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Elena Sondermann

Elena Sondermann ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin beim Institut für Entwicklung und Frieden (INEF) der Universität Duisburg-Essen. Zu ihren Forschungsschwerpunkten zählt die internationale Entwicklungszusammenarbeit sowie die globale (Gesundheits-)Governance.

Corona, Frieden und Konflikt

Das Covid-19 Virus stellt unser aller Leben auf den Kopf. Zunehmend werden auch die Auswirkungen auf Friedens- und Konfliktdynamiken deutlich. Als Wissensdrehscheibe hat es sich FriEnt mit der Blogserie „Corona, Frieden und Konflikt“ zum Auftrag gemacht, Erfahrungen unterschiedlichster Akteure zu teilen, Einschätzungen bündeln und neue Perspektiven auf Entwicklungen in Teilbereichen der Friedensförderung aufzuzeigen.

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Die Pandemie muss ganzheitlich bekämpft werden

Investitionen in Gesundheitssysteme für widerstandsfähige Gesellschaften
08. Mai 2020
Foto: World Bank | Sambrian Mbaabu | Flickr | CC BY-NC-ND 2.0

Für die globale Zusammenarbeit in Richtung nachhaltiger und widerstandsfähiger Gesellschaften ist die Corona-Pandemie wie ein Brennglas: Sie beschleunigt die zugrunde liegenden systemischen Ungleichheiten und bedroht Entwicklungserfolge der letzten Jahrzehnte. Angesichts der privilegierten Position Deutschlands im internationalen System, sollte die Bundesregierung den ganzheitlichen Ansatz der Agenda 2030 weiter vorantreiben.

Momentum nutzen, um einen Paradigmenwechsel in der Zusammenarbeit einzuleiten

Covid-19 ist eine globale Pandemie - sie überwindet alle Grenzen und betrifft alle Länder. Diese universelle Erfahrung und „Gleichheit“ markieren den entscheidenden Unterschied zu allen bisherigen Epidemien der Nachkriegsgeschichte. Die derzeitige Pandemie hat zumindest bis jetzt die reichsten Länder der Welt am meisten gefordert. Mehr als 90 Prozent aller Todesfälle wurden in „westlichen“ Ländern verzeichnet. Plötzlich bestimmen nicht mehr die Kategorien „entwickelt“ vs. „sich entwickelnd“ oder „globaler Norden“ vs. „globaler Süden“, wie wahrscheinlich und schwerwiegend Menschen an einer Krankheit leiden. Die Gefahr ist in allen Regionen hoch und unser Schicksal ist eng miteinander verbunden. Dieses Bewusstsein sollte die Transformation von immer noch gültigen Hilfsparadigmen hin zu verstärkter internationaler Zusammenarbeit beschleunigen, die darauf abzielt, globale Resilienz zu stärken.

Derzeit schwächen nicht nur Unilateralismus und geopolitische Kämpfe um die WHO den Multilateralismus. Auch Initiativen, die eigentlich die globale Reaktion auf Covid-19 stärken wollen, könnten am Ende dazu beitragen, die wichtigste Organisation der internationalen Gesundheitspolitik zu marginalisieren. Geberversprechen (z. B. das der EU am 4. Mai) und Finanzierungsentscheidungen privater Akteure (z. B. der Gates Foundation) werfen wichtige Fragen auf: Wie können „die Vielen“ in Entscheidungen über das Geld von „Wenigen“ einbezogen werden? Wie Rechenschaftspflichtigkeit gestärkt werden? Deutschland sollte seine Rolle im multilateralen System nutzen, um die Umsetzung des normativen Ziels einer „globalen Partnerschaft“ (SDG17) voranzutreiben. Das bedeutet, das multilaterale System zu stärken, Zivilgesellschaft einzubeziehen und auf internationale Beziehungen jenseits des Hilfe-Paradigmas zu setzen.

Lokale Kontexte erfordern globale Unterstützung, nicht globale Lösungen

Die Corona-Pandemie wirkt in allen Gesellschaften ungleich auf Lebenssituationen und die sozialen und wirtschaftlichen Kosten treffen einige mehr als andere. Diejenigen, die bereits zuvor kaum zurecht kamen, werden jetzt noch weiter zurückgelassen. Corona ist eine beispiellose globale Gesundheitskrise, und Krisenmaßnahmen sind von entscheidender Bedeutung. Diese müssen jedoch lokal angepasst und kontextspezifisch stattfinden. In vielen fragilen Staaten und Entwicklungsländern ist physische Distanzierung als Schutzmaßnahme unmöglich - sei es in den Townships Südafrikas oder in indischen Slums. Fragile Staaten und Entwicklungsländer sind am anfälligsten - Gesundheitssysteme sind schwach und andere soziale Sicherheitsvorkehrungen kaum vorhanden.

Bereits jetzt spüren viele Menschen, wie sich die gesunkene Nachfrage nach Waren und Dienstleistungen in Folge der Pandemie auswirkt. Das Stilllegen der informellen Wirtschaft und Rezessionen treiben viele in extreme Armut und Hunger. Wirtschaftliche, geschlechtsspezifische und soziale Ungleichheiten spitzen sich zu. Die Ärmsten und Machtlosen brauchen globale Unterstützung: von der finanziellen Hilfe des IWF und der Weltbank bis hin zu längerfristigen Entschuldungsversprechen. Es ist dringend erforderlich, die humanitäre Hilfe zu verstärken, die Anstrengungen zu bündeln und an die aktuellen Herausforderungen anzupassen. Gleichzeitig müssen Hilfszusagen eingehalten und mehr Zuschüsse gewährt werden. Wir erleben derzeit, dass die Stärke der Gesundheitssysteme über die Risiken und Kosten der Covid-19-Pandemie entscheidet. Investitionen in Gesundheitssysteme und allgemeiner Gesundheitsversorgung, wie sie in SDG3 vorgesehen ist, müssen vorangetrieben werden. Deutschland sollte seine wichtige Rolle in der globalen Gesundheitspolitik nutzen, um die Agenda auf Kurs zu halten.

Die Gesundheitskrise erfordert systemische Antworten und dauerhafte Veränderungen

Ungeachtet der Notwendigkeit sofortiger Maßnahmen ist diese Pandemie weder eine Überraschung, noch sollte sie als Ausnahme behandelt werden. Wie bisherige Epidemien wie Ebola oder SARS hebt Corona dramatisch hervor, dass Gesundheit ein intersektionelles Problem ist (und war) und untrennbar mit systemischen und langfristigen Herausforderungen verbunden ist. Gesundheit ist Produkt des jeweiligen sozialen und ökologischen Umfelds. Andere Politikbereiche wie Geschlechterpolitik, Ernährung und Armutsbekämpfung haben direkte Auswirkungen auf die Gesundheit der Bevölkerung. In der Vergangenheit waren die Lehren aus Infektionskrankheiten eher rar und führten hauptsächlich dazu, dass Gesundheit enggeführt wurde auf den „Schutz vor“ oder die „Eindämmung von“ übertragbaren Krankheiten („Versicherheitlichung“). Krankheiten wie Ebola führten zu einem „mehr“ an vertikalen Finanzierungsinstrumenten, zur Schaffung neuer Institutionen oder Allianzen - oder sie wurden einfach vergessen.

Bei Corona sollte es anders sein. Um die am stärksten Gefährdeten zu schützen und die globale Widerstandsfähigkeit (Resilienz) zu stärken, müssen wir Gesundheit als Menschenrecht verstehen und den ganzheitlichen Ansatz der Agenda 2030 für eine nachhaltige Entwicklung umsetzen. Investitionen in öffentliche Güter im Sinne einer „globalen Partnerschaft“ verändern die Politik der globalen Gesundheit grundlegend. Dieser Ansatz sollte sich auch in der Reform der deutschen Entwicklungszusammenarbeit widerspiegeln.

Die Arbeitsgemeinschaft Frieden und Entwicklung (FriEnt) ist ein Zusammenschluss von staatlichen Organisationen, kirchlichen Hilfswerken, zivilgesellschaftlichen Netzwerken und politischen Stiftungen.

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