25-02-2015

Trauma und Resilienz in Nahost

Wo Gewalt unmittelbar präsent ist, können Traumata nicht geheilt werden. Aber es ist möglich, Räume für Trauerarbeit und Stressbewältigung zu schaffen. So ein Fazit des FriEnt-Fachgesprächs zu „Trauma und Resilienz“, das Mitte Januar in Kooperation mit der Heinrich-Böll-Stiftung stattfand.

Im Mittelpunkt der Veranstaltung mit José Brunner, Wissenschaftshistoriker an der Universität Tel Aviv und David Becker vom Office for Psychosocial Issues der Internationalen Akademie Berlin standen dabei jedoch nicht nur die praktischen Herausforderungen von Traumaarbeit, sondern auch die politische Dimension von Traumadiskursen. Denn diese Diskurse sind Bestandteil gesellschaftlicher Wertedebatten und Konflikte, wie José Brunner am Beispiel israelischer und palästinensischer Diskurse ausführte.

Wo Traumatisierung zum Ausdruck von Schwäche und „Opfersein“ wird, muss dem Gegenüber in der Konfliktsituation Stärke demonstriert werden. So bedienen Diskussionen über eine kollektive Traumatisierung der israelischen und palästinensischen Gesellschaft bestehende Freund-Feind-Schemata. Organisationen, die Traumaarbeit vor Ort unterstützen, müssen sich dieser politischen Dimension bewusst sein, „Stärkediskurse“ durchbrechen und nicht dazu beitragen, Opferidentitäten zu unterstützen. Wie jedoch im israelisch-palästinensischen Konfliktkontext mit der bestehenden Machtasymmetrie die jeweiligen „Schwächediskurse“ zu bewerten sind, blieb in der Diskussion offen.

David Becker schlug den Bogen zur praktischen Arbeit und wies darauf hin, dass es in der palästinensischen Gesellschaft kaum Raum geben, Schwäche zu thematisieren. Wo aufgrund bestehender Helden- und Märtyrerdiskurse selbst individuelle Trauerprozesse unterbrochen werden, müssten beispielsweise Schutz- und Reflexionsräume angeboten werden, um dies zu ermöglichen. Angesichts zunehmender Eskalation und Segregation sind die Handlungsspielräume jedoch immer stärker begrenzt.

Deswegen ist sei dringend notwendig, so Becker, besser und genauer hinzuschauen und zu beschreiben, was vor Ort funktioniert und unterstützt werden kann. Wie so häufig bei der Arbeit in Konfliktkontexten geht es also darum, Geduld aufzubringen, realistische Handlungsmöglichkeiten zu formulieren und nicht mit externen Ideen und Vorstellungen die Menschen zu überfordern. Die Rolle Dritter müsse vielmehr sein, auf Graswurzelebene Räume zu schaffen, die es ermöglichen, mit den massiven Auswirkungen von Gewalt, Trauer und Verlust weniger selbstdestruktiv zu leben. Dies müsse auch hier vermittelt werden. Denn schließlich gelte es, differenzierte Worte zu finden und unsere Diskurse zu Trauma und Traumaarbeit zu repolitisieren.

Links & Literatur

Office for Psychosocial Issues

Engaging with Victims and Perpetrators in Transitional Justice and Peacebuilding Processes
Workshop Report | FriEnt | 2008

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