24-10-2014

Konfliktsensibilität: Zeit für das nächste Level!

Es gibt unzählige Beispiele, welche die Notwendigkeit eines konfliktsensiblen Vorgehens in fragilen und konfliktbetroffenen Gebieten aufzeigen: Nach dem Tsunami in Sri Lanka 2004 wurden die humanitären Akteure mit klassischen Fragen des Do No Harms konfrontiert. Während die vom Tsunami Vertriebenen Hilfeleistungen in Anspruch nehmen konnten, waren diejenigen, welche schon lange vor dem Konflikt auf der Flucht waren, von diesen ausgeschlossen. Dies hatte zu Spannungen innerhalb der Bevölkerung geführt. In Afghanistan können klassische Entwicklungsprojekte, wie der Bau von Bäckereien in Stammesgebieten, nur umgesetzt werden, solange eine Konfliktlinse und Maßnahmen der Konfliktlösung in die Projekte integriert sind. Der Umgang mit Konflikten ist oft viel zeitaufwändiger als schließlich der Bau der Bäckereien. In Liberia, einem Kontext, welcher geprägt ist von einem 14-jährigen Bürgerkrieg, muss sich der Privatsektor um Konfliktsensibilität bemühen, nicht nur, um Investitionen zu ermöglichen, sondern, um gewaltsame Konflikte mit den Jugendlichen zu vermeiden, die bis heute in latenten Netzwerken ehemaliger Kriegsherren organisiert sind und kaum Zukunftsperspektiven haben.

Nach einer ausgedehnten Phase der Entwicklung von Instrumenten und „Tools“ für konfliktsensibles Arbeiten im Rahmen der Entwicklungszusammenarbeit, humanitären Hilfe und der Friedensförderung wurden auch spezifische Ansätze entwickelt, um eine stärkere Integration dieses Konzeptes in Sektorenstrategien zu erreichen. Dazu wurde die Terminologie der Konfliktsensibilität in sektorspezifische „Sprachen“ übersetzt, z.B. im Wasser-, oder Bildungssektor. Schliesslich ist Konfliktsensibilität als integraler Bestandteil der 10 Prinzipien für Gutes Engagement in fragilen Staaten auch auf der Policy-Ebene angekommen. Der New Deal for Engagement in Fragile States deckt Konfliktsensibilität indirekt ab. Mittlerweile ist Konfliktsensibilität bei vielen zivilgesellschaftlichen, bilateralen und multilateralen Organisationen Teil der strategischen Ausrichtung und normativer Arbeitsansatz.

Ausgangspunkt des Expertentreffens war demnach die Feststellung, dass wir mit großem Engagement und langjähriger Arbeit sehr viel erreicht haben: Es gibt genügend Instrumente, Tools, Best Practices, Handlungsanleitungen und Erfahrungsberichte. Die meisten Organisationen haben Konfliktsensibilität in ihren richtungsweisenden Dokumenten verankert und das Konzept ist auf der Ebene der internationalen Policy-Debatten ein Thema. Und trotzdem: Die Umsetzung ist nicht systematisch. Die Kernfragen der Konfliktsensibilität werden sowohl im Feld wie auch auf der Policy-Ebene immer noch nicht genügend ernstgenommen.

Welche Vision der Veränderung haben die „Meinungsführer“ der Konfliktsensibilität, welche die unterschiedlichen Konzepte Do No Harm, PCIA oder konfliktsensibles Programmanagement entscheidend geprägt haben? Was braucht es über die üblichen Beratungsmandate und Trainings hinaus, um diese Veränderung zu erreichen? Welche Vision und strategischen Ziele der nächsten Stufe von Konfliktsensibilität bestehen und können entwickelt werden, um so einen Fuß in die Zukunft zu setzen?

Wanderbaustellen der Konfliktsensibilität

Konfliktsensibilität ist nicht nur Mittel der Konfliktanalyse der lokalen Kontexte, sondern dessen konsequente Umsetzung zwingt die Organisationen, ihr eigenes Dispositiv kritisch zu durchleuchten. Um tatsächlich auf Veränderungen in dynamischen Kontexten eingehen zu können braucht es flexible Anpassungen von Programmen. Mitarbeitende und die Organisationen müssen eingeübte Abläufe und ihre Ziele im Kontext überprüfen. Dementsprechend wird das Konzept der Konfliktsensibilität nur wirksam, wenn es Teil der DNA der handlungsbestimmenden Struktur aber auch der Arbeitshaltung einer Organisation wird. Gerade damit tun sich aber viele Organisationen, die sich zur Konfliktsensibilität bekennen, schwer. Sie sind oft nicht in der Lage oder bereit, eigene Strukturen und Ansätze oder Ziele von Geldgebern zu hinterfragen und institutionelle Veränderungen anzugehen, um nicht nur in diesen Kontexten engagiert zu bleiben, sondern darüber hinaus einen positiven Beitrag zu leisten. Die Konfliktsensibilitäts-Gemeinschaft könnte hier noch aktiver werden.

Auch in Zukunft wird es wichtig sein, Konfliktsensibilität und Friedensförderung nicht gleichzusetzen. Die Konfliktsensibilität ist transversal und betrifft alle Sektoren, Friedensförderung hingegen hat eigene Forderungen. Beide müssen komplementär gestärkt und nicht gegeneinander ausgespielt werden. Konfliktsensible Entwicklungszusammenarbeit oder humanitäre Hilfe hat ein großes Potential, einen friedensrelevanten Beitrag zu leisten. Jedoch braucht es auch eine Friedensförderung mit eigenen Instrumenten, welche auf solchen Beiträgen aufbauend Konfliktursachen direkt angeht. Auch solche Maßnahmen müssen auf ihre Konfliktsensibilität hin überprüft werden. Die letzte Friedensagenda der UN stammt von 1992 und muss vor dem Hintergrund der aktuellen Entwicklungen (z.B. Terrorismusbekämpfung im Sahel oder neue Akteure wie IS in Irak und Syrien, Konflikte in Europa) erneuert werden.

Das Verhältnis zur Macht ist ein weiteres Thema: Wer hat wirklich die Entscheidungsmacht über Veränderungen in den lokalen Kontexten und haben wir, die Expertengemeinschaft eine Entscheidungsmacht darüber, was in unseren Organisationen passiert? Nutzen wir diese konsequent und sinnvoll oder könnte die Einflussnahme auf der höheren,Policy-Ebene bzw. bei politischen Entscheidungsträgern noch gestärkt werden? Viele Experten sehen sich selbst selten als einflussreich, obwohl sie in Konfliktanalysen oder als Berater- und Trainer oft mit Machtfragen konfrontiert sind. Die Expertengemeinschaft sollte ihre eigenen Einflusssphären klären, um diese besser und systematischer zu nutzen. Netzwerke können dabei helfen, Zugangspunkte auf ganz verschiedenen Ebenen, von der lokalen bis zur internationalen Policy-Ebene, zu nutzen.

Fünf Ideen für die Weiterentwicklung

  • Mit welchen Schritten kann Konfliktsensibilität auf das nächste Level gehoben werden? Fünf konkrete Ideen, die die Teilnehmenden des KOFF-Expertentreffens in Zukunft in Arbeitsgruppen umsetzen werden:
  • Die Gruppe Rechenschaftspflicht wird, ähnlich wie Transparency International, ein System entwickeln, welche das Niveau der Konfliktsensibilität bei den Gebern und Implementierungspartnern misst.
  • Eine weitere Gruppe wird sich mit der Vernetzung lokaler Stimmen mit dem nationalen und globalen Policy-Diskurs beschäftigen.
  • Die Gruppe Frieden in Europa steht im Zeichen der aktuellen Herausforderungen mit dem Ziel, besser mit Konfliktrisiken in Europa umzugehen, die Friedensarbeit in Europa zu stärken und wenn nötig neue Ansätze zu entwickeln. Ein wichtiger Kontext wird dabei die Ukraine sein.
  • Eine Gruppe zu Business und Peace wird sich dafür einsetzen, den Privatsektor noch verstärkter als „Akteur zum Frieden“ zu engagieren und Konfliktsensibilität in „business practices“ mehr ein Gewicht zu geben.

Die fünfte Arbeitsgruppe wird an der Erstellung eines Konfliktsensiblitäts-Konsortium arbeiten. Im Zentrum steht, der Konfliktsensibilität vermehrt einen „community-Charakter“ zu geben, koordiniert von einem zu etablierenden Sekretariat. Hier sollen gemeinsame Erfahrungen zusammenfließen, die Kommunikation gebündelt werden und mehr Kapazität entstehen für Lobbying, Einfluss auf der Policy-Ebene und strategische Partnerschaften.

KOFF wird in den nächsten sechs Monaten die Koordination der Kommunikation zwischen den Teilnehmenden der Retraite sicherstellen. Sobald das Konsortium gegründet ist, wird dieses die Koordinationsaufgaben wahrnehmen.

Die fünf ausgewählten Themen bieten neue und konkrete Perspektiven, auf welche wir neben der Weiterführung von Trainings und Beratungsmandaten sowie der Unterstützung von KOFF-Trägern das Augenmerk legen werden. Deren Realisierung soll mit einem gemeinschaftlichen und nicht mit einem kompetitiven Ansatz angegangen werden, denn eines ist klar: Wir können Konfliktsensibilität nur auf die nächste Stufen heben, wenn wir dies gemeinsam tun und gegenseitig unsere Stärken nutzen.

Sidonia Gabriel ist Leiterin des Kompetenzzentrums für Friedensförderung (KOFF) von swisspeace.

Links & Literatur

Brief History of Conflict Sensitivity
Präsentation von CDA

Taking conflict sensitivity to the next level
Reflection Note | KOFF swisspeace

Manual: 3 steps for working in fragile and conflict-affected situations (WFCS)
Helvetas Manual | 2013

UN Online Kurs on Conflict Sensitivity

Conflict Sensitive Education Training Materials
INEE CSE package

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