27-03-2018

Publikations-Tipp: Konfliktsensible Beschäftigung in Afghanistan – eine Leitlinie

Wie arbeiten Bau- und Transportfirmen in einem Umfeld, in dem der Staat mit bewaffneten Gruppen um die Kontrolle über große Teile des Landes konkurriert? Haben Firmen Möglichkeiten, der lokalen Bevölkerung eine Beschäftigungsperspektive zu bieten und damit eine Alternative zu bestehenden Einkommensoptionen zu schaffen, nämlich Anheuern in bewaffneten Gruppen, Schwarzmarkthandel, Opiumanbau. Schlepperdienste oder abwandern?

Das Bonner internationale Konversionszentrum (BICC) hat in Zusammenarbeit mit der afghanischen NGO „The Liaison Office TLO“ und International Alert, London/Islamabad, drei Jahre lang zum Thema „Konfliktsensible Beschäftigung ‘im Aufbau‘: Strategien für Frieden und Stabilität im Privatsektor Afghanistans“ geforscht. Dabei ging es um die Motivationen und Herausforderungen für Betriebe und Investoren bei der Umstellung auf „konfliktsensible Beschäftigung“. Darunter werden Formen der Beschäftigung verstanden, die bestehende gewaltsame Konflikte nicht weiter verschärfen und keine neuen Konflikte auslösen.

Arbeitsplätze sollen so gestaltet werden, dass sie Spaltungen in lokalen Gesellschaften, z. B. in benachteiligte und bevorzugte Gruppen, überbrücken und den Beschäftigten eine Zukunftsperspektive nach Ende des Beschäftigungsverhältnisses ermöglichen. Dies soll ihnen Einkommensmöglichkeiten als Selbständige oder einen leichteren Zugang zu neuen Arbeitsplätzen eröffnen, die sie als Arbeitskräfte mit speziellen Kenntnissen und Berufserfahrung wahrnehmen können.

Das gemeinsame Forschungsprojekt hat für afghanische Firmen eine Leitlinie für konfliktsensible Beschäftigung erstellt, die Geber und Investoren in ihrer Zusammenarbeit zu Grunde legen können.

Interviews mit Eigentümern und Mitarbeitern von 80 afghanischen Bau- und Transportfirmen und eine enge Zusammenarbeit mit fünf ausgewählten Unternehmen, die Bauprojekte in Konfliktgebieten Afghanistans durchführen, führten zu folgenden Erkenntnissen:

  • Afghanische Bau- und Transportfirmen haben mehr Probleme mit der Korruption in staatlichen Behörden als mit Taliban. Während „Sonderzahlungen“ an korrupte Staatsbedienstete und Polizisten unkalkulierbar sind, verlangen Talibanführer eine Abgabe von zehn Prozent des Projektbudgets oder Frachtwerts und gewährleisten dafür eine gesicherte Durchführung von Baumaßnahmen bzw. Transporten, solange die Firmen keine Transporte für internationale Truppen oder Organisationen, sondern für lokale Kunden durchführen.
  • Sicherheit vor Anschlägen auf Transporte, Entführungen von Firmenmanagern mit Lösegeldforderungen und bewaffneten Überfällen mit toten und verletzten Mitarbeitern können durch frühzeitige Verhandlungen mit Gemeindeältesten und lokalen Räten vermieden oder zumindest unwahrscheinlicher werden.
  • Wenn Firmenmanager sich von lokalen Räten und Ältesten bei der Einstellung lokaler Arbeitskräfte beraten lassen, müssen sie keine Sabotageakte durch unzufriedene Gruppen, die sich benachteiligt fühlen, befürchten.
  • Internationale Organisationen können konfliktsensible Beschäftigung durch private Firmen unterstützen, indem sie zur nachfragegerechten Aus- und Weiterbildung lokaler Arbeitskräfte vor Ort beitragen.
  • Internationale Geber und Investoren können Infrastrukturprojekte, die durch Gebiete mit bewaffneten Konflikten verlaufen, mit Unterverträgen für lokale Bau- und Transportfirmen verwirklichen und konfliktsensible Beschäftigung fördern, indem sie diese in Ausschreibungen als Auswahlkriterium verlangen.

Weitere Informationen:

Elke Grawert, BICC
elke.grawert@bicc.de

Links und Literatur:

Conflict-Sensitive Employment Framework (CSEF) for construction and transport companies
Elke Grawert, Elvan Isikozlu, Mohammad Murtaza Haqeeqat, Fazalrabi Shirzad | BICC &TLO

Conflict-sensitive Employment under Construction: Peace and Stability Strategies for the Private Sector in Afghanistan
Cooperative research project: The Liaison Office TLO in Kabul, International Alert in Islamabad and London, sponsored by the Netherlands Organization for Scientific Research.

FriEnt-Fachgespräch zu Wirtschaft und Frieden

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