24-09-2014

Was hält bzw. bringt Nepal zusammen?

Was hält bzw. bringt Nepal zusammen? Diese Frage stand im Mittelpunkt des FriEnt-Rundtisches Nepal Anfang September und wurde vor dem Hintergrund der Beiträge von Heidi Gutsche und Prof. Dr. Joanna Pfaff-Czarnecka diskutiert. Heidi Gutsche ist Seniorberaterin des GIZ-Vorhabens „Unterstützung von Maßnahmen zur Stärkung des Friedensprozesses in Nepal“, welches bis Ende 2014 insbesondere die Reintegration von Ex-Kombattanten und -innen ins Zivilleben unterstützt. Dr. Joanna Pfaff-Czarnecka ist Professorin für den Lehrstuhl für Sozialanthropologie in der Fakultät für Soziologie der Universität Bielefeld.

Welche Aspekte des Sozialgefüges unterstützen den Zusammenhalt auf lokaler Ebene – trotz Gewalterfahrungen, gesellschaftlichen Veränderungen und politischen Umwälzungen? Wie gestalten sich gesellschaftliche und politische Prozesse auf lokaler Ebene und wie wichtig sind diese für nationale Prozesse? Und welche Bedeutung haben diese Ansätze und Programme für die Entwicklungs- und Friedensarbeit?

Heidi Gutsche führte in die Debatte anhand des Films „A Generation's Dream Comes True“ ein, der sowohl gesellschaftliche Veränderungen, damit zusammenhängende Herausforderungen als auch Lösungsansätze auf kommunaler Ebene dokumentiert. Ihre Erfahrungen bestätigten die Wirksamkeit von partizipativen und inklusiven Ansätzen auf kommunaler Ebene im Kontext der Reintegration von Ex-Kombattanten. Auftretende Konflikte sowie der Umgang mit den eigenen Gewalterfahrungen aus der Zeit des Konfliktes seien durch den inklusiven Ansatz des Vorhabens und speziell ausgebildete Dialogbegleiter aufgefangen und bearbeitet worden. Gemeinsames Lernen, Planen und Umsetzen (sei es in Infrastrukturnutzergruppen, in Berufsbildungskursen oder Bauerngruppen) verbinden alte und neuzugezogene Gemeindemitglieder. Ein weiteres verbindendes Element auf lokaler Ebene seien häufig Musik, Tanz und Theater. Lokalpolitiker sowie Angehörige der Polizei waren anfangs teils skeptisch, konnten aber häufig durch frühzeitige Einbindung und Sensibilisierung für den Ansatz des Projektes gewonnen werden. Eher schwierig sei die Zusammenarbeit mit der Administration auf Distrikt- oder nationaler Ebene, auf welcher auch Zuständigkeiten häufiger wechselten.

Dr. Joanna Pfaff zeichnete ein anderes Bild der nepalesischen Gesellschaft, in der sowohl traditionelle patriarchalische, nepotistische Strukturen als auch ambivalente Veränderungen (verschiedenen Versionen von Moderne) gegenwärtig sind, welche auch durch die egalitären Werte des maoistischen Kampfes geprägt wurden. Zugleich ist die Gesellschaft aufgrund ihrer Gewalterfahrungen von gegenseitigem Misstrauen und zunehmenden Ressentiments gegenüber dem Establishment gezeichnet und seit den 1990er Jahren auch stark politisiert. Mangelnde Perspektiven entzögen insbesondere den höher gelegenen Regionen Nepals unausgebildete männliche Arbeitskräfte ins Ausland. Positives Potenzial ginge von den engagierten Nichtregierungsorganisationen aus, die sich in Nepal für ein friedliches und inklusives Nepal engagierten.

Die Teilnehmenden waren sich einig, dass vor diesem Hintergrund in Nepal die Rolle und Zukunft der Jugend als besonders herausfordernd zu werten sei. Mangelnde qualitative und quantitative (berufliche) Bildung und Erwerbsmöglichkeiten in Nepal ginge einher mit einer starken Politisierung und Instrumentalisierung von Studenten durch etablierte Parteien.

Auch dieses Mal konnte die Frage, was die nepalesische Gesellschaft zusammenhält bzw. bringt, nicht abschließend beantwortet werden. Dennoch wurden einige Anknüpfungspunkte identifiziert, die für die internationale Unterstützung relevant sein könnten. Dies sind die positiven Ergebnisse mit inklusiven (Nutzer-) Gruppen auf lokaler Ebene, der Einbezug von Dialogbegleitern, die auch für den Umgang mit Gewalterfahrungen ausgebildet wurden, das gestiegene Bewusstsein für Rechte von Minderheiten und inklusiven Regierungsformen, das – wenngleich auch wenig nachhaltige – Funktionieren (lokaler) Bürokratien sowie engagierte Nichtregierungsorganisationen. Nicht zuletzt schütze auch die geographische Lage zwischen den geopolitischen Giganten China und Indien vor dem Auseinanderbrechen des nepalesischen Staates. Ein besonderes Anliegen internationaler Akteure müsse es insofern auch sein, Dezentralisierung und Eliten zu fördern, die lokale Bezüge haben und am gesamtgesellschaftlichen Gemeinwohl interessiert sind.

Die Themen Jugend und Arbeitsmigration wurden auf dem Arbeitstreffen als wichtige Aspekte identifiziert, die auf einem nächsten Rundtisch zu Nepal aufgegriffen werden sollten.

Links & Literatur

FriEnt-Homepage: Nepal

STPP Film: A Generation's Dream Comes True

Vom bewaffneten Kampf zur zivilen Verantwortung. Ein Beitrag zum Friedensprozess in Nepal
GIZ (im Auftrag des BMZ) | Kathmandu | 2013

Für den Frieden lernen. Arbeit mit Ex-Kombattanten in Nepal
Heidi Gutsche | in Wissenschaft & Frieden 2011-3

Introduction: Belonging and Multiple Attachments in Contemporary Himalayan Societies
Joanna Pfaff-Czarnecka | 2011

The Young Poltical Generation Today, Five Years Later
Amanda Snellinger | Himalaya Jounal |Volume 31 | Number 1

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