fokus dabei vor allem auf Frauen und Mädchen lag, kann man doch viel lernen und auf Erreichtem aufbauen für eine bessere Berücksichtigung der Bedürfnisse von Männern und Jungen, die sexualisierte Gewalt erfahren haben; vor allem aber auch für eine Überwindung von patriarchalen Strukturen und Hierarchien, die mit ursächlich für sexualisierte Gewalt, Unterdrückung und Ungleichheit sind. Friedensförderung, EZ und Wiederaufbau können hier einen Beitrag leisten. Allerdings darf das nicht dazu führen, dass finanzielle und sonstige Unterstützung und das Engagement zur Überwindung von Genderungleichheit und sexualisierter Gewalt gegen Frauen und Mädchen heruntergefahren werden. Stattdessen müssen zusätzliche Ressourcen für die Bedarfe männlicher Überlebender und für weitere Forschung in diesem Bereich bereitgestellt werden. Denn es darf nicht vergessen werden, dass das Bekanntwerden des großen Ausmaßes an sexualisierter Gewalt gegen Jungen und Männern in Konfliktkontexten die Zahl der weiblichen Opfer leider um kein einziges verringert.

Weitere Informationen:

Julie Brethfeld, FriEnt/BMZ
Julie.brethfeld(at)frient.de

Links und Literatur:

“We keep it in our hearts“. Sexual violence against men and boys in the Syria crisis
Sarah Chynoweth | UNHCR | 2017

„We are still alive. Wir wurden verletzt, doch wir sind mutig und stark.“
Medica Zenica & medica mondiale |2014

Legacies and Lessons. Sexual violence against men and boys in Sri Lanka and Bosnia & Herzegovina
UCLA, All Survivors Project | 2017

Gender and Dealing with the Past
Sandra Rubli & Elisabeth Baumgartner | Swisspeace | 1/2014

Addressing Conflict-Related Sexual Violence – An Analytical Inventory of Peacekeeping Practice
UN Women | 2010

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