04-10-2015

Versöhnungsarbeit unter der Lupe

Wie sehen gegenwärtige Projektansätze in der Versöhnungsarbeit aus? Welche Ziele und Wirkannahmen stehen dahinter und wie weit ist es mit der Evaluierung dieser Maßnahmen gediehen? Ein neuer Forschungsbericht des Center for Applied Research on Conflict des US-Amerikanischen Friedensinstituts (United States Institute of Peace, USIP) geht diesen Fragen nach.

Hierzu wurden 277 Projekte von 110 internationalen und lokalen Organisationen auf der Grundlage von Dokumenten und Interviews untersucht. Trotz zulässiger Kritik an der Forschungsmethodologie gibt der Bericht eine strukturierte Übersicht der zehn häufigsten Arbeitsansätze („intervention strategies“). Hierzu zählen unter anderem Mediation, psychosoziale Unterstützung und Traumaarbeit, Dialog auf verschiedenen Ebenen und geschichtliche Aufarbeitung. In den wenigsten Fällen lassen sich diese Handlungsfelder in „Reinform“ in den Projekten finden; vielmehr gibt es zum Teil große Überschneidungen. Dennoch konnte die Autorin die Ansätze nachvollziehbar entsprechend Aktivitäten, Zielen, Partnern, Zielgruppen und Wirkannahmen differenzieren.

Neben dieser detaillierten und hilfreichen Zusammenschau kommt die Arbeit zu einer Reihe spannender – und zum Teil auch brisanter – Erkenntnisse. Dabei wirft sie auch eine Reihe von Fragen für die Weiterentwicklung der Versöhnungsarbeit und Evaluierungspraxis auf. Hierzu zählt unter anderem die Einsicht, dass die untersuchten Ansätze vor allem auf der Kontakt-Theorie beruhen und das Ziel verfolgen, Veränderungen individueller Haltungen und Verhaltensweisen herbeizuführen.

Die Wirkannahmen und -zusammenhänge zwischen Interventionen auf individueller und gemeinschaftlicher Ebene mit längerfristigen gesellschaftlichen Transformationsprozessen werden hingegen nur selten explizit gemacht. Darüber hinaus scheinen formulierte Ziele wie „Vertrauen“, „soziale Kohäsion“ oder „soziale Harmonie“ oftmals unzureichend konzeptualisiert. Dies wirft nicht nur Fragen für die Programmierung auf, sondern erschwert auch die Forschung und Evaluierung im Bereich der Versöhnungsarbeit. Entsprechend schwach sind laut der Autorin auch die Indikatoren, die von den Projekten zur Wirkungsmessung herangezogen werden – insbesondere auf institutioneller Ebene und zur Beschreibung der vertikalen Veränderungen zwischen Gesellschaft und Staat.

Hieran schließt sich jedoch die grundsätzliche Frage an, inwieweit die zunehmende Orientierung auf Wirkungen hilfreich für die inhaltliche Arbeit im Themenfeld ist und gegebenenfalls Organisationen bevorteilt werden, die es am besten verstehen, den „talk of reconciliation“ der Geber zu sprechen. Von daher scheint das Ansinnen der Autorin folgerichtig, in einem nächsten Schritt das Sprechen über die Projekte mit der realen Arbeit vor Ort abzugleichen.

Links & Literatur

Reconciliation in Practice
Kelly McKone | USIP | August 2015

Reconciliation After Violent Conflict. A Handbook
David Bloomfield, Teresa Barnes, Luc Huyse | IDEA | 2003

Reconciliation?! Training Handbook for Dealing with the Past
Ivana Franović, Nenad Vukosavljević, Tamara Šmidling | Centre for Nonviolent Action | 2014

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