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Ingolf Seidel

Ingolf Seidel arbeitet seit 2009 für das Bildungsportal "Aus der Geschichte lernen" und ist verantwortlich für Redaktion und Projektmanagement. Er führt Seminare zur (historischen) politischen Bildung durch und konzipiert Bildungsmodule.

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Jenseits nationaler Erinnerungskulturen

Trilaterale Begegnungsseminare mit Belarus, Polen und Deutschland
08. März 2021
Sincerely Media | Unsplash

Internationale Austausch- und Begegnungsmaßnahmen sind seit den frühen 1950er Jahren in der Bundesrepublik ein zunehmend wichtiger werdendes Format der Jugendbildungsarbeit. In der Regel handelte es sich aufgrund komplizierter Visavoraussetzungen und eines damit verbundenen hohen administrativen Aufwands um bilaterale Veranstaltungen. In den letzten Jahren ist eine Zunahme von multilateralen Begegnungen festzustellen.

Internationale Austausch- und Begegnungsmaßnahmen sind seit den frühen 1950er Jahren in der Bundesrepublik ein zunehmend wichtiger werdendes Format der Jugendbildungsarbeit. In der Regel handelte es sich aufgrund komplizierter Visavoraussetzungen und eines damit verbundenen hohen administrativen Aufwands um bilaterale Veranstaltungen. In den letzten Jahren ist eine Zunahme von multilateralen Begegnungen festzustellen. Ein Beispiel für einen solchen multilateralen Austausch ist die Begegnung von 30 jungen Studierenden aus Polen, Belarus und Deutschland in den Jahren 2017 und 2018 unter institutioneller Mitwirkung der Geschichtswerkstatt „Leonid Levin“ in Minsk, der Internationalen Jugendbegegnungsstätte (IJBS) in Oświęcim/Auschwitz sowie des Bayerischen Jugendrings. Über anderthalb Jahre verteilt fanden drei fünftägige Begegnungsseminare statt, die unter der thematischen Überschrift „Erinnerungskulturen zum Zweiten Weltkrieg und dem Holocaust: Polen, Belarus, Deutschland“ standen.

Seminarthemen: Dimensionen der deutschen Massenverbrechen und Täterschaft

Im Rahmen der Begegnungen wurden unterschiedliche Aspekte der jeweiligen nationalen Erinnerungserzählungen über den Zweiten Weltkrieg und den Holocaust aufgegriffen. Die jeweilige Schwerpunktsetzung erfolgte durch die Kolleg*innen vor Ort. In Polen stand die Auseinandersetzung mit dem historischen Ort, also dem Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz und der erinnerungskulturelle Umgang im Mittelpunkt. In Minsk standen neben der Beschäftigung mit der bis heute stark sowjetisch und heroisch inspirierten Erinnerung in Belarus, die historischen Orte Malyj Trostenez und Blagowschtschina im Fokus. Beides sind Vernichtungsorte bei Minsk, an denen zwischen 1942 und 1944 überwiegend Jüdinnen und Juden, aber auch sowjetische Kriegsgefangene und Menschen, die unter Partisanenverdacht standen, ermordet wurden. Trostenez war die größte Vernichtungsstätte auf dem Gebiet der besetzten Sowjetunion. Hier wurden zwischen 50.000 und 206.500 Menschen ermordet. 2018 wurde u.a. mit deutscher Beteiligung eine Gedenkstätte eröffnet. Das abschließende Seminar in München thematisierte marginalisierte Opfergruppen wie Sinti und Roma, Homosexuelle und sowjetische Kriegsgefangene sowie den Umgang mit Täterschaft. Mit diesen Opfergruppen setzten sich die Teilnehmenden bei Exkursionen in die KZ-Gedenkstätte Dachau und zum nahen ehemaligen SS-Schießplatz in Hebertshausen, auf dem über 4.000 sowjetische Kriegsgefangene ermordet wurden, näher auseinander. In einem Gespräch mit Niklas Frank, Sohn des NS-Generalgouverneurs in Polen, Hans Frank, ging es schließlich um die kritische posthume Auseinandersetzung mit seinem Vater, der im Nürnberger Prozess zum Tode verurteilt und am 16. Oktober 1946 erhängt wurde.

Worin liegen Besonderheiten einer solchen trilateralen Begegnung?

Eine zentrale Besonderheit ist, dass die Teilnehmenden aus zwei Ländern stammen, die im Zweiten Weltkrieg durch Deutschland überfallen wurden. Doch auch Belarus und Polen verbindet eine Konfliktgeschichte, die insbesondere auf die Zeit zwischen beiden Weltkriegen zurückgeht, als der westliche Teil von Belarus zu Polen gehörte, während der östliche Landesteil die Weißrussische Sozialistische Sowjetrepublik (SSR) bildete. Im Rahmen des geheimen Zusatzprotokolls des Molotow-Ribbentrop-Paktes besetzte die Sowjetunion 1939 Ostpolen. Der westliche Teil von Belarus wurde in der Folge der Weißrussischen SSR zugeschlagen. Diese Thematik wurde zwar im Rahmen des Seminares nicht in Form einer Lerneinheit aufgegriffen, sie kam jedoch in Diskussionen zur Sprache, ohne dass wechselseitige Gebietsansprüche formuliert wurden. Vielmehr galt das Interesse der Teilnehmenden den Einschnitten, die nationale Grenzen durch historische Regionen ziehen.

Zwei Seminarpunkte waren für die belarussische und die polnische Gruppe von besonderem Interesse. Für die belarussischen Teilnehmenden hatte die Thematisierung der sowjetischen Kriegsgefangen und der Besuch des ehemaligen SS-Schießplatzes auch emotionale Bedeutung. Vor Ort organisierten die Teilnehmenden spontan eine kurze Gedenkzeremonie, die auf alle Beteiligten emotionalisierend wirkte. Da die sowjetischen Kriegsgefangenen in der westlichen Erinnerung nur eine marginale Rolle spielen, hat es ein besonderes Gewicht, wenn eine Gelegenheit geschaffen wird, an sie zu erinnern. Für die polnische Gruppe wiederum war die Begegnung mit Niklas Frank ein wichtiges und wohl auch prägendes Erlebnis. Franks Distanz zu seinem Vater ermöglichte es sich im Gespräch mit Fragen von Täterschaft und der Verantwortung von Nachgeborenen zu befassen. Eine Thematik, die auch für die aus Deutschland kommenden Teilnehmenden, besonders vor dem Erstarken extrem rechter politischer Strömungen und Parteien, einen wichtigen Gegenwartsbezug hat.

Die Arbeitsgemeinschaft Frieden und Entwicklung (FriEnt) ist ein Zusammenschluss von staatlichen Organisationen, kirchlichen Hilfswerken, zivilgesellschaftlichen Netzwerken und politischen Stiftungen.

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